Vorführung #2

Es eigentlich beim Dampfablassen – für die eigenen Leute und sich – zeitliche wie emotionale Ressourcen schonen wollend es bei einem kurzen Rant belassen zu haben, kam jetzt ein Kommentar des Audioarchivs ‚rein. Twitter beendete offenbar unser Hipstereskes Undergrounddasein. Auch wenn soetwas soviel raum zu geben vielleicht eine suboptimale Idee ist – der Empörstör distanziert sich vom Erklärbären -, ausnahmsweise: Challenge Accepted!

Ähm, hä? Korecky und Soiland sind beide keine Polemikerinnen.

Woher die Aufregung? Ist deine identitäre Bindung an J. Butler so groß, dass jeder kritische Beitrag sofort als Angriff der Kenntnislosen abgewehrt werden muss? Wäre eine inhaltliche Kritik, die jene vermeintliche Kenntnislosigkeit herausarbeitet, nicht angebracht? Machst du dich mit solchem kompetenz- und substanzlosen Geschimpfe nicht genau dessen schuldig, was du an “kritischen Kritiker*innen” so scheiße findest?

Ich schlage vor, du hörst dir die Vorträge erstmal an und urteilst dann.

Es stimmt, strenggenommen kann nicht von „Polemik“ die Rede sein, denn diese setzt wenigstens rhetorisches Talent voraus.

Wenn wir uns schon Vertiefungsempfehlungen um die Ohren hauen, wäre eine kritischere Haltung zur Psychoanalyse – die keineswegs mit der Psychologie verwechselt werden sollte – ratsam. Aus Kritisch-Psychologischer Sicht hierbei unübertroffen ist Holzkamp, Klaus: Die Bedeutung der Freudschen Psychoanalyse für die marxistisch fundierte Psychologie; in: Forum Kritische Psychologie 13 (1984); S. S. 15-40. (online verfügbar), sowie Halle, Randall: Zwischen Marxismus und Psychoanalyse : Antifaschismus und Antihomosexualität in der Frankfurter Schule; in: Zeitschrift für Sexualforschung 9 (1996) S. 343-357.

Aber wenn wir eine weile in psychoanalytischen Denkstilen verharren, fällt auf, daß „identitäre Bindung an J. Butler“ unterstellt wurde. Regelmäßige Leser*innen wissen, daß ich recht altmodisch auf Antiessenzialismus und Identitätskritik stärker beharre als der gegenwärtige Diskussionsstand und daß das gesamte Kulturellepraxis-Team die Metapher vom theoretischen Werkzeugkasten gerne strapaziert (vgl. Foucault, Michel: Mikrophysik der Macht : Über Strafjustiz, Psychiartrie und Medizin; Berlin 1976; S. 53.). Woher kommt die Vorstellung von mindestens 9 jahre lang unveränderten Theorie/Praxis oder die Vorstellung, es werde identitär besetzt einer Theoretikerin hinterhergedacht? Die den Zenit ihrer Bedeutung btw. auch längst überschritten (siehe z.B. das Literaturverzeichnis eines queeren Einführungsvortrags), aber bei aller Kritik – es gibt auch berechtigte, die aber in dieser Kakophonie unterzugehen droht – sicherlich keine Konstruktivistin ist. Spricht da nicht eher der eigene Umgang mit Theoretiker*n? Solche Küchenpsychoanalyse bringt uns aber nicht weiter, arbeitet diese doch meist mit „Misanthropen Unterstellungen“ (Schulz von Thun, Psychologe, kein Psychoanalytiker). Das dürfte aber erklären, warum die Vorwürfe gegen meine Person eine ähnliche Dichte an sachlichen Fehlern aufweisen wie die Vorträge dieser kritischen Kritiker*innen. Handwerkliche Kritikpunkte an Soiland wurden verlinkt; hinzufügen könnte ich lediglich den Hinweis darauf, daß ihr Versuch einen „Neoliberalismus“ Begriff zu verwissenschaftlichen auf poststrukturalistischen Unterströmungen basiert, die die Verzahnung von Diskurs und Praktiken nicht so konsequent praktizieren wie ausgerechnet „St.“Judith. „Bodies that Matter“ don’t matter?!? Und nein, die Queer Studies vernachlässigen die ökonomische Komponente nicht vollständig: Wer einen wissenschaftlich kleinteiligen und ausdifferenzierten Verriß haben will, möge die Arbeitszeit entlohnen, auch mit großen Idealen muß pers Miete zahlen.

Apropos unbezahlte Arbeit: Daß ich kürzlich poststrukturalistismuskritisches Material auf FRN hochgeladen habe und keine O-Töne von örtlichen Szeneadorniten für jene Sendung bekommen hatte, da das Thema außerhalb des üblichen Dunstkreises lag, sei nur als kleine Anekdote am Rande erwähnt.

Wieso ärgert mich das also persönlich? Die AKtuelle Kamera Tagesschau schaffe ich doch auch erfolgreich zu ignorieren. Nunja, das ist „überdeterminiert“ (Althusser, nicht Sigi; bei einer ernsthaften auseinandersetzung zwischen marxistischer und poststrukturalistischer Theorie müßte er als „Missing Link“ stärker in die Wahrnehmung genommen werden). Zuallererst, daß es sich um Ideologie im Sinne geschlossener, nicht lernfähiger (bzw. -williger) Denksysteme handelt. Dies ließe sich psychoanalytisch erklären und würde sich wiegesagt perfekt mit der Abstraktionsfeindlichkeit und Überschätzung der Bedeutung von „Pomo“ Strohpuppen-Gegner*innen zusammenpassen und das ganze wiederum mit der Tendenz, sowas nur bei anderen zu suchen aufs trefflichste funktionieren; aber unsere Haltung zur Psychoanalyse wurde ja eingangs erläutert.

Das Hauptproblem ist, daß durch solche Beiträge die Kommunikationsmöglichkeiten tatsächlicher kritischer und kontroverser Auseinandersetzung geschädigt werden; sowohl auf stilistischer Ebene – echte Psychologie, in der Psychoanalyse nicht vorkommt spricht von „Reaktanz“ -, als auch inhaltlicher. Daß der Dekonstruktionsdetektor derartiges Denken in hierarchiesierten Binaritäten kein gutes Denken sein kann sei nur am Rande bemerkt, vielleicht stimmen ja einige Dialektiker*innen zu.

Auf inhaltlicher Ebene ist das insofern persönlich, alsdaß meine handwerklichen Ansprüche an mich und meine Vorträge anders aussehen. D.h., meine Arbeit wird durch soetwas systematisch herabgewertet, da die Opfer des Dunning-Kruger-Effekts – auch wieder echte Psychologie – den Unterschied selten merken. Zuguterletzt ärgert mich auch persönlich der Brian Faktor: „Es gibt Typen, die wir noch mehr hassen als die Römer: diese verfluchten Judäischen Volksfrontmistkerle. —Oh ja… ja. Spalter“. Zweifelsohne gibt es „links“ identifizierte Strömungen von denen Distanzierung geboten ist; „den“ [sic/*facepalm*] Poststrukturalismus so zu behandeln entwertet die Bedeutung dartiger moralisch zu ziehender Abgrenzungen durch Inflation; ohne jetzt ein martkonformes Konkurrenzverhalten zu unterstellen.

Merke: Auf interdisziplinäre Auseinandersetzungen nur einlassen, wenn pers mehr über das kompetenzfeld des Gegners weiß als umgekehrt. Wir bitten das Audioarchiv dringend, künftig besser auf ihre Qualitätsstandards zu achten.

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