Satirisch schwer beblogbares Thema

Political Ambiguity, Explicit SarcasmEs gibt eine Petition mit dem Titel Kein Adorno-Preis fuer Judith Butler! Kein Adorno-Preis fuer Antisemiten!. Satirisch juckt es in den Fingern. Aber es wurde nichts. Sei es um einen Tagesartikel zu haben, sei es, weil ich neulich Adaptation gesehen habe, schildere ich mal das (fiktive) Scheitern des Schreibprozesses:

Die erste Idee war schnell gefunden:

„Kein Adorno-Preis für Judith Butler, kein Adorno-Preis für Jüdinnen“

Viel zu hart, auch für Satire, auch gePAESt und kann darüber hinaus übelst mißverstanden werden. Ganz schlechte Idee. Butler wurde doch mal als Star gefeiert, nachdem sie einen Preis abgelehnt hatte. Wie wär es also mit:

„Keinen Adorno Preis annehmen von Judith Butler! Kein Preis, benannt nach Homophobikern!“

Naja, das jetzt zum Totschlagargument gerinnen zu lassen, ist vielleicht alleine strategisch suboptimal. Außerdem geht das ja am Punkt vorbei, eine wichtige Kritik an der Kritischen Theorie wird hier lediglich als ad hominem eingesetzt. Dann schaue ich mir nochmal die ursächlichen Statements an (der Link ist ja bereits auf diesem Blog verlinkt und zwar hier). Schlechte-Laune Material voller geistiger Tiefflüge. Viel mehr als ihr Statement die ganzen Fragen aus dem Publikum; mir wäre auf dem Podium längst der Kragen geplatzt, aber sie nimmt das Gerade als legitime Fragen und greift bis zu den Schultern ins Klo.

Hiermit wäre die Aussage, es gebe keinen dummen Fragen widerlegt. Dabei stellt sie an anderer Stelle doch die richtige Frage zum Nahostkonflikt: Wer wird als Subjekt gesehen, welche Opfer gelten als betrauernswert, welche nicht. Leider taugt ihre Antwort nichts.

Aber halt, während Deutschland immernoch antisemitisch durchsetzt ist und 90% der sich zum Nahostkonflikt äußernden an (eigenen) Geschichtsbefindlichkeiten doktorn wollen, befindet sich Butler doch in einer anderen diskursiven Großgemengelage. Sie ist in einer jüdischen Familie aufgewachsen, also muß es ihr nicht sosehr wie o.g. deutschen 90% um klassisches Othering handeln. Und dann wäre noch die isradelfreundliche Staatsräson der Neocons, bis hin zu offenem Rassismus; pars prototo sei die Behauptung von Ayn Rand, Palästinenser seien „Savages“ herangezogen.

Da liegt die einfache Negation so nahe, manifestiert in beknackter (zweiwertiger) „der Feind meines Feindes“ Logik. Aber moment, Adenauer und Springer haben Unterstützung Israels auch zur Staatsraison erklärt. Dennoch ist es hier irgendwann gelungen, Antisemitismus in linken Kreisen zu thematisieren. Nunja, viele haben bei diesen Auseinandersetzugnen ihren Verstand verloren und die einfache Negation hat selbst auf Adornitisch-antideutscher Seite manchmal grausam zugeschlagen. Wie bringe ich das in eine witzige Formulierung?

Vielleicht brauchen amerikanische Gefühlslinke Entwicklungshilfe aus Deutschland?

Naja, auch ein wenig kolonial gedacht; zumal doch noch zuviel vor der eigenen Haustür zu kehren ist. Dann würde ich dieses, mein, Statement auch wieder parodieren müssen:

Am antideutschen Wesen soll die Welt genesen!

Aber das wäre schon wieder zu hart und eröffnet einen nicht unproblematischen Assoziationsraum. Vielleicht das irgendwie abschwächen oder vereindeutlichen? Das Dilemma, damit entweder als Anti-D zu gelten oder Applaus aus der falschen Richtung zu bekommen bleibt.

Bei den konkreten Vorwürfen ging es um Antizionismus und paktieren mit – bzw. nicht hinreichend distanzieren von – antisemitischen Gruppen. Gibt es eigentlich darüber hinausgehende Hinweise auf Antisemitismus? In Deutschland steckt hinter Antizionismus so häufig Antisemitismus, daß ein induktiver Schluß sicherer als so manches Alltagswissen funktioniert; aber auch in den USA? Ich weiß es nicht. Auch wenn die Selbst- und Fremdzuschreibung „jüdisch“ sicherlich nicht vor Antisemitismus schützt, wäre auch zu fragen, ob es sich um Beißreflexe gegen israelischen Vertretungsanspruch, ergo einen „innerjüdischen“ Konflikt um Deutungshoheit handelt, den außenstehende vielleicht besser nicht mit eigenen Be-Deutungen aufladen sollten? Nachtrag: Butlers Replik geht auch in diese Richtung.

Unqualifizierter Zwischenruf von den Billigen Plätzen: BITTE KEINE UNQUALIFIZIERTEN ZWISCHENRUFE VON DEN BILLIGEN PLÄTZEN

Vielleicht noch irgendwas dazu, daß in der Petition der Begriff „Terrororganisation“ unreflektiert eingesetzt wird, „Terrorismus“ ist immer eine Fremdzuschreibung für die es mindestens 108 Definitionen gibt. Versuchen wir’s mal

„Terrororganisation“ ist genauso spezifisch – und zugegebenermaßen zutreffend – wie „Arschgeigenorganisation“

Ach nee, das ist die Fußnote zu einem Nebenkriegsschauplatz. Die Apartheidsvergleiche haben doch Potential. Vielleicht spiele ich den Szenenasenschreck und mach‘ einen Waffenporno daraus:

Die südafrikanische Armee nutzt bis heute eine Lizenzfertigung des israelischen Galil; wie das potentielle Nachfolgemodell CR-21 basiert auf diesem …

Nee – wieauchimmer wir die damaligen Waffendeals bewerten, die Apartheidsvergleiche sind so übel, besser die ins Lächerliche ziehen:

Wenn Israel ein Apartheidsstaat wäre, könnte die Forderung nach einem palästinensischen Staat als Unterstützung der Homelandpolitik gesehen werden. Wieviele Besucher*innen des Landes sich wohl strafbar nach „Immorality Act“ gemacht haben und was mit den Kibbuzim nach dem „Suppression of Communism Act“ passierte …

Nach Kulturellepraxisstandard mache ich aber sowas nur mit ein wenig Substanz, aber ich habe keine Lust, den Ordner „Das System der Apartheid in Südafrika 1948-1994“ zu suchen.

Nun ist es ein philosophischer Reflex, wenn es irgendwie einfach nicht hinhaut, auf eine Metaebene zu wechseln. Und so schrieb ich:

Es gibt eine Petition mit dem Titel …

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8 Responses to Satirisch schwer beblogbares Thema

  1. Odradek sagt:

    Überlege gerade, hätte sich was aus der Tatsache machen lassen, daß Derrida antisemitisch verfolgt war, aber dennoch Texte von Martin Heidegger oder Paul de Man genutzt hat. Daß Dekonstruktion ihrer Texte doch noch die Interessanz bei Butler nutzbar läßt? Oder daß sie erst tot sein muß, um Aspekte ihres Werkes wieder zu würdigen?

    Wiegesagt: Butlers Blamagen treffen die Queerstudies nicht so hart wie es Personenkultist*n annehmen. Seit Rassismuskritik an Bedeutung gewann – Butler rennt diesem Trend lediglich hinterher -, also „Intersektionalität“ aktuelles Modewort ist, kam heraus, daß viele Einwände, z.B. des Black Feminism ersteinmal zu verknusen waren.

  2. Feedback zu diesem Artikel entwickelte sich zu etwas komplett Unvorhergesehenem: Schnitzeljagd nach einem Mem. Wir bekamen Lob für den Satz „Der Empörstör distanziert sich vom Erklärbären“; Ehre wem Ehre gebürt: Es wurde sofort eingeräumt, diese – wirklich gelungene Idee – von Yetzt geguttenbergt zu haben. Dieser meinte auf Anfrage, es sei wohl von theGurkenkaiser.

  3. Odradek sagt:

    Mal ein paar ganz blöde Fragen (wissend, daß das wohl kaum jepserd lesen wird): Butler äußert sich antizionistisch – und zwar äußerst beknackt – und paktiert mit Antisemit*n. Gibt es darüber hinaus Hinweise auf Antisemitismus?

    Falls das nicht der Fall ist: Diese Gleichsetzung ist in deutscher diskursiver Großgemengelage praktisch, da Antizionismus tatsächlich meist als Vorwand für antisemitische Äußerungen genutzt wird. Frage ist (1) funktioniert das in den USA genausogut? (2) Könnte es sein, daß Butler als jüdisch situierte Person Beißreflexe gegen den israelischen Vertretungsanspruch hat? In dem Fall wäre es eigentlich besser, als im antisemitischen deutschen Diskurssumpf situierte außenstehende zu schweigen …

    All diese Fragen sind offene („legitime“ nach Heinz von Foerster) Fragen, da ich die Antworten nicht weiß.

  4. Odradek sagt:

    Könnte es sein, daß vor lauter Kampf um theoretische Deutungshoheit, sowie Pawlow’sche Beißreflexe bei bestimmten Äußerungen und/oder Formulierungen die entscheidende Frage, ob/wo Butler wirklich ins Klo gegriffen hat verunmöglicht wird?

  5. […] Beiträge. Folgender gehört nicht dazu und demonstriert, daß auch der Niveaukeller jener Debatte noch Falltüren hat: […]

  6. Odradek sagt:

    Die Zeit legt nach, ein nicht vollkommen sauberer, aber dennoch bemerkenswerter Artikel zu ihrer Philosophie.

    Mag auch daran liegen, daß die Autorin sich philosophisch an irgendetwas entlanghangeln mußte, aber interessant fand ich an diesem Artikel, wiesehr Hegel und (einige) Freud Bezüge herausgestellt wurden: Es macht Angriffe seitens der Adornit*n wesentlich pikanter, daß Butler so nahe an einigen wichtigen Bezugsgrößen der Frankfurter ist. Im Falle der Psychoanalyse gar eindeutig näher, als es (vermutlich) die Kulturellepraxis vertreten könnte …

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