Postprivacy #5 – Gedanken in Kladde

Ein paar Protogedanken zur Postprivacy-Debatte, bevor ich’s vergesse oder andere auf diese Ideen kommen (Ja, d.i. Ent-Privatisierung von Daten zu ihrem Schutz). Irgendwie kommt mir der Postprivacy begriff – in nicht verifizierbarer Unterstellung und mit ein wenig Selbstbeobachtung – manchmal wie das Pfeifen im Walde vor: Wenn meine Daten ungeahnte Kreise ziehen und in Kombination Ausmaße erreichen, sind die Folgen nie unmittelbar und selten überschaubar. Die Sorgen darum lassen sich deshalb in gewollter Ignoranz abstellen: „was ist eigentlich so schlimm daran“? War übrigens auch der erste Gedanke, als mir eine Festplatte ohne Backup abrauchte …

Doch darum soll es eigentlich gar nicht gehen, Ausgangspunkt dieser Überlegungen sind Lästereien, d.h., gerne viel und am liebsten Schelcht über abwesende reden. Kann uns dies als klärendes Beispiel für Datenschutz/Postprivacy dienen?

  1. In diesem Fall gilt bereits das Ritual des Datenaustausches als Machtausübung bzw. Verletzung, nicht nur die „materialisierten“ Folgen davon
    1. Von daher auch die Frage, ob eine positive oder negative Korrelation von Postprivacy zum lästern über andere zu beobachten ist. Also ob das besonders plausibel auf Personen wirkt, für die sowas zu alltäglich oder zu fremd ist, um etwas Problematischeres darin zu sehen
    2. Umgekehrt ist es deutlicher, Opfer von mobbinartigen Verhältnissen scheinen häufiger zurückhaltend mit („privaten“) Informationen umzugehen
  2. Es kann auf dem Prä-Postprivacy Zustand der Datenknappheit basieren („habt Ihr schon gehört, er_sie hat Finanzprobleme“), muß es aber nicht („und gestern hat er_sie zum dritten mal das selbe Kleid getragen“)
    1. Darin liegt zunächst ein Konformitätsaspekt, ein performativer Akt der gegenseitigen Normenbestätigung
    2. Dabei wird aber auch deutlich – Diskurs, Digga -,  daß entscheidend ist,  wer was über wen sagt („das geht ja gar gar nicht, daß [Außenseiter*In] so wenig Kleider zu haben scheint“ ≠ „[Trendsetter*In] ist ja so ökologisch und rebellisch nicht jeden Tag ein anderes Kleid zu tragen“)
      1. Ändert mehr oder weniger Privatsphäre etwas daran?
  3. Diese Lästereien basieren auch auf einer Form der Privacy, viele würden nicht durchgeführt, wenn d* betroffene* davon wüßte. Dieses Argument kann zu einem „more of the same“ Arguement der Postprivacy Fraktion werden: Es funktioniert nur, wenn es vollkommen durchgesetzt ist, wenn es nicht funktioniert, brauchen wir mehr davon
    1. Die Figur „alle Schwächen des ‚mehr davon‘ basieren auf nicht genug davon“ findet sich übrigens auch bei „Anarchokapitalist*Innen“; nur eine zufällige Gemeinsamkeit?
    2. Informationen sind nun einmal kopierbar und das zu beschränken – z.B. durch DRM – bedeutet zum einen große Eingriffe in die Rechter der Nutzer*Innen, zum anderen sind solche Maßnahmen nie ganz effizient. Deshalb wird Datenschutz/Privacy Argumenten häufig entgegengehalten „das würde nicht mögliche oder wünschenswerte Maßnahmen bedeuten“. Diese Argumentationsfigur läßt sich hier einfach umkehren: „Dann müßte ja jeder Kaffeeklatsch abgehört und ins Netz gestellt werden“

Disclaimer: Dieser Artikel hat Schwächen im „Forschungsstand“ (manch eine* nennt einen solchen bisweilen „Cargokult“), denn sicherlich ließen sich beide gegenübergestellten Positionen weitaus fundierter vertreten, sodaß die Gefahr besteht, hier Positionen zu verwerfen, die es so gar nicht (naja, QuATSch These zu Folge: Kaum) gibt; wie das Kritische Kritiker*Innen von „Queer“ gerne tun. Betrachten wir es also einfach als Snapshot eines Gedankenprozesses.

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2 Responses to Postprivacy #5 – Gedanken in Kladde

  1. […] vorangegangenen Thesen nochmal in […]

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