Stiefel? Ja, Stiefel! Eine Genealogie des gesellschaftlichen Fortschritts

Zusammen mit Odradek

Critical Boot Studies #1

„Das Produkt – das Eigentum des Kapitalisten – ist ein Gebrauchswert, Garn, Stiefel usw. Aber obgleich Stiefel z.B. gewissermaßen die Basis des gesellschaftlichen Fortschritts bilden und unser Kapitalist ein entschiedener Fortschrittsmann ist, fabriziert er die Stiefel nicht ihrer selbst wegen.“

(S.200/201: Marx, Karl: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Erster Band. Berlin: Dietz, 1971.)

Soso, jetzt sind’s also die Stiefel.
Die Kulturelle Praxis forscht nach:

Auf abstrakter Ebene bietet Marx eine schöne Synthese verschiedener Fortschrittstheorien. Zum einen (durch die Künstler*Innengruppe monochrom vertreten) die, daß jede mediale Innovation (Höhlenmalerei, Buchdruck, Film, Inet) in Zusammenhang mit Pornographie stand: Einigen Arten von Stiefeln (hohe, evtl. mit Stiletto-Absätzen), bzw. Arten diese zu tragen (Reiter*Innenlook: Stifel über enger Hose) haben zweifelsohne sexualisierten Fetischcharakter (nicht daß sich nicht so ziemlich alles fetischisieren ließe, aber diese Art ist gesellschaftlich sichtbar). Dann der zweite Innovationsmotor: Der Krieg. „Der Krieg ist eine bloße Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln“ (Clausewitz, Buch1, c.1, §24): Während Poltiker*Innen für gewohnlich Lackschuhe (oder Joschka: Turnschuhe) tragen, ist der Stiefel im Militär das andere Mittel. Stiefel sind nämlich klassische und bis heute genutzte Kampfbekleidung von Armeen. Auch werden unangenehme Charakter, wie sie in allen autoritären Organisationen zu finden sind „Stinkstiefel“ genannt. Dabei ist zu bemerken, daß sowohl monarchistische, als auch s.g. „totaliäre“ Regimen eine Neigung zu Knobelbechern hatten, der zivilisatorische/zivilisierende Fortschritt sich also in der flächendeckenden Einführung von Schnürstiefeln messen läßt. Auch die Entwicklung der Informationstechnologie hing maßgeblich am Technologietransfer dieser Innovation der Militärtechnik: Dem Schnürstiefel und der damit verbundenen Kulturtechnik des Bootstrapping (kurz „booten“), ohne das kein Computer und kaum ein Fernseher mehr auskommt.

Marx eröffnet hiermit ein weites Feld bislang unausgeschöpfter historischer Untersuchungen interdisziplinärer Prägung. Nennen wir sie provisorisch Critical Boot Studies (deutsch: Kritische Stiefelstudien). Diese Disziplin wird künftig von der Kulturellenpraxis in Zusammenarbeit mit dem Treitschke Institut für geisteswissenschaftliche Nutzenoptimierung in loser Reihe ausgelotet.

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5 Responses to Stiefel? Ja, Stiefel! Eine Genealogie des gesellschaftlichen Fortschritts

  1. […] wir die Kritischen Stiefelstudien germanistisch mit dem gestiefelten Kater. Nun ja, fraglos ein ganz grimmiger und sicherlich gleich […]

  2. Hackerschorsch sagt:

    Sogesehen würden Computer bei einigen Traditionen nicht booten heißen, sondern knobeln; was es häufig auch trifft …

  3. drkultur sagt:

    „Die erste Frucht des Bürgerkriegs war die Achtstundenagitation, mit den Siebenmeilenstiefeln der Lokomotive vom Atlantischen bis zum Stillen Ozean ausschreitend, von Neuengland bis Kalifornien.“
    (S.318: Marx, Karl: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Erster Band. Berlin: Dietz, 1971.)

    Marx muss hier die Stiefelmetapher einsetzen, um die Fortschrittlichkeit der Lokomotive zu verdeutlichen. Nur so und nicht anders lässt sich die Lokomotive als fortschrittlich begreifen.

  4. […] Dies bot Norbert Elias Anlass, im Handtuch ein maßgebliches Mittel der Zivilisierung zu erkennen: Es behielt bis in die heutige Zeit hinein die zivilisatorische Funktion der Bestrafung, Selbstkasteiung und Disziplinierung (Handtuchkampf diente nach Elias als sublimierte Funktion der Gewalt). Bisher übersehen und erst durch den Towel Turn aufgedeckt, sehen wir hier eine indirekte Bezugnahme und Kritik an Marx’ historischer These von den Stiefeln. […]

  5. Odradek sagt:

    „The most important item in the equipment of a Spetsnaz
    soldier is his footwear. […] Every boot is the result of thousands of years of experience.“ Suvorov, Viktor: Aquarium : The career and defection of a Soviet military spy; London 1985; S. 69. Ausführungen über die Spetsnaz-Stiefel gehen weiter bis S. 71.

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