Schwarmjustiz

Verurteilung wegen Aufrufs zur Schwarmjustiz; welch ein Glück, daß der zu lynchende sich als unschuldig erwiesen hatte, wie hätte sonst die öffentliche Reaktion ausgesehen? Die Strafe wurde btw. nicht wegen dieser Tat verhängt, sondern wegen Verzichts auf einen Anwalt. Ein RechtsexperteHonk dazu „es ist ja nicht so, als wären dies islamistische oder linksextremistische Gewaltphantasien gewesen, gesundes Volksempfinden ist im deutschen Rechtssystem so verwurzelt wie die Sicherungsverwahrung.“

Indessen prüft Facebook Zivilrechtliche Schritte, der Mordaufruf war eindeutig AGB-widrig: Lynchmorde sind ‚Events‘, keine ‚Kommentare‘. Dies mag auch die Unentschlossenheit des Lynchmobs bedingt haben.

Das Pressebüro Joseph Konys hingegen begrüßte das Urteil mit der Kurzmitteilung „die deutsche Justiz hat eine eindeutiges Zeichen gegen Selbstjustizbestrebungen auf Facebook gesetzt.“, während das Innenministerium meint „dieser skandalöse Fall eines pädophilen – ach, er war Unschuldig? Ja? Ich fang nochmal von vorne an – dieser skandalöse Fall eines Mordaufrufs zeigt mal wieder, daß die Anonymität im Netz enden muß und wir dafür die Vorratsdatenspeicherung brauchen!“

Ein Kommentator auf NDR-Info stapaziert das naheliegende Bild des „dünnen Lackes der Zivilisation“; so schön die Pointe wäre, Facebook versetze uns in die vor-Steinzeit, das stimmt nicht. Sowas tarnt sich nur als „Naturrecht“, das ist nicht vorzivilisatorisch, sowas geschieht nicht trotz Zivilisation; ist das gar die Dialektik der Zivilisation?

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One Response to Schwarmjustiz

  1. Odradek sagt:

    Zum letzten Satz: Adornit*innen an die Kommentierungsfront!

    Aber im Ernst, die Ähnlichkeiten zu Kony sind doch naheliegend: Der Fall erlaubt grenzenlosen Haß, denn er hat – im Falle Konys scheinbar – nichts mit eigenen Verstrickungen zu tun, die eigene „Seite“ läßt sich als unbeschadetes „die Guten“ empfinden. Beide Aktionen beruhten auf einem Impuls des Gerechtigkeitsempfindens, die aufrufenden fühlen sich durch Facebook-Organisation ermächtigt. Ist also der einzige Unterschied zu Kony das autoritäre Element, lieber Papa-Staat anzurufen?

    Hätte btw. fast den Begriff „Facebook-Öffentlichkeit“ verwendet, aber über Privatisierung des öffentlichen Raums oder gar Veränderlichkeit dieses Konzepts möchte ich heute nicht philosophieren.

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