Eso mal wieder

Disclaimer: Die verstreute Esoterikkritik auf diesem Blog soll hier nicht erschöpfend zusammengefaßt werden, Beißreflexe gegen derartige Welterklärungen werden als bekannt vorausgesetzt.

Nun wird in der Zeit beklagt, daß irrationale Lehren sich an der Uni breitzumachen versuchen. D.h. Unwissenschaftliches Buzzwordlernen mit dem sich viel Geld machen läßt, „oft wird der Hokuspokus dabei mit Steuergeldern gefördert.“ Die meinen leider nicht BWL. „Besonders deutlich zu beobachten ist der Einzug des Hokuspokus in der Medizin.“ – nur geht es im Medizinstudium um Auswendiglernen von Fach“wissen“ zur berufsqualifizierenden Ausbildung, das hat nichts mit Wissenschaft zu tun.1

(Diese) Polemik beiseite,es verwundert nicht sonderlich. Nicht nur, daß magische Weltbilder mit dem Niedergang des Bildungssystems – mit allem Kaputtsparen und der Umstellung auf Ausbildungssystem, der Rückkehr des Nürnberger Trichters – erklärt werden könnten; wir haben es nicht mit einer kommenden, sondern geschehenen Bildungskatastrophe zu tun – pars prototo sei der Außenminister oder diverse Ex-Doktor*Innen genannt.

Doch auch die Vorwürfe gegen „die Esoterik“ erweisen sich als Problematisch (vgl. feine Atheisten). Da wäre zum einen der Vorwurf „falscher Prämissen“, während die Wirksamkeit als nicht berücksichtigenswert behandelt wird (wir berichteten). Diese Denkweise ist es übrigens auch, die Interdisziplinarität so anstrengend gestaltet, statt Anregungen auszutauschen, wird über Prämissen gestritten, bis der Austausch auf Minimalkonsens des Halbbildungsniveaus endet/verreckt.

Die vielleicht umstrittensten sind jene der „Wissenschaftlichkeit“. Wenn lediglich gestritten wird, wer über die „wahren Fakten“ verfügt, kann eine gefährliche Symmetrie zwischen den Glaubensrichtungen behauptet werden – viele „Esoteriker“ denken genauso, mit der Konsequenz ist,  sich möglichst viele „wissenschaftliche Fakten“ in ihr Glaubenssystem einzuverleiben2. Dies wird auch nur mäßig durch oberflächliche Methodiken gemindert, „Experiment“3, „Mathematik“ (Astrologie) lassen sich in gewissem Umfang auch in Pseudowissenschaft integrieren, der Unterschied – auch: Das Erfolgsrezept der Physik – muß woanders liegen. Dennoch scheinen aus wissenschaftlicher Sicht derartige Pseudo-Wissenschaften sympathischer als der kreationistische Weg, gleichwohl beides letztlich nur mit dem Ziel betrieben wird, einen szeneinternen „Common-Sense“4 zu affirmieren.

„Wissenschaft“ sollte gerade nicht als die Summe ihrer Ergebnisse, sondern der Prozeß ihrer Erschaffung, Überprüfung/Verbreitung und Änderung gesehen werden. Simple Beispiele: Planck ohne die zugrundeliegende Mathematik verstehen zu wollen (siehe) oder von Foerster ohne Kybernetik („radikaler Konstruktivismus“). Text ohne Kontext gibt’s nicht …

Sicherlich, viele haben „Geisteswissenschaften“ in der Schule als ‚Laberfächer‘ kennengelernt und nie zur Kenntnis genommen, wieviel Rechercheaufwand hinter einer geisteswissenschaftlichen Tatsachenbehauptung stehen sollte. Häufig mehr als in Experimental- und Lehrbuchwissenschaften5. Problem ist, in vielen Bereichen – u.a. deswegen, Wissenschaftstheorie wäre ja Philosophie – herrscht eine veraltete und naive Vorstellung von Wissenschaftlichkeit.

Conclusion: Wenn also von szientistischer Seite keine fundierteren Einwände als ein pauschales „unwissenschaftlich“ kommen, verwundert es nicht, daß die „Esoteriker“ alle Mittel ausschöpfen, sich die Position aneignen, als „Wissenschaftler*Innen“ sprechen zu können. Das Schlimmste daran: Da sich Rationalitäten im Wandel befinden (RTFFF), ist ihr Erfolg leider nicht von einer überzeitlichen Wahrheit ausgeschlossen.


1 Der Vollständigkeit halber sei zum Thema Medizin hingewiesen auf: Fleck, Ludwik: Über einige besondere Merkmale des ärztlichen Denkens [1927]; in: ders.: Erfahrung und Tatsache : Gesammelte Aufsätze; hg.v. Schnelle, Thomas; Schäfer, Lothar; Frankfurt/M 1983; S. 37-45.

2 Unübertroffen bei der Diskursanalyse dessen ist Eitler.

3 Eine der scharfsinnigsten Kritiken an der statistisch-experimentellen Methodik findet sich in der Kritischen Psychologie. Da das Hauptwerk (Holzkamp, Klaus: Grundlegung der Psychologie; Frankfurt/M 1983.) kaum jemandem zuzumuten ist, seien die ersten Kapitel empfohlen von Markard, Morus: Einführung in die Kritische Psychologie; Hamburg 2009.

4 Die Queertheory unterlag zuvielen Korrekturen und Austausch aus und mit Bewegungspolitiken und benachbarten Wissensbereichen, als daß sie in diesen Einwand aufgenommen werden könnte.

5 Zum Unterscheidung und Verhältnis von Zeitschrifwissenschaft, Handbuchwissenschaft und populärer Wissenschaft siehe Fleck, Ludwik: Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache; Frankfurt/M 1980 (Ersterscheinen: Basel 1935); S. 146-164.

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4 Responses to Eso mal wieder

  1. Odradek sagt:

    OMFG, ein Artikel, von welchem nur eine Fußnote neu ist und von dessen 574-Wörter Text eigentlich der letzte Absatz vollkommen gereicht hätte:

    Wenn also von szientistischer Seite keine fundierteren Einwände als ein pauschales „unwissenschaftlich“ kommen, verwundert es nicht, daß die „Esoteriker“ alle Mittel ausschöpfen, sich die Position aneignen, als „Wissenschaftler*Innen“ sprechen zu können. Das Schlimmste daran: Da sich Rationalitäten im Wandel befinden (RTFFF), ist ihr Erfolg leider nicht von einer überzeitlichen Wahrheit ausgeschlossen.

  2. Odradek sagt:

    Danke für die Steilvorlage:
    @1: „La Democratie à venir“ 😉 Jedoch sind in Geschichte und Ethnologie zumindest andere Deutung und anderer Umgang mit sowas wie „Geschlecht“ zu beobachten; gleichwohl sich die Standardbeispiele meist auf Fälle beschränken, in denen Trans*personen Rechte eingeräumt werden

    @2: Biolog*n als Privatpersonen oder als Fachleute? Daß es chromosomale, gonadale, hormonelle und anatomische Variationen des Zweierschemas gibt und daß Variationen auf jeder dieser Ebenen ohne Ursachen auf der vorherigen auftreten können, würden diese wohl nicht bestreiten. Und was für Leid Zwangs-„Angleichung“ an die Zweigeschlechtlichkeit für die betroffenen 0.1% der Bevölkerung bedeutet können wir wohl kaum ermessen, „queer“ betrachtet sich als solidarisch, will aber nicht für sie sprechen.

    Ad hoc definierten befragte Biologinnen – zugegebenermaßen Blümchenbiologinnen – Geschlecht über Fortpflanzung. Womit zunächst die meisten soziokulturellen Zuschreibungen von Geschlecht nicht abgedeckt wären. Außerdem ergibt es dann keinen Sinn, Kindern ein Geschlecht zuzuschreiben, bestenfalls ein potentielles. Unfruchtbare und Fortpflanzungsunwillige hätten damit ein weiteres Geschlecht.

    Und was den geschlechtlichen Ausdruck angeht, dürfte klar sein, daß es da mehr als zwei Möglichkeiten gibt und geben sollte.

    Wichtig ist auch an diesen unterschiedlichsten Definitionsarten, daß keine davon alles, was wir intuitiv unter Geschlecht fassen davon abdeckt/rechtfertigt. Ich schaue niemandem in die Hose (zumal auch das täuschen kann) bzw. führe Hormon- oder Chromosomentests durch, bevor ich jemanden „Herr“ oder „Frau“ nenne.

    Litaratur
    – Butler, Judith: Bodies That Matter : On the Discursive Limits of „Sex“; New York (u.a.) 1993. (Dt.: „Körper von Gewicht“)
    – Fausto-Sterling, Anne: Myths of Gender : Biological Theories About Women and Men; New York (u.a.) 1985. (Dt.: „Gefangene des Geschlechts“); Anne Fausto-Sterling ist Biologin
    – Haraway, Donna Jeanne: The Haraway Reader; New York (u.a.) 2004. Donna Haraway ist Biologin
    – Laqueur, Thomas: Making Sex : Body, Gender From the Greeks to Freud; Cambridge/Mass (u.a.) (6)1994. (Dt.: „Auf den Leib geschrieben“)
    – Preciado, Beatriz: Manifeste contra-sexuel; Paris 2000. (Dt.: „Kontrasexuelles Manifest“)
    – Palm, Kerstin: Biologie : Geschlechterforschung zwischen Reflexion und Intervention; in: Becker, Ruth (Hrsg.); Kortendiek, Beate (Hrsg.): Handbuch Frauen- oder Geschlechterforschung : Theorie, Methoden, Empirie; Wiesbaden (3)2010; S. 843-851. Kerstin Palm ist Biologin
    – Palm, Kerstin: Multiple Subjekte im Labor? Objektivismuskritik als Ausgangsbasis für interdependenztheoretische Theoie und Praxis der Naturwissenschaften; in: Walgenbach, Katharina (Hrsg.); Dietze, Gabriele (Hrsg.); Hornscheidt, Antje (Hrsg.); Palm, Kerstin (Hrsg.): Gender als interdependente Kategorie : Neue Perspektiven auf Intersektionalität, Diversität und Heterogenität; Opladen 2007; S. 141-165. Kerstin Palm ist Biologin
    – Schmitz, Siegrid: Der Körper als Schicksal und Bioaktie: Eine Auseinandersetzung mit dem Gehirn im Spannungsfeld von Determination und Konstruktion; in: Abraham, Anke (Hrsg.); Müller, Beatrice (Hrsg.): Körperhandeln und Körpererleben : Multidisziplinäre Perspektiven auf ein brisantes Feld; Bielefeld 2010; S. 87-111. Siegrid Schmitz ist Biologin
    – Voß, Heinz-Jürgen: Making Sex Revisited : Dekonstruktion des Geschlechts aus biologisch-medizinischer Perspektive; Bielefeld 2010.
    – Eine Sammlung lesenswerter Online-Texte findet sich unter agqueerstudies.de

    @3: Das dürfte der Unterschied zwischen Erkenntnis- und Wissenschaftstheoretiker*n sein: Die Unterschiede des wissenschaftlichen Betriebs und seines Anspruchs an wissenschaftliche Theorie von intuitiven ad hoc „Erkenntnissen“ herausstellen. Denke auch daran, die Signifikanzanforderungen für ein Elementarteilchen sein 5x höher als die für die Wirksamkeit und/oder Harmlosigkeit von Medikamenten, die Du im Krankheitsfall schluckst 😉 Es geht ja um Theorien, keine „Theoretten“, wie Graumann laut Holzkamp psychologische Mini-Gesetzmäßigkeiten abfällig bezeichnete. Gerade daß wissenschaftliche Theorie mehr und Anderes will als Sätze wie „alle Schwäne sind weiß“ aufzustellen meinte aber auch schon Lakatos, empfehlenswert, wenn’s etwas mehr „Rationalität“ als meine „postmodernen“ Lieblinge sein darf.

    So oder so bleibt Erkenntnis und speziell wissenschaftliche etwas Soziales – da wären wir wieder bei Foucaults berüchtigtem „Diskurs“ (oder Flecks Denkkollektiv oder der Wissenssoziologie des frühen Latour). Sollte damit auch etwas Sozialkritisches sein 😛

  3. Odradek sagt:

    Vorweg: Heißer Tip zum Thema Hormone wäre der Vortrag What men are made of.
    @1 Wie wäre „Anderes“ eigentlich erkennbar? Haben wir nicht alle mal Solaris gelesen 😉 Sicherlich gab es andere Deutungen in der Geschichte, aber das läßt sich immer mit der Figur des Irrtums/Fortschritts neutralisieren …
    @2 „Zwei Extreme“ kannst Du immer und überall aufspannen. Doch ist dies eine Strukturierung des Feldes, damit eine – ersetzbare – Eigenschaft des Überzeugungssystems, ein a priori. Ich versuche z.B. lieber die Menschheit in „dumme“ und „erträgliche“ einzuteilen, „PoMo“ wäre, nur noch die Unterscheidung „Witzig-nichtwitzig“ gelten zu lassen. Häufigkeit zu Normativität verkommen zu lassen ist nach Jürgen Link genau das Problem, wenn die Gausskurve zur Philosophie wird; Statistik, Geißel der Moderne. Die „Sex/Gender“ Trennung ist ein Forschungsstand der 80er und gilt seit „Gender Trouble“ als aufgehoben/dekonstruiert. Beim Wort „idealisiertem Extremfall“ (damit verschieben sich btw. die Argumentationslinien, plötzlich bist Du der Idealist, ich d* Materialist* 😛 ) geht mir auf einmal das Problem der „Kulturpsychologie“ auf: Mit einem ’nomothetischen‘ Wissenschaftsinteresse, zumal einem so kategorienblinden wie der Psychologie müssen alleine die Grundlagen zu (gutgemeinten) Rassismus führen. D.h., was für die Physik nur ein verkürztes Wissenschaftsverständnis ist, wird bei Kulturwissenschaften moralisch bedenklich. Das Problem an der rein gesellschaftswissenschaftlichen Bekämpfung von Heteronormativität ist, daß sich diese gerne als „wissenschaftliche Tatsache“ tarnt (warum Frauen neurologisch nicht einparken könnten, Homosexualität eine Entwicklungsstörung sei usw., usf.). Nun könnten wir wie Fausto-Sterling oder Voss uns auf darauf beschränken, die innerwissenschaftlichen Lücken in den herangezogenen „Ergebnissen“ aufzuzeigen. Das greift aber zu kurz, da es – mit Einschreibung – an den Symptomen untersucht, nicht aber Wissenschaft wiederum als kulturelles Artefakt untersucht. Kerstin Palm hat die zwangsläufige Doppelgleisigkeit von Wissenschaftskritik schöner auf den Punkt gebracht, siehe das Literaturverzeichnis oben.
    @3 Textinterpretation ist auch eine Wissenschaft und Der Schein geht (zumindest aus diesem) meinem Text nicht hervor. „Theoretten“ lassen sich grob mit (einer Bedeutung von) „Modell“ beschrieben. Und für das Verhalten des Universums brauchst Du minestens eine Ceteris Paribus Bedingung. Fleck hat im Artikel „Wissenschaftstheoretische Probleme“ (Sammelband hier häufiger zitiert) auch ein Beispiel von gut funktionierender Täuschungssysteme. Doch die Frage dieses Teil-Threads war doch ursprünglich der Unterschied zwischen Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie. Sodaß die Metafrage wäre, ob es Sinn ergibt, von einer wissenschaftlichen Methodik zu sprechen (dann ist ein naives Bild von empirisch/experimental-statitischer Methode sicherlich unzureichend, zumal strenggenommen bei sowas bestenfalls Korrelationen, keine guten Theorien ‚rauskommen – Theoretten eben – und wäre es m-/eine Idee, in anderen Zweigen nach verbindlicheren Kriterien zu suchen) oder „Wissenschaft“ ohnehin in fachliche Cluster zerfällt (Ende der großen Erzählung). So oder so, der Mentalitätsunterschied erscheint mir zwischen „Theoretiker*n“ und „Handwerker*n“ größer als zwischen GeWis und NatWis, gleichwohl die Privilegierung jener als „nützlich“ geltender zugegebenermaßen schon bisweilen auf den Zeiger geht (vielleicht gründe ich tatsächlich irgendwann das Treitschke-Institut). Wenigstens werden wir uns einigen können, daß BWL keine Wissenschaft ist 😀

  4. Odradek sagt:

    Krishna-Leute und Esos „kritisieren“, weil sie „wissen“ wie es ist.

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