Verkürzte Kapitalismuskritik

Mit drkultur

Die der EKD-Synode beklagt eine „soziale Kluft“ („Auch in Deutschland“, dann muß es ja wirklich schlimm sein) und zu „Konsequenzen aus der Finanzkrise“ gedrängt, denn die „Stabilität ganzer Staaten sei bedroht“.

Daß jetzt Staaten kein Selbstzweck sein sollten und eher die Lösung von vorgestern sind sei nur der Vollständigkeit halber erwähnt. Interessant ist, daß soziale Mißstände von einer Organisation kritisiert werden, die selbst Arbeitnehmer*innenrechte beispiellos drückt …

Was ist eigentlich so schlimm an „verkürzter Kapitalismuskritik“? Daß sie nicht funktioniert ist Risiko jeder Kritik; jedoch speziell jener in geistigem Tiefflug. Eine Korrelation zum Antisemitismus ist sicherlich ein Problem; aber ein Automatismus?

Vergessen sollten wir auch nicht, dass es problematisch wäre von dem Kapitalismus zu sprechen (mit Marx Neoliberalismus zu kritisieren funzt irgendwie nicht so richtig). Stattdessen den Plural zu benutzen oder aber den Kapitalismus als Ergebnis/Materialisierungsform und nicht Ausgangspunkt diskursiver Mechanismen zu sehen und damit eine ‚andere‘ Brille aufzusetzen, scheint sinnvoller.1 So kann Kapitalismuskritik (oder vielleicht allgemeiner: Kritik der politischen Ökonomie) nicht ein einziges monolithisches Großprojekt sein – von dem viele immernoch träumen, sondern eine in Teilen und eben dadurch in verkürzten Schritten ablaufende Arbeit. Was aber o.g. Dünnsinn nicht intelligenter macht, siehe occupy.

D.h., wir sollten versuchen zu differenzieren: Welche Art der scheibaren „Kapitalismuskritik“ hat übelste folgen – Stalinismus, Querfront; Antisemitismus war zumindest in der Vergangenheit ein guter Indikator -, welche ist (böswillig oder naiv) ineffizient und welche könnte Gutes erreichen?

Da hilft eigentlich nur Ironie, wie sie 17grad in schönster Form nutzt, so auch hier: „Wie kann man in Deutschland wieder die soziale Frage stellen, ohne daß sie falsch beantwortet wird.“


1 Erkenntnisse feministischer, postkolonialer und rassismustheoretischer Arbeiten sind für Kapitalismustheorie fruchtbar zu machen.
Wichtig zum einen: genealogische Dimension: Wie bildet sich „Ökonomie“?
Zum zweiten: ärchologische Dimension: Kapitalismus ist kein System, kein einheitliches Ensemble, sondern fragmentiert: Kapitalismus ist nicht Ausgangspunkt, sondern Endprodukt!
Zum dritten: Wie werden innerhalb der Ökonomie bestimmte Felder als kapitalisierbar ausgewiesen und ausbeutbar gemacht.
(Vgl. S.69-71 aus: Lemke,Thomas: Governance, Gouvernementalität und die Dezentrierung der Ökonomie. S.63-73 in: Reichert, Rámon (Hg.): Governmentality Studies – Analysen liberal-demokratischer Gesellschaften in Anschluss an Michel Foucault. Münster: Lit Verlag, 2004.)

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One Response to Verkürzte Kapitalismuskritik

  1. […] – auch von uns geäußerte – Forderung nach verlängerter Kapitalismuskritik ist vielleicht immernoch verkürzt: Wenn wir “verkürzte Kapitalismuskritik” als […]

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