Wissenschaft und der Decline-Faktor

Jonah Lehrer berichtet im New Yorker vom s.g. „Decline Effect“, daß – trotz statistischer Signifikanz und methodischer Korrektheit – die spektakulären Ergebnisse von Experimental-Studien bei Reproduktion beängstigend oft bis zur Nichtexistenz abnehmen.

Heinz von Foerster hätte gelacht. So wirklich neu ist die Erkenntnis nicht. Erstgenannten zunächst aussparend, die feministische Wissenschaftstheorie hat sich seit Jahrzehnten bemüht, gesellschaftliche Verstrickungen scheinbar so „neutraler“ Wissenschaft zu zeigen.1 Vgl. auch die These „Empirischer Unterdeterminiertheit von Theorien“. Mit anderen Worten: Auch was wissenschaftlich geglaubt wird, hängt mit dem zusammen was als glaubhaft gilt und „die“ naturwissenschaftliche Methode von Hypothese und Experiment ist also kein Patentrezept sichere Wahrheiten zu produzieren.

V.a. fällt hier auf – der Bezug auf Bacon ist besonders entlarvend -, daß es sich hier um statistisch-experimentelle Naturwissenschaften handelt. Daß/wo Experimente gerade in der Psychologie das höchstproblematisch sind, versucht die (Berlin School of) Kritische Psychologie – auch seit Jahrzehnten – aufzuzeigen, die Kritikpunkte sind recht schön zusammengefaßt bei Markard2, sodaß das hier ausgespart werden kann. Dennoch wird – im Netz z.B. gerne der Dunning-Kruger-Effekt – „Scientists“ mehr geglaubt als anderen Diskursteilnehmer*Innen; zumindest, wenn ihre Ergebnisse in den Kram passen. Doch „Exakte Wissenschaft“ ist ein Mythos. Gerade die (mainstream)Psychologie scheint teils in der Wissenschaftstheorie der 20er zu verharren (die Psychoanalyse 30 Jahre vorher, die Humanistische Psychologie 30 Jahre nachher, also alle drei uralt); und Lehrer trifft den Nagel auf den Kopf, wie unzureichend Sir Karls Vorstellung von Falsifikationsprozessen war. Kuhn wird erwähnt (obwohl unsere Leser*Innen natürlich wissen, daß dieser auch nur schlecht abgeschrieben hat). Wir erinnern uns: In Kuhns Konzept können wir uns in wissenschaftlichen Umbrüche („Revolutionen“) in etwa so vorstellen, daß Paradigmen wie Zeichentrickfiguren noch eine weile im Leeren strampeln, bis sie merken, keinen Boden mehr unter den Füßen zu haben und fallen.

Ein Exemplar wissenschaftlicher Comicfiguren muß in einer Replik von PZ Myers auf Scienceblogs gegen diese Wissenschaftskritik gar die Bedrohung des Kreationismus heraufbeschwören; im „Kalten Krieg“ wie im „War on Terror“ eine beliebte Trope: „Nicht auf offene Systeme insistieren, das spielt denen in die Hand die sie abschaffen wollen.“ Auch ähnlich schöne Trope findet sich am Ende: „But science works. That’s all that counts.“ Ungefähr soetwas mag Sir Karl im Sinn gehabt haben, als er meinte, Induktion sollte besser nicht induktiv belegt werden3; ohne an dieser Stelle jetzt das Problem der Zirkelschlüsse diskutieren zu wollen. Laut Myers könnten angesichts der Komplexität und Vielfalt von Variablen („ein Bild hielt uns gefagen“ …) nunmal Hypothesen falsch sein, Wissenschaft könne nie absolute Sicherheit erreichen (hört hört). Doch ging es bei Lehrer gerade nicht um zu testende Hypothesen oder den Prozeß des Be-/Wider-legens, sondern um Ergebnisse, die diesen nach jetzigen Standards erfolgreich durchlaufen hatten, somit mit der Bezeichnung „Fakten“ geadelt werden konnten. Das grundlegende Problem hat bereits Fleck – der in wissenschaftstheoretischen Ausführungen d* Autor* nie fehlen darf – formuliert: Die sozialen Prozesse, die das Wissen hervorbringen, sind die gleichen, die den Irrtum hervorbringen.4 So braucht diese Erzählung in Flucht auf die Metaebene die Vorstellung von Fortschritt („constantly pushing the boundaries of uncertainty“), welche oftmals – so auch hier – unbegründet bleibt oder den Zirkel bemüht, daß unsere Zeit die beste ist, weil keine so sehr wie die unsrige war, wie die unsrige.

Aber Zurück zu Lehrer: An mehreren Stellen beklagt er, wie Unhaltbares den Weg in „Textbooks“ findet. Hier bahnt sich die Ahnung einer Lösung an, Informationskompetenz. Dem entgegen steht ein (aus)Bildungsproblem: Wer Lehrbücher auswendig lernen muß, statt Forschungskontroversen zu verstehen, sieht sich von der Möglichkeit ihres Nichtzutreffens bedroht (Dissonanzreduktion, wenn wir schon mit mainstream-psychologischen Konzepten werfen). Deshalb bleiben einige Philosoph*n auch so leicht auf einzelnen Theorien hängen, sie zu verstehen war zu schwer, da kann das doch nicht sinnlos gewesen sein …

Doch bevor wir alle auf dümmere – oder unbedeutendere – Überzeugungssysteme als Wissenschaft zurückfallen,5 sei erinnert, daß nicht alle Wissenschaft experimentell, geschweige denn quantitativ arbeitet.

Im Glauben an „Objektivität“ und ihre methodischen Rituale verkommt der Wissenschaftsbetrieb zum Handwerk. Ein Seitenhieb gegen „Bachelor“(=“Gesellen“)-Abschlüsse wäre zu offensichtlich. Ein wenig von den Geistes- Sozial- und Kulturwissenschaftlern zu lernen könnte den Szientismusgläubigen nicht schaden (zumindest, solange es diese „Orchideenfächer“ noch gibt und solange sich noch jemand daran erinnert, daß es sie auch mal in weniger verschult und kaputtgespart gab). Womit wir beim Thema Interdisziplinarität enden, wie erwähnt: Heinz von Foerster6 hätte gelacht …


1Jetzt keine Standardwerke zusammentragend, mögen Interessierte sich folgenden Forschungsstand am Beispiel der Biologie anschauen: Palm, Kerstin: Biologie : Geschlechterforschung zwischen Reflexion und Intervention; in: Becker, Ruth (Hrsg.); Kortendiek, Beate (Hrsg.): Handbuch Frauen- oder Geschlechterforschung : Theorie, Methoden, Empirie; Wiesbaden (3)2010; S. 843-851.

2 Markard, Morus: Einführung in die Kritische Psychologie; Hamburg 2009; c. 1-5, S. 13-90.

3 Popper, Karl Raimund: Logik der Forschung; Tübingen (9)1989 (Ersterscheinen: Tübingen 1934); S. 3-5.

4 Fleck, Ludwik: Wissenschaftstheoretische Probleme; in: Schäfer, Lothar (Hrsg.); Schnelle, Thomas (Hrsg.): Erfahrung und Tatsache; Frankfurt/M 1983; S. 128-146, S. 140f.

5 Eine Denkerin mit Stockholm-Syndrom gefährlichem Anspruch argumentiert in „Situated Knowledges“, daß den Jungs ihre Spielsache mit dem Argument „They’re just texts anyway“ zurückzugeben auch nicht der Sinn feministischer Theorie sein kann.

6 Heinz von Foerster: Die Verantwortung des Experten; in: ders.: Sicht und Einsicht : Versuche zu einer operativen Erkenntnistheorie; Braunschweig (u.a.) 1984; S. 16-23; S. 17: „Je tiefer das Problem, das ignoriert wird, desto größer sind die Chancen, Ruhm und Erfolg einzuheimsen […] Die ‚hard sciences‘ sind erfolgreich, weil sie sich mit den soft problemschäftigen; die ’soft sciences‘ haben zu kämpfen, denn sie haben es mit den ‚hard problems‘ zu tun.“

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2 Responses to Wissenschaft und der Decline-Faktor

  1. „die feministische Wissenschaftstheorie hat sich seit Jahrzehnten bemüht, gesellschaftliche Verstrickungen scheinbar so „neutraler“ Wissenschaft zu zeigen.“

    Allerdings auch nicht mit wirklich überzeugenden Mitteln. Auch Frau Palm geht ja auf ein Vielzahl von Unterschieden gar nicht ein. Die Rolle der Hormone, die „Kontrollgruppen“ über Homosexuelle, Transsexuelle und Intersexuelle wird nicht behandelt. Auch nicht, dass sich die Unterschiede auch innerhalb der Geschlechter zeigen.
    Die gesellschaftlichen Einflüsse werden ebenfalls nicht hinterfragt. Gegenüber diesen Studien ist sie sehr unkritisch.

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