Berlin beschließt Notbudget, Teil #2

Die Berliner Polizeigewerkschaft fand – allerdings in origineller Weise – heraus, daß Mangel an Anonymität gefährlich sein kann.

Die Kulturellepraxis (KP) führte dazu ein Gespräch mit zwei Expert*Innen Honks, Psychoanalytiker Dr.(k.t.) Jungfreud (JF) und ein bekannter Modedesigner (MD), welcher aus Angst vor Repressionen lieber anonym bleiben wollte; außerdem konnten wir keine geeigneten Namensschilder auftreiben …

KP Der Berliner Senat hat ja jetzt ein Notbudget beschlossen, die Probleme der Kennzeichnung zu lösen …
JF Das wurde auch höchste Zeit. Nicht nur bekommt die Polzei durch derartige Aktionen einen schlechten Ruf, auch führte das subjektive Bedrohungsgefühl zu einer noch aggressiveren Grundhaltung der Beamt*Innen [in der Transkription konnte nicht abschließend geklärt werden, ob der Sprecher Generisches Femininum, Gender_Gap oder Sternchen nutzte oder einfach nur ein Sexist ist, Anm. d. Red.]. Wir erinnern uns, Aggression ist letztlich nur eine Ausdrucksform von Angst. Die ist leicht zu erklären, Psychoanalytiker*Innen sprechen von der s.g. ‚Projektion‘. D.h., die Unsicherheit, plötzlich rechtlich für das eigene Handeln verantwortlich zu sein wird in der irrationalen Angst, in voller Kampfmontur verletzlich wie ein Stück Papier zu sein ausgedrückt; das sehen Sie schon daran, daß jene Angst nicht in Bezug auf andere gefährliche Gegenstände, die jede* Beamt*In so mitführt bezogen wird, sondern symbolisch nur auf dieses Schild. Insofern untypisch, als daß Schild doch eigentlich Schutz symbolisiert
KP Ja, aber wessen Schutz, den der Bürger*Innen können jene Menschen ja nicht im Sinn haben. Aber das war lediglich auf das Papier bezogen, aber was ist mit dem Kratzer in dem Braten?
JF Interessanter Aspekt, wir wissen ja, Fleisch steckt voller Herrschaftsverhältnisse, das wäre eine ganze Abhandlung wert
KP Die können unsere geneigten Leser* ja in den Kommentaren führen, wir wollen uns zielgruppenunsicher weder über Veganismus, noch über Nichtveganer* lustig machen. Erklärt dies auch die paradoxen Begründungen für bundesweite Ablehnung?
JP Die Argumentationsfigur dazu können Sie auch bei Freud nachlesen, “Ich habe ich den Kessel heil zurückgegeben, er war schon verbeult, als ich ihn geliehen habe und ich habe ihn nicht geliehen“, köstlich. Aber bedenken Sie, diese Kommentare kommen ja von – überwiegend konservativen – Politiker*Innen. Sei es der Bierkonsum, sei es, keinem ernsthaften Rechtfertigungszwang gewohnt zu sein, aber Minimalanforderungen der Logik gehorchen viele nicht. Wozu auch?
KP: Vielen Dank ersteinmal, Herr JF. Die kulturellepraxis sollte demnächst ein Essay über paradoxe Begründungsstrategien aus diskurstheoretischer Sicht schreiben. Aber ersteinmal unser nächster Gast. Es ist der bekannte Modedesigner MD. Herr MD, was bedeutet das jetzt aus Ihrer Sicht?
MD: Also, ich sehe das als ein sehr positives Zeichen, wer hätte gedacht, daß diese zarten Seelen zu solch emotionalem Drama fähig sind. Das zeigt doch, es handelt sich nicht um kaltherzige Schläger*, wie das manchmal aussehen mag. Leider war damit aber das Design der neuen Uniformen völlig verfehlt. Ich meine, es war schon eine gute Idee, diese herrlichen Anleihen in der schwulen und SM Fetisch-Szene zu verwenden, doch deuten diese Statements eher auf eine devote Grundhaltung hin.
JP Ja, wir sprechen hier von ‚Überkompensation‘, was diesen ‚harte Männer‘ Kult angeht. Ich meine, da sind ja selbst Soldat*Innen mehr Staatsbürger in Uniform. Das war ja eigentlich zu offensichtlich
KP Aber wie kann jetzt Abhilfe geschaffen werden?
MD Mein Team und ich arbeiten bereits an einer Lösung. Es geht darum, daß diese armen Menschen endlich ihre innere Prinzessin stärker ausleben können. Diese Geschlechtlichkeiten müssen endlich verqueert werden, um nicht immer in solch unproduktiven Gegensätzen zu verharren.
KP Und wie soll das aussehen, Rosa stieße doch sicherlich auf Ablehnung?
JP Mit den Farben sprechen Sie einen ganz wichtigen Punkt an, Bedenken Sie, die Beamt*Innen werden in pawlow’scher Konditionierung auf schwarze Kapuzenpullover abgerichtet, darauf muß natürlich auch Rücksicht genommen werden.
MD Letztlich wird das rosa Tütü auf längere Sicht unvermeidlich sein, doch wollen wir ersteinmal langsam darauf hinführen. Viele haben ja Kampfsporterfahrungen, so wird Hakama und V-Ausschnitt vermittelbar sein. Auch schafft dies interkulturelle Kompetenz, wenn wir uns auf die hegemoniale Männlichkeit einer vergangenen japanischen Epoche mit einem Kleidungsstück beziehen, welches hier weiblich wirkt. Als nächsten Übergangsschritt dachten wir dann an rote Kilts.
KP Wir sehen also, symbolpolitisch besteht sehr viel Grund zur Hoffnung, da können wir uns das Gerede über die gesellschaftlichen Verhältnisse sparen, wir haben schließlich einen Pomo-Ruf zu verteidigen. Ich danke meinen Gästen und wünsche eine gute Nacht.

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