Eine Lanze für #6 Bildungsnerdigkeit

“Eine Lanze für … : Hantologische Streifzüge zu totgesagten Konzepten, in theoretischen Abfällen containernd”, Teil 6: Eine Lanze für Bildungsbürgerlichkeit

Humboldt ist im Kontext des preußischen Beamtenstaats zu sehen und die Zeit im Schatten des Kolonialismus. Die Bologna-Reform verwertet gar humboldt’sche Versatzstücke. Der durch Bildung „moralisch imprägnierte“ Mensch hat sich so nicht ganz bewahrheitet, ist das Land der Dichter und Denker doch auch jenes der Richter und Henker. Und der Hauptvorwurf: Es handelt sich um ein (u.a.) klassistisches Ideal, benachteiligt es doch Leute, die nicht soviel Posermaterial von zuhause mitbekommen haben. Zudem bieten Schulen und Universitäten Strukturen des Lernens, die die Fordeurng nach „Bildung“, gar „sich zu bilden“ – wohlgemerkt, Wissen ist nicht hinreichende Bedingung für Bildung, aber durchaus notwendig – wie Hohn der Zusatzbelastung erscheinen lassen, ein struktuelles Problem individualisieren.

Dies alles kann an dieser Stelle kaum bestritten werden. Wobei, auch wenn Konzepte des „autonomen Individuums“ zugunsten einer Berücksichtigung von Subjektivierungsprozessen aufgegeben werden sollte, irgendeine Form von Handlungsfähigkeit anzunehmen wäre schon schön; lohnt sich zumindest das Suchen. Und auch wenn sich die früheren – sie mögen besser gewesen sein, gut waren sie nicht – wie die gegenwärtigen Verhältnisse einen Nimbus der Alternativlosigkeit geben, vielleicht ergibt es doch Sinn, beide nicht kritikfrei zu affirmieren? Nicht zu vergessen, „Sachzwänge“ dienen meist als Vorwand für weitaus mehr als sie begründen.

Höchstwahrscheinlich unterkomplex und zugegebenermaßen stark durch persönliche Erfahrungen in einzelnen Fächern verwurzelt, aber das Bildungssystem scheint sich in einer Totalität der Gegensätze „streng überprüfbares ‚Wissen'“ und „voraussetzungslos abholen“ – Zusammenhänge zur „Theorie/Praxis“ Gegenüberstellung nicht ausgeschlossen, hierzu vielleicht später eine Lanze – zu bewegen. (Wie eine Methode aussähe, diese These zu unterfüttern oder woher diese Denkfigur – nämlich das Ganze aus einem binären Gegensatz für ein grundsätzliches Problem zu halten – genau stammt, geschweige denn, wie ein Ausweg aus diesem Ganzen aussähe, ist an dieser Stelle schleierhaft). Und irgendwie scheint dieses Ganze Bärlauch-Dekonstrukte von Honks hervorzubringen („subjektiviereren“?), die die Grenze vom „newb“ zum „n00b“ weit überschritten haben.

Das Probelm des Begriffs „Antiintellektualismus“ sei an diesem Punkt nur angedeutet. So müßten Thesen abgeschmeckt werden, ob/inwiefern mit psychoanalytischen (btw. strukturell heteronormativen) Theorien Strukturellem Antisemitismus(tm) nachweisen könnten. Nehmen wir es deshalb provisorisch als Versuch, Erfahrungen von Abstraktionsfeindlichkeit und Abneigung gegen Kompliziertes.

Letztlich müssen wir uns ernsthaft die Frage gefallen lassen, wer aus der Wissensproduktionsmaschinerie wie und warum ausgeschlossen bleibt. Und das muß nochnichteinmal „kritisch“ geschehen, viele später als wichtige Durchbrüche gefeierte Forschungsergebnisse stammten von eher randständigen (gleichwohl nie wirklich unterprivilegierten) Personen. Leicht mit Bourdieu zu erklären: Wenn Karriere im Betrieb nicht durch Vordertür/Erbfolge möglich ist, müssen sich die Anwärter*innen als revolutionär/originell und bessere Alternative zum Mainstream inszenieren.

Bei allem (z.B.) Klassismus enthält ein Ideal von Wissenschaft die Möglichkeit von Einschreibung in diese Wissensproduktionsmaschinerie. Ihrem Ideal nach komme es nicht an auf die Kunst an zu netzwerkeln/intrigieren/polarisieren, ihrem Ideal nach sollte es nicht um Blenderei gehen; sicherlich, der Eindruck von Kompetenz muß erweckt werden können, aber damit gibt es, Dunning-Kruger sei dank, ein „genug“ an Kompetenz, ab dem sich nicht mehr lohnt nach mehr zu streben. Offensichtliche Abweichungen von einem solchen Ideal lassen sich als Defizite des Ideals oder als Defizite seiner Umsetzung betrachten. Auch dann wäre die Frage, wie gutes Denken aussieht; nur den richtigen Standpunkt einzunehmen? „Die normative Kraft des Faktischen“ impliziert keine freiere, gleichere, geschwisterlichere Alternative.

Dabei fällt wieder auf, daß einige Konstruktivist*innen ihr privilegiertes „Ich“ häufig in scheinbar bewußt subjektiven Aussagen vom Rechtfertigungszwang der Methode befreien, die härtesten Antikonstruktivist*innen aber unfreiwillig ständig demonstrieren, wiesehr Macht und Wissen zusammenhängen. Letztlich könnte der Begriff der „Halbbildung“ Dreh- und Angelpunkt sein, wenn sich etwas so nahe an liebgewordenen Orientierungsmustern befindet, daß es sich wahrer anfühlt als der komplexe und häufig ins Diffuse ausdifferenzierte Wissen(schaft)sproduktionsprozeß; Wohlfühlgewißheit.

„Das Halbwissen ist siegreicher, als das Ganzwissen: es kennt die Dinge einfacher, als sie sind, und macht daher seine Meinung fasslicher und überzeugender. –Nietzsche

Doch was beispielweise unter dem Stichwort „Postkolonialismus“ (habt ihr hier etwa ahistorisch „critical whiteness“ erwartet?) an rassistischen Ausschlußmechanismen zu Tage gefördert wurde geht auf keine Kuhhaut kein Papyrus. Dies nur pars prototo, daß ein Loblied auf die Selbstregulierungsmechanismen des Wissenschaftsbetriebs gänzlich verfehlt wäre; möglicherweise ist dieser ohnehin nicht (mehr?!?) der Ort – und solche Orte sollte es geben -, ein Ideal der „Liebe zur Weisheit“ zu praktizieren. Nur – wie lautet die Konsequenz? Ein moralisch begründetes Wissen statt des bildungsbürgerlichen Kanons als Zugehörigkeitsmarker? Sicherlich sollten wir nicht über den letzten Fallstrick des God-Tricks stolpern und eine Aufhebung aller Ausschlüsse doch noch über Standpunkttheorien anzustreben.

Vielleicht sollte Ignoranz nicht gefördert werden. Vielleicht können unterschiedliche Fähigkeiten ohne Wertigkeit und v.a. ohne Zwang zur Angleichung bestehen. Vielleicht sollte Verwertungslogik nicht affirmiert werden, auch nicht mit gutemwillen(tm). Vielleicht sollten auch Räume für Abstraktes und Voraussetzungsreiches (der zur toten Metapher verkommene Begriff „Niveau“ wird hier anschaulich) geschaffen werden.

Räume und Lanzen für Bildungs-Nerdigkeit! Ein #flausch für Intellektuelle 🙂

Fortsetzung folgt

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2 Responses to Eine Lanze für #6 Bildungsnerdigkeit

  1. […] Fortsetzung zur Lanze #6 für Bildungsnerdigkeit […]

  2. Odradek sagt:

    „Alle Wahrheit ist einfach.“ — Ist das nicht zwiefach eine Lüge? —
    Nietzsche

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