Schulvergleich

Manchmal kann ein argumentum ad hominem doch Orientierung bieten, so wenn d* argumentierende an Borderline oder Neoliberalismus leidet. Die „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“, bei der Qualitätsjournalismus den Zusatz „wirtschaftsnahe“ anhängt, gewissermaßen als Kritik-Ersatzhandlung (siehe [1], [2], [3]), veröffentlicht ein Ranking der Schulsysteme unterschiedlicher Bundesländer. Ein Lob von denen für Fortschritte im Bildungssystem kann als sicherer Indikator, wiesehr dieses vor die Hunde geht betrachtet werden.

Ohnehin deren Verlautbarungen lediglich mit einer Kneifenzange von Anführungsstrichen anfassend, ist nicht anzunehmen, daß neohumanistische Bildungsideale eines Wilhelm von Humboldt (es muß ja nichts Linksradikales sein, schon das bürgerliche Repetoir hat Besseres als den Nürnberger Trichter zu bieten) starke Berücksichtigung finden, selbst wenn soetwas überhaupt messbar wäre. Aber im Statistikzeitalter existiert ohnehin nur, was für die Erhebung operationalisierbar ist. Für die Kritik der Erhebungsmethoden müßte mehr ins Detail gegangen werden als hier unbezahlt zu leisten ist, deshalb nur als methodische Skizze: Zunächst die interne Kritik, wurde methodisch korrekt vorgegangen oder läßt sich schon auf der handwerklichen Ebene Manipulation feststellen; dann die Kategorialkritik, selbst wenn die quantitative Methode „neutral“ wäre, ihre notwendigen qualitativen Grundannahmen sind es nicht. Dann die Suche nach dem „Außen“, was ist mit der vorgenommenen Methodik systematisch nicht erfaßbar. Zuguterletzt müßten wir schauen, inwiefern passen die Ergebnisse „zufällig“ sehr gut ins Konzept der Erhebenden.

Es fällt z.B. auf, die höchstplatzierten gelten v.a. in naturwissenschaftlichen Fächern als erfolgreich. Auch wenn einige mir jetzt dumpfes Ressentiment vorwerfen könnten und auch unbestritten ist, daß diverse Arten Geisteswissenschaften zu unterrichten (in diesem dualen Gegensatz kommen sozial- und Kulturwissenschaften btw. unter die Räder des „Geistes“) den Mythos der „Laberfächer“ mitbegründet haben; Naturwissenschaften werden i.d.R. anders gelehrt und schaffen – zumal auf Schulniveau – eine andere Form von Kompetenz.

D.h., ich werde nicht müde, das doppelte Mißverständnis des Neopositivsmus zu beklagen: „Wissenschaftlichkeit“ einseitig mit „Naturwissenschaft“ gleichzusetzen und „Naturwissenschaft“ mit dem neopositvistischen Konzept davon zu verwechseln. Tückisch ist in diesem Fall, daß dieses Mißverständnis eine unheilige Verbindung mit anderen Diskursiven Formationen eingeht, nämlich gewissen Erziehungsvorstellungen (nur am Rande: In Großbritanien finden frustrierte Jugendliche keine effektiveren Protestformen als Riots und die Konservativen reagieren mit der Forderung nach Strenge und harten Strafen) und v.a. der Idee, Bildung als Ausbildung zu verstehen, damit einer wirtschaftlich gedachten Nützlichkeit zu unterwerfen. Diese gibt sich wiederum als rational, u.a. indem sie quantifizierende Methoden nutzt, welche zwangsläufig Vergleichbarkeit voraussetzen – kein Zufall, die ultimative Gleichsetzungtechnik ist das Geld. D.h. auch, es handelt sich nicht um reine Ideologie im Sinne von „falsches Bewußtsein, welches das richtige überdeckt“, aber auch nicht um rein instrumentell gewählte Positionen. Wenn wir so das zusammen- und gegeneinanderspiel der Rationalitäten beobachten, scheint eine Philosophie, die sich naiv an das metaphysische Konzept des „Wahrheitswertes von Propositionen“ klammert genauso fatal wie solche, die endgültige/abgeschlossene Antworten auf die Frage nach einer kommenden Gesellschaft haben.

Daß ein „wirtschaftsnahes Institut“ Interesse daran hat, Personen v.a. zu gut funktionierenden – die Maschinenmetapher ist nicht zufällig – Arbeitsnehmern zu erziehen verwundert nicht; nur, daß diese Rationalität andere mögliche so erfolgreich  zu überdecken vermag – an dieser Stelle müßte wahrscheinlich das Konzept der „Hegemonie“ in die Unersuchung eingeführt werden. Wir können nur frustriert feststellen, die Bildungskatastrophe ist keine kommende …

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2 Responses to Schulvergleich

  1. Odradek sagt:

    die Bildungskatastrophe ist keine kommende …

    betrifft btw. auch Rechtschreibung und Satzbau dieses Artikels 😉

    Irgendwie denke ich bei so manchen Verlautbarungen der „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“, sowie der Bertelsmann-Stiftung immer wieder, ist das „Treitschke-Institut für geisteswissenschaftliche Nutzenoptimierung“ nicht schon viel zu realitätsnahe um noch Satire zu sein?

  2. drkultur sagt:

    spontaner feldempirischer Einwurf:
    vorhin bei einer Buchhandlung (direkt am Campus, benannt nach einem bekannten Schriftsteller) vorbeigegangen. Mir ist zum ersten Mal aufgefallen, dass im Schaufenster zwei Kolumnen sind.
    Ich versuche zu erinnern:
    linke Spalte: Wirtschaft, Biologie, Physik, Chemie, Mathematik, Recht (vielleicht fehlt jetzt noch ein Fach)
    rechte Spalte: Philosophie, Soziologie, Theologie, Politik (da fehlt jetzt auch nochwas)

    -> soviel auf jeden Fall zum leidigen Natur-Geist Dualismus

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