Fortschritt? Welcher Fortschritt?!?

Im Anschluß an Feine Atheisten mal wieder und eine Replik darauf hat sich eine ausführliche und interessante Debatte entwickelt. Zum Thema „Fortschritt“ kann dieser Artikel ohnehin nur die Nachlese zu drkulturs Beitrag – dem hiermit hehre Erklärbären-Ehren verliehen werden – betreiben, unternimmt das alleine schon, um außerhalb der Kommentare auf gute Beiträge in jenen hinzuwiesen.

Technischer Fortschritt, was soll das sein? Ein überhistorisches Fortschrittskriterium, welches von Soziokulturellem – wie etwa ortzeitlichen Vorstellungen – vollkommen unabhängig ist?!? Was unter „Fortschritt“ verstanden wird ändert sich im Zuge des Fortschritts – der Fluß ändert häufiger mal seine Richtung -, insofern hat der Begriff etwas Zirkuläres. Aber nehmen wir an, es könnte ein Set von Kriterien geben. Nahezu jeder Formalismus läßt sich hacken, wer entscheidet, wo er legitim zutrifft?

Probieren wir das an kermions Kriterium „möglichst viel mit möglichst wenigen, allgemeinen Annahmen zu beschreiben“. Fundichristliche Flitzpiepen würden darauf bestehen, ihr Glaube tue genau das, Discodier schlügen vor: „a&¬a, daraus können wir alles folgern“. Sicherlich, beide sind Spielverderber – letztere wenigstens mit Genuß -, aber wer entscheidet das? Wer ist d* neutrale Schiedsrichter*in – eben jenes modest_witness -, dessen Standpunkt Objektivität verbürgt? [Anm.: In erster Vorlage habe ich versehentlich nicht gegendered – bezeichnend]

Sicherlich können wir Kriterien angeben, nach denen es sowas wie „Fortschritt“ stattgefunden habe. Einige klingen auch recht allgemein, z.B. Erweiterung der Möglichkeiten; doch bleiben das Kriterien des hier und jetzt und die Diskutant*innen wir. Wie ein Parlament mit allen verganenen Wissenschaftler*innen in Fortschrittsfragen entscheiden würde [Fleck: Erfahrung und Tatsache S.132], wäre auch mal ein schönes Szenario für einen Artikel.

Und da wir nicht aus dem Äpfel mit Birken vergleichen herauskommen, wie ist der Zusammenhang zwischen wissenschaftlich-theoretischem und technischem Fortschritt? Kompliziert! Spätestens hier kommen wir aus dem Kontext und also den soziokulturellen Bedingungen des s.g. „Fortschritts“ nicht mehr heraus. Von Holzwegen wie Kern(spaltungs)kraft oder Quecksilberbirnen [Anm.: Terminus Technicus „Kompaktleuchtstofflampen“] will ich gar nicht erst anfangen. Da sich bösesachen(tm) mit dem – durchaus Möglichkeiten eröffnendem – Chip des neuen Personalausweises machen lassen, läßt sich dieser nicht mehr als Pfand erwenden, er verliert durch „technischen Fortschritt“ diese Möglichkeit.


Political Ambiguity, Explicit Sarcasm Ganz plattes/plattmachendes Beispiel: Was macht eine Waffe fortschrittlich? Die Anzahl der potentiell getöteten? Dann wäre die Tsar-Bomba immernoch Gipfel des menschliches Fortschritts gewesen. In derzeit geführten Kriegen kommen aber die meisten durch Kleinwaffen um und – Beispiel gibt’s genug, nehmen wir mal den Klassiker – Kriege werden offenbar nicht zwangsläufig durch Hightech gewonnen. Selbst wenn wir abstraktere Überlegungen – wie Vorteile eines Schwertes, wenn die Munition ausgeht – ausblenden und sagen, heutige Gewehre seien besser als jene von vor 50 Jahren – Inwiefern? Sicherlich nicht das Aussehen, die Grüßaugusttruppen der BRD nutzen immernoch das Mauser 98. Gewicht? Stopping Power oder Durchschlagskraft? Reichweite? Wartungsaufwand und Zuverlässigkeit? Munitionsmenge? Preis? Das und mehr spielt eine Rolle und was wir als „Fortschritt“ beschreiben könnten, sind nicht nur immer neue Mischungen aus solchen Kriterien, sondern auch neue Anforderungen, etwa durch Studien, was in vergangenen Kämpfen genützt habe (siehe etwa). Welche Waffe jetzt die richtige ist hängt ohnehin von äußeren Faktoren ab, z.B. wo wird gekämpft, was nutzen die Gegner*innen (Waffen, Schutzwesten, …), wie trainiert sind die eigenen Leute, welche Möglichkeiten bestehen zu Nachschub/Wartung. Allgemein werden Kriege nicht kontextfrei geführt.

Ganz interessantes Beispiel: US Soldat*innen nutzen seit 1964 Gewehre mit 5.56×45 Munition (BRD seit 1997); nun scheinen s.g. „aufständische“ in Afghanistan sich die Grenzen der Reichweite und Durchschlagskraft dieser zu Nutze zu machen (siehe). Dabei fällt gerade bei der Bundeswehr auf, außer bei Gewich, Größe und Munitionsmenge hatte das alte G3 bessere Daten als das aktuelle G36, umgekehrt wurde am (ursprünglichen) G36 kritisiert, daß es keine einfache Alternative wie Kimme-Korn zu den optischen Zielhilfen hatte (es also ein Problem ist, wenn der rote Zielpunkt nachts zu hell ist, die Optik beschlägt oder zerkratzt). Gelände, Ausrüstungen und Taktiken beider Seiten – das alles bestimmt offenbar wie nützlich eine Waffe ist. Sprich: Es bestimmt der Kontext; der aber wiederum u.a. von der Waffentechnik mitbestimmt ist. Eine einfache oder formal-quantitative Lösung für ein fortschrittliches Gewehr („die Gewehrformel“) werden wir deshalb wohl nicht finden.

Wer ahnt, dies arbeitet auf die Pointen hin, daß die Kalaschnikow (1947!) verbreitetste Kleinwaffe bleibt und daß Menschen (vielleicht auch andere Tiere) immer besser umlegen zu können gar nicht so fortschrittlich sei: Laaangweilig!


Auf noch übleres Terrain begeben wir uns, wollten wir mit Ähnlichkeiten in geschichtlichen „Entwicklungen“ (noch ein furchtbares Bild, als stünde die Geschichte schon aufgewickelt bereit) vorherbestimmte Fortschrittsrichtungen belegen. Nicht nur, daß bereits die Seidenstraße ein Teil Globalisierung war, abgeschlossene „Kulturkreise“ also wohl eher ein Mythos sind, solch eine Fortschrittsannahme droht auch wiederum ins Zirkuläre abzurutschen, nämlich Fortschrittlich als genau das zu definieren, was uns ähnlich (und überhaupt relevant) erscheint. Schlimmer noch, diese Sicht produziert ihr Anderes: „Völker ohne Geschichte“.

Eine These aus „feine Atheisten mal wieder“ war – recht adornitisch -, (neo)positivistische Methoden – Sir Karl großzügig subsummierend – hätten die Tendenz, das Bestehende zu affirmieren. Den Fortschrittsbegriff einzuführen hat dies noch erweitert: Das gilt auch für die (je gegenwärtige) Zukunft. Insofern ist vergangene (uneingetretene) Zukunft etwas extrem Spannendes.

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2 Responses to Fortschritt? Welcher Fortschritt?!?

  1. Odradek sagt:

    @kfermion: Hobbyethnologische Überlegungen driften zu schnell in Rassismus ab, sodaß ich mich lieber auf die Dimension Zeit beschränke; zwar ist ungeklärt, ob die Subalternen sprechen können, aber historische Persönlichkeiten können sich irgendwann garantiert nicht mehr wehren 😉 Wollte letztlich auch nur sagen: Nahezu jede Gesellschaft hat eine Art von Bezug zu anderen, das ist nichts Neues. Und jede Gesellschaft ändert sich (auch in solchen Prozessen), d.h., es ist rassistisch anzunehmen, irgendwelche Gesellschaften hätten weniger Geschichte gehabt, nur weil diese nicht die Ergebnisse unserer hervorgebracht haben (d.h., der Begriff „Naturvölker“ ist auf so vielen Ebenen ekelhaft).

    Noch ein Aspekt – weiß gar nicht, ob das „für oder gegen“ wissenschaftlichen Fortschritt spricht – aus der Wissenschaftsgeschichte: Bei ihrer Entdeckung wurden die Folgen ionisierender (also nicht der im Bio-Supermakt gefürchteten, bzw. dieser in komplett anderer Wellenlänge) Strahlung massiv unterschätzt. Auch die ersten Grenzwerte waren selbst unter dem Aspekt der Strahlenkrankheit zu hoch, vom Strahlenrisiko ganz zu schweigen. Nicht zu vergessen, daß in den 50ern geglaubt wurde, einen Atomkrieg führen und gewinnen zu können. Während mittlerweile Laien tendenziell die Folgen mancher Arten eher überschätzen. Wobei wir dann wiederum nicht den Bias gesponsorter Forschung und v.a. die Macht der (häufig schlechten) Populärwissenschaft – ohnehin ein Aspekt, der in wissenschaftsphilosophischen Debatten oftmals vernachlässigt wird – vergessen dürfen. Wichtig hierbei ist nur – und das ist letztlich der Sinn von Warnungen vor der Forschrittserzählung – nicht in Erzählweisen von „damals glaubte man, heute wissen wir“ zu verfallen.

    Wieauchimmer, seit dem Handybeispiel verfolgt mich der Gedanke, daß ich in jedem Moment wohl weitaus stärkerer Strahlung der Wellenlänge 103,6MHz, als der auf 93,0 MHz ausgesetzt bin; das versteht pers wohl unter „schlechten Schwingungen“ …

    Eine nachträgliche Rechtfertigung für meinen hier anklingenden (pseudo?)Waffenfetischismus bringt unfreiwillig Fefe: Er verlinkt als „verwendete Munition“ bei einer Amok/Terrorismus/Blablabla Schießerei noch korrekt auf 45acp (11,43mm, ca. 500-800J Geschoßenergie, eingeführt 1905), nennt es „das Dirty Harry-Kaliber“ (11,176mm, ca. 1.000-2.000J, eingeführt 1956) und verlinkt auf ein Video mit einer Desert Eagle (12,7mm, ca. 1700-2200J); zum Vergleich: Deutsche Polizei- und Armeepistolen verwenden i.d.R. 9mm Parabellum (9mm, ca. 400-500J, eingeführt 1902).
    D.h., 9≠11,176=11,43=12,7. 1905 gehört in den „Wilden Westen“, 1902 nicht; so stellen wir uns sicherlich alle einen klassischen Western-Colt vor. Im Laufe der Argumentation wird der Westen aber 1956 und 1991 immer wilder. Ein Kaliber mit 1½ fachem Rückstoß hierzulande gebräuchlicher Waffen wird im Laufe der Argumentation dessen 4 faches. Fefes Variante erneuerbarer Energien gewissermaßen.

    Btw., wo wir schon Colt mit Luger vergleichen: Welcher Werbeslogan für Faustfeuerwaffen ist eigentlich dümmer „God created men, Samuel Colt made them equal“ oder „si vis pacem, para bellum“?

    • Odradek sagt:

      Höhö, einige haben tatsächlich versucht, Fefe seine o.g. Kenntnislücken mitzuteilen; mit zu erwartendem Effekt. Da ist die hier gepflegte Wadorf&Statler Haltung doch weitaus unterhaltsamer. Popcorn! Aber wie ein dermaßen kognitionspsychologiegläubiger solche Abwehrmechanismen fahren kann ist schon amüsant.

      Er besteht darauf, daß die Meldungen nur von .45, nicht acp sprechen; ein selbsternannter Verschwörungstheoretiker, der keine abduktiven Schlüsse mag. Er fordert die Korrigierenden auf „Wenn ihr nichts zu sagen habt, sagt doch bitte auch einfach nichts.“, denn das ist offenbar exclusiv seine Aufgabe …

      Nichts wirklich Neues, aber doch nicht ganz uninteressant, wie auf ein in den USA recht beliebtes Kaliber (daß der Täter wohl auch eine „9mm“ – ebenfalls ohne genaue Angaben – Waffe hatte, kümmert an jener Stelle nicht) sofort „Spezialeinheit“ (btw.: wer hat’s erfunden?), „Dirty Harry“, „Wilde[r] Westen“, „Waffen-Enthusiasten“ assoziiert wird.

      Hallo, hier spielt die Musik!

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