Hä!?

An der linken Wand des Saals hängt ein überdimensionales Foto Mumia Abu-Jamals, an der rechten Wand ein Transparent mit der Aufschrift „Klasse gegen Klasse“, über der Bühne ein Transparent mit einem Comic-Mann (hält eine rote Fahne mit Hammer und Sichel) und einer Comic-Frau (hält eine rote Fahne mit Stern), die sich küssen, darunter fünf Podiumsdiskutanten, davor ein Publikum, dass jede Parole „Kapitalismus abschaffen“ und jede Repressionshypothese mit frenetischen Applaus abfeiert, und ich sitze dazwischen.

Ist das ein Alptraum? Nein, ich befinde mich auf der Internationalen Rosa-Luxemburg-Konferenz, für die ich vor dem Gebäude eine Freikarte bekommen hatte.

(Ich fühle mich so schmutzig und muss jetzt erstmal duschen, duschen, duschen, duschen, duschen, duschen…)

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3 Responses to Hä!?

  1. drkultur sagt:

    Ich weiß noch nicht, ob ich das Glück oder eher: Pech dieser Freikarte als bereichernde Erfahrung mitnehmen kann.
    Immer wieder amüsant ist das Publikumsverhalten bei solchen Veranstaltungen: auf bedeutungsträchtige Parolen folgt Applaus, der mir eine Mischung aus klassisch konditionierten Verhalten und traditionalisierten Verhalten zu sein scheint (beobachten wir auch bei Volksmusik im Musikantenstadl (wir berichteten)oder beim „Amen“ in der Kirche -> ja, diese Vergleiche sind bewusst so gewählt)
    Ich applaudiere ab jetzt auch bei Vorlesungen (bin konditioniert auf „Praxis“, „Diskurs“, „Dekonstruktion“ etc., ja ich bin ein neoliberaler Poststrukturalismusspinner, deswegen habe ich den Scheiß hier ja auch geposted)

    • drkultur sagt:

      Ich war ja nur ca. 3 Stunden anwesend aber die facepalms innerhalb dieses Zeitraums waren unglaublich.
      Es begann schon vor dem Gebäude, wo eine Gruppe ein Transparent mit Aufschrift „Power to the People“ anfertigte.
      Ein Mensch der rumlief um gegen „Spende“ einen Kalender zur „Geschichte der Arbeiterbewegung“ vertickte. (Ich hätte mal rumlaufen sollen und einen Kalender zur „Geschichte der Gouvernementalität“ oder „Geschichte zur Making of the Working Class“ verticken sollen.)
      Ein Liedermacher, der sein Publikum zum mitsingen aufforderte: „Und jetzt die Männerstimme, und jetzt die Frauenstimme“.
      Büchertische mit etlichen Heftchen zu Themen „Klasse“, „Arbeiter“ etc., die so auch schon vor 40-50 Jahren hätten aussehen können.
      Auch bei der Podiumsdiskussion wurde wortwörtlich gesagt: „…diese Weisheit stammt von 1848, so alt ist sie schon, und so akutell wie nie…“ (sowas ernsthaft ohne Ironie zu behaupten ist rofl)

  2. Odradek sagt:

    Alleine „Kapitalismus abschaffen“, das ist nicht nur – wie Repressionshypothesen – veraltet, sondern einfach nur interessante Ideen zur Unkenntlichkeit verplattet.

    Ehemaliges Historiker*innencafé (mittlerweile komplett Konferenzraum von K-Gruppen) mit dem Antiimpigen, jedoch noch von dem verlorenen Humor zeugenden Namen Schweinebucht: Che (an seinem Poster hat ein* unbekannte* Bloger* eine Bahnsteigkarte befestigt) blickt grimmig auf die Pace Flagge, welche auch noch physikalisch inkorrekt ist (heißt das, wer für Frieden ist kennt keine Naturgesetze?).

    Will sagen, ein wenig Bini Adamczak und/oder ein wenig FSK helfen manchmal, die Beißreflexe bei solchen Nasen zu containen (bevor Du jetzt Kraushaar liest).

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