U-Bahn Regeln

Idee: Prokopius

Es hat sich die „einzige Vernunft“ des Nichtrauchens durchgesetzt. Auch auf oberirdischen ÖPNV-Stationen herrscht Rauchverbot, Versuche eines Interessensausgleichs, wie Raucherecken oder Raucherabteile gelten nicht mehr als Zeitgemäß. Wir danken auch dem Spiegel für die diskursvergiftende Begleitung dieses Umschwungs.

Ähnlich funktioniert das ‚unglaublich erfolgreiche‘ Alkoholverbot in Hamburgs U-Bahnen. Währenddessen sind in Regionalzügen trinkende offenbar – nach Härte der Interventionen zu schließen – ein weitaus größeres Problem als voralkoholisiert oder nüchtern aggressive Neonazis …

Diese ganzen Verbote lassen auf ein verändertes Verständnis von Öffentlichkeit – vielleicht gar „Demokratie“, wenn das nicht schon ein Empty Signifier ist – schließen. Bestenfalls der gemeinsame Nenner einer wie auch immer rekrutierten „Mehrheit“, schlimmstenfalls jene die sich erfolgreich zur „Mitte der Gesellschaft“ zu imaginieren vermögen geben den Ton an; Toleranz (von Akzeptanz wollen wir schweigen) fristet ihr Schattendasein als gescheitertes Grundschul-Antira-Konzept.

Wieso also bei allgemeinem Rauch- und Alkoholverbot stoppen? Aus dem Treitschke-Institut für geisteswissenschaftliche Nutzenoptimierung und Brandstiftung ist ein Konzeptpapier geleakt, welches wir unseren treuen Leser*innen hiermit exclusiv präsentieren:


Political Ambiguity, Explicit SarcasmEinige Verkehrsbetriebe haben bereits alle Getränke und Speisen verboten. Auch kann es ja nicht angehen, daß Kranke in der Bahn die arbeitende Bevölkerung, welche auf die Bahn angewiesen ist, mit ihren Keimen anstecken. Es ist statistisch erwiesen, daß alte Leute höhere Krankheits-, aber auch Ansteckungsrisiken haben, also schon in ihrem und unser aller Interesse – auch zugunsten der Ästhetik – wird eine Altersobergrenze eingeführt (Ein Sondertransport für alte Menschen wird zweimal täglich auf jeder Strecke eingerichtet. Das Zeitfenster dieses Transports wird bewusst großzügig zwischen die anderen Verbindungen gelegt, damit diese – im Falle von Unregelmäßigkeiten – nicht beeinträchtigt werden. Andere Verbindungen haben stets vorrang, im Notfall darf der Altentransport überholt werden, hierzu werden Sichtschutzfenster installiert, damit der Anblick die vorbeifahrenden Fahrgäste nicht irritiert). Auch wird eine Altersuntergrenze erwogen, Kinderwagen sind sperrig, Kinder häufig laut; da sich das Treitschke Institut selbstverständlich in biopolitische Diskurse einschreibt, muß der Think Tank dieses Dilemma noch weiter evaluieren.

Nun mögen uns einige vorwerfen, derartige Maßnahmen könnten auch mit einer klassistischen Gentrifizierung der Bahn zusammenhängen. Nicht liegt uns ferner, dafür gibt es doch die bereits die Ticketpreise.

Aber es wird doch jeder einsehen [23-330, Anm.d.Red.], daß arme Menschen in abgerissenen Kleidern kein schöner Anblick sind oder extrem kostspielige Anzüge Neid hervorrufen können. Auch ist das Problem, daß Geschmack doch sehr schwanken kann. Von daher brauchen wir etwas, worauf sich alle einigen können. Die einfachste Lösung ist für alle Fahrgäste eine U-Bahnuniform; für die Damen z.B. adrett mit Röckchen und Kniestrümpfen (das funktioniert natürlich nur mit Alterslimit!); keine Angst, das ist nicht sexistisch, die Frau [23-300, Anm.d.Red.] objektiviert ja auch bisweilen [23-440, Anm.d.Red.].

Menschen mit genetischem Migrationshintergrund (also andere Rassen) dürfen mitfahren (ein Sonderabteil wird in jeder fünften Bahn zur Verfügung gestellt), sofern sie der U-Bahn Uniform gemäß kein Kopftuch, keinen Turban und keine Gebetsmützen tragen. Bettelbecher und Musikinstrumente mit sich zu führen ist strengstens verboten (mit Ausnahme chinesischer oder koreanischer Musikkonservatoriumsstudent*Innen). Alle Fahrgäste müssen fließend deutsch sprechen (mit Ausnahme japanischer Geschäftsleute) und eine Arbeit haben. Der Sicherheitsdienst der U-Bahn behält sich vor, ohne vorherige Warnung, den Ausweis zu verlangen und Taschen zu kontrollieren.

Generell ist das Musizieren in den Abteilen verboten. Die Betreiber der U-Bahn denken aber über eine Beschallung durch klassische Musik (leichte „Klassik“ von Vivaldi bis Beethoven) nach.

Um unangenehme Überraschungen und zwischenmenschliche Konflikte und Gewalt zu vermeiden, empfiehlt das Treitschke-Institut, sich vorher per Facebook zu vergewissern, wer noch alles in der Bahn sitzen wird (ach, was für eine sinnlose Empfehlung, das macht ihr ja alle sowieso schon!)


Zukunftplanungen wie diese machen die U4 übrigens zu einem so sinnvollen Projekt. Es werden zwar keine Leute damit fahren, aber besser, die richtigen Leute fahren nicht damit, als Linien zu planen, in denen die falschen sitzen.

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2 Responses to U-Bahn Regeln

  1. drkultur sagt:

    Soeben auf dem Heimweg in der U-Bahn kontrolliert worden. Dummerweise nur mein abgelaufenes vorläufiges Semesterticket dabei (die Uni hat es verpennt, mir mein richtiges nachzuschicken). Zum Glück darf ich nachreichen.
    Wie dem auch sei, als ich dann aussteigen musste und mit den Kontrolletis am Bahnsteig stand, während die meine Daten aufnahmen, kam eine Person und wies darauf hin das am anderen Bahnsteigende Leute rauchen und dass die Kontrolletis doch bitte etwas dagegen unternehmen sollten. Ich dachte mir, „blöde Petze…“

  2. […] Vormals hatten wir vorher noch kritisiert, die U4 zeige, daß die Stadt lieber eine U-Bahnlinie plane, in der die richtigen meist nicht fahren werden, als eine, die die falschen nutzen würden. Doch stimmt dies nicht ganz, diese Linie hat durchaus einen gewissen Gebrauchswert … […]

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