Wissenschaftlich Queer-sein

Werkele gerade an einem Einführungsvortrag in queere Theorie. In Anbetracht knapper Redezeit und der Anforderung, repräsentativ-queer zu wirken (dann wohl auch mit lila Nägeln), sollten die Bezüge v.a. aus dem theoretischen Kanon stammen. Paul-Michel und St.Judith kommen erst nach diesem Teil an die Reihe. Das erweist sich als gar nicht so einfach, denn um den Satz „Es gibt zwei Geschlechter, das sieht man doch“ zu widerlegen und dabei auch noch zu Antiessenzialismus zu bekehren, scheinen mir zunächst wissenschaftstheoretische und kognitionspsychologische Beispiele weitaus einleuchtender; zumal queere Denker*Innen häufig von einer antiessenzialistischen Grundhaltung ausgehen, statt sie lang und breit zu begründen; solch philosophische Spitzfindigkeiten finden bei politischem Impetus selten wirklich Verwendbarkeit. Und wenn das doch mal vorkommt, steckt meist mehr Theorie dahinter, als sich in einigen Sätzen erläutern läßt; wenn etwas zu weit vom Alltagsdenken entfernt ist, läßt es sich kaum einfach und kurz erläutern. Bezweifelnd, die „Abfallprodukte“ dieser Arbeit noch an renomierterer Stelle unterzubringen, lest Ihr sie möglicherweise demnächst hier.

Die Herausforderung lautet jedenfalls, diejenigen zu zitieren, die jene zitieren, die ich zitieren wollte (<3 Donna H.); zumindest solange, bis ich als „queere* Denker*“ gelte und meine Standardbeispiele damit automatisch „queer“ sind. Die Normalität im Widerstand gegen Regime des Normalen. Aus didaktisch-strategischen Gründen in diesem Fall wahrscheinlich sogar sinnvoll, dennoch bleibt es befremdlich: Wollte „Queer“ nicht gegen Schubladisierungen und Identitäten antreten? Und: Wollte ich nicht gegen ‚Szenenasigkeit‘ antreten, in die ich mich hier so mühsam füge? (Im Hintergrund hört Ihr das Gelächter des „Philosopher formerly named like Chemnitz“).

Ein wenig höher, auf der Meta-Metaperspektive sieht es wenigstens verzwickt aus. Wenn der Gegenstand komplett hinter der Methode verschwindet,1 da diese jenen erst konstituiert, muß das Problem bereits an der Frage liegen – diese zu stellen ist un/außer-queer. Dennoch ergibt in solchen Situationen der Bourdieu’sche Anspruch, die Methoden dem Gegenstand angemessen auszuwählen2 auf einmal Sinn über die reine Forderung, den Forschungsstand breit zu berücksichten hinaus. Theorie ist eben auch nur (ein Spezialfall von) Diskurs: Zwar kommen wir nicht heraus, aber das Angebot bleibt vielstimmig (wenn nicht, läuft in der Recherche oder Wissenschaftsdisziplin etwas schief).

Wo wir gerade beim Leid im sonst so vergnüglichen Halten derartiger Vorträge wären: Häufig taucht die Erwartung auf, „sich zu verorten“. Es ist im Zeitalter von PostPrivacy einfach unzeitgemäß spießig zu glauben, Sexualleben wie Rootpasswort (bin mal gespannt, welche Wörter Möchtegern-Hacker*Hacksen jetzt erfolglos ausprobieren) gingen niemanden etwas an. „Unlearning one’s privileges as one’s loss“ (Spivak) und Unmarkiertheit ist solch ein nettes Privileg, daß es angenehmer zu teilen als aufzugeben ist; alte linkspolitische Debatte: Soll es allen „nur“ so gut gehen wie den Privilegierten oder sieht das Ziel ganz anders aus? Mit dem Modest_Witness3 der bürgerlichen Wissenschaft hat das jedenfalls wenig zu tun, wobei die noblesse oblige eines hierarchischen Systems aufzugeben Gefahren birgt, es muß nicht immer das System aufheben – manchmal nur dessen Niveau (das läßt sich übrigens auch als Seitenhieb auf einige Konstruktivismuszweige oder gar den Außenminister lesen). Von der Gefahr, Debatten vorsorglich nur noch ad hominem zu führen ganz zu schweigen. Dabei wird eine Vereindeutlichung geschaffen, einhergehend mit dem Zwang, sich kategorial einzuordnen (einordnen zu lassen sowieso, die übliche Grüppchenbildung. Diskussionen außerhalb des eigenen ideologischen Dunstkreises sind anstrengend). Daß soetwas Subjekte eher schafft als repräsentiert, sollte im queeren Theorierahmen eigentlich trivial sein.

Doch vergessen wir vor lauter Polemik gegen verunglückte Praxis nie, daß es nicht ursprünglicher Sinn derartiger Techniken war, Ingroups für (menschliche) Herdentiere4 abzustecken. Ob jegliches Problem standpunktbasierten Wissens durch bloßes Nennen wie durch eine magische5 Formel verschwindet, sei dahingestellt; zumindest erleichtert es die Interpretationsarbeit, sowie den sonst mühseligeren Prozeß, sich auf Uneinigkeit zu einigen. Vielleicht bietet es gar Anlaß, den eigenen Standpunkt zu reflektieren, gleichwohl soetwas eher selten von sinnentleerten Ritualen ausgelöst wird.


1 Herzog, Walter: Modell und Theorie in der Psychologie; Göttingen 1984; S. 1-19, speziell 2f.

2 Wäre nett, wenn jemand die Bourdieu-Fußnote ergänzen könnte.

3 Haraway, Donna Jeanne: Modest_Witness@Second_Millenium; in: dies.: The Haraway Reader; New York (u.a.) 2004; S. 223-250. Mit Modest Witness ist das faktenerzeugende unmarkierten Subjekt, dessen Subjektivität Objektiv bedeutet gemeint.

4 Vgl. Nietzsche, Friedrich: Die fröhliche Wissenschaft; Leipzig 1887; c. 116: „Mit der Moral wird der Einzelne angeleitet, Function der Heerde zu sein und nur als Function sich Werth zuzuschreiben.“

5 Da Wissenschaft auch nur fortgeschrittene Magie ist, wird diese Fußnote aus zahlenmystischen Gründen eingefügt – All Hail Discordia!

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One Response to Wissenschaftlich Queer-sein

  1. Odradek sagt:

    Schwierig – der Reiz an Haraway besteht gerade darin, daß sie genau da ansetzt, wo ich einführend ersteinmal hinwill. Ein paar Artikel gesichtet (online davon verfügbar: Fausto-Sterling und Voss), das Erkenntnistheoretische wird meist übersprungen und als Argument gegen „es gibt zwei Geschlechter“ Intersexuelle zu instrumentalisieren, mögen diese leider gar nicht.

    Letztlich dann bei Kerstin Palm zumindest auf der Suche nach Bezugsgrößen innerhalb der „Ingroup“ fündig geworden: Sie argumentiert ungefähr wie ich es vorhatte und hat wahrscheinlich sogar Ludwik Fleck gelesen.

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