Faschismusdiagnose

Dank an ihdl!

„Nenne mir Kriterien, nach denen Du zweifelsfrei festestellen kannst, ob jemand ein Nazi ist!“ – „Moment, laß‘ mich nachschlagen. ‚Faschismus‘ nee, ah, hier haben wir es: ‚Nationalsozialismus‘, das ist ICD11 F60.88. Es müssen dafür mindestens zwei oder mehr der folgenden Symptome mit einer Signifikanz von 5 oder sicherer diagnostiziert werden, …“

Eine Diagnose läuft gefahr, etwas zum Wesensmerkmal zu machen;[1] eine psychi*sche zudem, daß jede Lebensäußerung zum Teil der Symptomatik wird[2] – self-forfilling-prophecy läßt grüßen. Die scheinbare „Objektivität“ von Diagnosen ist eher Produkt einer Lehrbuchlernen-Ausbildung und der Geschichte medizinischen oder psychologischen Wissens, als in der Sache begründet.[3]

Objektivistische medizinische Diagnosen rufen Leid hervor. Um jetzt nicht traumatische Zwangsoperationen an intersexuellen Kindern als Beispiel für die Normativität medizinischen Wissens zu strapazieren ein anderes Beispiel: Grundimpuls der Disability Studies war die Einsicht, besser die Lebenswelt von Behinderung betroffener zu berücksichtigen, als ihre Situation mit dem medizinischenen Blick zu beschrieben zu glauben.[4]

Interessante Einblicke in ärztliches Denken und bereits mit dem Hinweis, wie epistemisch heikel diese – später ausgeweitet auf andere Wissenschaften – sind, findet sich beim frühen Fleck.[5]

Wie jetzt in diagnosestellenden Berufen mit diesen Einsichten praktisch umgegangen wird, folgt nicht zwingend aus dieser Kritik. Solche muß auch nicht immer konstruktiv sein. „Vorsichtig, undogmatisch und auf die Folgen bedacht“ wäre aber die Mindestantwort.


[1] „Der Sodomit war ein Gestrauchelter, der Homosexuelle ist eine Spezies.“, Foucault, Michel: Der Wille zum Wissen : Sexualität und Wahrheit Bd.1; Frankfurt/M 1983; S. 58.

[2] Rosenhan, David: Gesund in kranker Umgebung; in. Watzlawick, Paul (Hrsg.): Die erfundene wirklichkeit : Wie wissen wir, was wir zu wissen glauben? Beiträge zum Konstruktivismus; München 1983; S. 111-137.

[3] Siehe hierzu etwa: Foucault, Michel: Wahnsinn und Gesellschaft : eine Geschichte des Wahns im Zeitalter der Vernunft; Frankfurt/M 1973. Sowie Ders.: Die Geburt der Klinik : eine Archäologie des ärztlichen Blicks; Frankfurt/M 1973.

[4] Vgl. dieses Interview mit den ZeDiS Gründern Lars Bruhn und Jürgen Homann.

[5] Fleck, Ludwik: Über einige besondere Merkmale ärztlichen Denkens; in: Ders.: Erfahrung und Tatsache; hg.v. Schäfer, Lothar; Schnelle, Thomas; Frankfurt/M 1983; S. 37-58.

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