Eine Lanze für #7 Eine Lanze gegen Feedback

Setzen wir mal die Neoliberalen Verstrickungen als bekannt voraus und fangen bei „der Empirie“ an:

Lowlights der Feedbackkultur

  • „Handouts mit Literaturhinweisen wären überflüssig, ich habe mir hierfür keinen Ordner angelegt“.
  • Die Bemerkung eines Tutors über einen Gastvortrag „Der Vortrag war zu kompliziert, nach fünf Minuten habe ich meinen Laptop aufgeklappt und mich mit Anderem beschäftigt“ resultiert im Urteil, daß der Vortrag mißlungen sei.
  • Ein Lehrender verlangt, Laptops (unrelated zu ihdl’s Laptopsorgen) in seiner Lehrveranstaltung zuzulassen, – höchstwahrscheinlich – die angesprochenen vergeben als billige „Rache“ in der Seminarevaluation schlechtstmögliche Noten.
  • Ein studentisches Referat in einem Pflichtseminar. Das Feedback der Komiliton*n fällt verhalten aus, der Präsentationsstil ließe sich etwas verbessern. Glücklicherweise für d* Referent*n sagte niemand die Wahrheit: „das klingt, als wäre es in der Nacht zuvor zusammengeschustert worden und mit weniger als zwei Stunden Schlaf vorgetragen.“
  • Nach drei Vorträgen zur Kritischen Psychologie, diversen Erwähnungen auf der Veranstaltungshomepage und gegebener Nachschlagbarkeit in diversen – auch online gebräuchlichen – Enzyklopädien: „Ich fand das Passwort auch schwer zu merken, wer soll ‚holzkamp‘ sein?“.
  • Ein besonders schönes Beispiel: Eine Person in herausragenden Sprecher*innenposition bemerkte, die Internetpräsenz sei etwas unübersichtlich. Dies betraf eine handgecodete scriptfreie html-Seite, ein mittlerweile zugegebenermaßen etwas ungewohnter Anblick. Doch wurde dieses Relikt einige Wochen zuvor ersetzt. Monate später wird auch von teilnehmender Seite „Unübersichtlichkeit“ als Grund angegeben, die Internetpräsenz nicht genutzt zu haben. Zu jenem Zeitpunkt handelte es sich um ein gebräuchliches WordPress, dessen RSS-Feed bei Facebook gespiegelt wurde. Der Treppenwitz, daß für Blinde die html-Seite weitaus barrierefreier war, aber Zugänglichkeit für Denkfaule Priorität hatte, sei nur am Rande angemerkt. Technikaffine können btw. nach wie vor direkt den Fileserver nutzen.

Reaktion
In professioneller Rolle darf pers bei soetwas nicht ausfallend werden. Zumal sonst das Feindbild schnell feststeht. Und auch ein freundlicher Hinweis auf die Möglichkeit eigenverantwortlichen Nachschlagens läßt sich derartig einordnen. Nach Feedbackkultur müssen solche Sachen ohnehin stehen gelassen werden, andernfalls werde Offenheit der Beteiligung entmutigt.

Konsequenzen
Viel Ähnliches geschrieben, aber manche Sachen können auch häufiger mal geschrieben werden.

Das heißt, soetwas wird unwidersprochen als Normalität akzeptiert. Dadurch daß etwas kompliziert genannt wurde, war es allgemein akzeptiert, sich unter diesem Vorwand nicht damit zu beschäftigen. Wenn eine hinreichend große Gruppe ohne wirksamen Widerspruch derartig handelt, wird solch ein Verhalten zum Standard; poststrukturalistisch formuliert: Die Performativität der Ignoranz. Hier wird auch das Feedback auf seine kybernetischen Wurzeln zurückgeführt: Ignorenz als Sollwert dieses Rückkopplungsprozesses. Das heißt: Feedback als Gegenkopplung zum Lernen.

„There is a cult of ignorance in the United States, and there always has been. The strain of anti-intellectualism has been a constant thread winding its way through our political and cultural life, nurtured by the false notion that democracy means that „my ignorance is just as good as your knowledge.“(1, vgl.)

Außerdem: Wem wird eigentlich durch diese Vorgehensweisen Raum gegeben? Dem Anspruch nach allen, der Praxis nach häufig denen, die sich diesen Raum nehmen. Und offenbar werden extreme Negativwerte häufiger mit schlechten als guten Gründen vergeben.

Fazit
Da nichts qua Konzept funktioniert, da Wirkungen häufig schwer ab- wie einzuschätzen sind und da Qualitätssicherung bisweilen sinnvoll sein dürfte, soll hier „Feedback“ nicht pauschal zurückgewiesen werden. Jedoch gefragt, was es eigentlich mißt und welche Relevanz das Gemessene hat. Dem unkritischen Glaube an dieses Werkzeug, bzw. damit nur Gutes zu schaffen, muß jedoch aufs Schärfste eine Absage erteilt werden.

Advertisements

5 Responses to Eine Lanze für #7 Eine Lanze gegen Feedback

  1. Odradek sagt:

    Nochmal anders formuliert: Die Erwartungen des Publikums dürfen nicht der Sollwert für Bildungsinhalte sein, da es bei soetwas gerade darum geht, diese Erwartungen – den Rahmen des Erwartbaren – zu transformieren. Alles Andere ist bestenfalls Aus-, schlimmstenfalls Halbbildung. Auch sei nochmal explizit auf den Bröckling-Artikel hingewiesen, er verdeutlicht noch ein paar Zusammenhänge.

    Ein paar neue Lowlights:
    – Nach einer Kritik an Feedbackkultur war der Rücklauf an Feedbackbögen rekordverdächtig hoch. Reaktanz? Liebgewonnene – identitär besetzte – Folklore?
    – „Es war so unverständlich, daß ich die Definition googlen mußte“. Vielleicht hätte zuhören statt nebenbei zu surfen auch was gebracht? Oder darf ein Vortrag nicht mehr Berieselung sein?
    – „Zuviel Geschichte, zuviele Zahlen [Geburts- und Todesjahr von 5 Personen, Anm. d. Autor*n], zuwenig Fakten“ Geschichte != „Fakten“?!? Lol?
    – Wahrscheinlich wird das diese Person gewesen sein
    – „Nichts Neues gelernt, Konditionierung kannte ich schon“ Der Vortrag versuchte interaktiv einen differenzierten Positivismusbegriff zu entwickeln, den Behaviorismus nicht über seine Dogmen, sondern das Wissenschaftsverständnis kritisierbar zu machen. Und das wurde auch am Anfang des Vortrags, sowie auf dem Handout erwähnt. Also ein mustergültiges Beispiel, wie „Feedback“ zum Freiraum für Ignoranz verkommt
    – Titanic veröffentlicht besonders peinliche Beschwerdebriefe häufig ab unter der Kategorie „Leser stellen sich vor“ und was der Postillon an Rückmeldungen für eine Baumgartner Satiremeldung für Rückmeldung bekommen hat, findet sich hier

  2. Odradek sagt:

    Feldbericht: Im Fachbereich Psychologie meinte eine Studierende – für Bachelorverhältnisse – höheren Semesters ironiefrei, es ginge bei Feedback doch gar nicht um Erwartungen, wenn ein unkonventionelles Referat gut sei, gebe es auch gutes Feedback.

    Unseren schlauen Leser*innen braucht der Zirkelschluß nicht erläutert werden. Es sei lediglich hervorgehoben, daß hier schon mit immanenter Kritik, der Frage nach Validität der Messung gearbeitet werden könnte: Sind Angaben darüber, wie Aspekte einer Lehrveranstaltung gefallen wirklich Operationalisierungen der Frage, wie hoch der Lernerfolg war? Ist lernen immer angenehm? Über eigene Privilegien und Verstrickung in den Tofu-Mechanismus sicherlich nicht …

    Das verweist auf die Frage, was unter „Lernen“ zu verstehen sei. Wenn bereits das Vermitteln von bestimmten Inhalten als Ersatz für kritisches Denken durchgeht, wenn Halbbildung als didaktische Notwendigkeit gilt, zumal vom kleinsten gemeinsamen Nenner einer abstrakten Masse ausgegangen wird, wenn größere Umbrüche im Überzeugungssystem als psychisch belastend dargestellt werden, dann wird Lernen mit pädagogischer Begründung verunmöglicht.

    Das tragische ist, daß sich derartige Formen von Lernkonzepten – nennen wir sie „pädagogisch“ – als Gegenbewegung zu Lernpraktiken von Zwang und Auswendiglernen verstehen; die „humanistische Alternative“. Wenn aber Manipulation als Alternative von Zwang und Ignoranz zu fördern als Alternative zu Leistungsideologie gilt, ist dies nur die Materialisierung und Fortsetzung eines Versagens kritischen Denkens in der Denkfalle des False Dilemma.

  3. […] Doch auch jüngere Studierende müssen noch stärker als Kund*innen begriffen werden; viele fordern solch eine Behandlung auch schon aktiv ein. Lehre muß sich konsequent an Erwartungen und Wohlbefinden der Konsument*innen anpassen, ein sehr positiver Schritt sind wellness-basierte Evaluationsverfahren […]

  4. […] hinterfragbar zu halten, treten einige fordernd auf, als hätten sie ein Anrecht auf Ignoranz (Beispiele). Wer also eine mangelnde Geduld gegenüber Unverständnis wahrnimmt: Bedankt Euch bei den Honks, […]

  5. […] vom (menschlich schäbigen) Anlaß zu abstrahieren, sei an dieser Stelle mal wieder über Feedbackwahn geranted. Denn der vermehrte Glaube an dieses Verfahren bietet ein praxisnahes […]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s