Stadtneurosen

Irgendwie hat es die Psychoanalyse schon immer gewusst: Nicht nur Menschen können psychisch Erkranken, sondern auch Organisationen. Jetzt ist es amtlich. „Auch Städte sind neurotisch“, so der Titel einer auf dem psychoanalytischen Kongress Warschau vorgestellten Studie. Ihr Inhalt: Psychische Störungen, die sich bei Menschen beobachten lassen, können auch auf Einrichtungen, ja sogar ganze Städte, übertragen werden. Damit nicht genug, spezifische bei Störungen auftretende Verhaltensmuster ließen sich ebenfalls hier nachweisen. „Auch eine Stadt hat Komplexe und kann neidisch werden“, erklärt Dr. Ahlhaus von der Psychologischen Fakultät der Universität Freudenstadt.

Doch worauf soll eine Stadt neidisch sein? Die Antwort ist ebenso einfach wie genial: Auf andere Städte. „Das Phänomen ist hier ähnlich wie beim Menschen“, so Dr. Ahlhaus, „die weniger schönen, wichtigen, kulturellen, Städte beneiden die anderen.“ Doch welche Kriterien legen fest ob eine Stadt weniger schön ist? Nach den Untersuchungen von Dr. Ahlhaus scheint das Vorhandensein historischer Bauten, vor allem Schlösser, wichtiges städtisches Selbstbewusstseinskriterium zu sein, ebenso wie ein internationaler Flughafen mit mindestens vier Terminals oder der Status als Hauptstadt. „Wir konnten einen regelrechten ‚Schlossneid‘ bei schlosslosen Städten feststellen, ebenso Minderwertigkeitskomplexe wegen zu kleiner Flughäfen bzw. Bahnhöfe“, sagt Ahlhaus. Das Verblüffendste aber: laut der Ahlhaus Studie bedienen sich  Städte ähnlicher Bewältigungstragegien wie Patienten aus Fleisch und Blut. „Das müssen Sie sich ungefähr so vorstellen, wie Teenager, die sich übermäßig schminken um erwachsener zu wirken. Es werden vollmundige Namen wie ‚Messe- oder Kongressstadt‘ genutzt“, auch das Einverleiben nicht städtischer Gemeinden in eine sogenannte Metropolregion ist, gemäß Ahlaus  ein typisches Verhaltensmuster bei Schlossneid. „Meist wird zudem versucht, das nicht vorhandene Schloss durch pompöse Neubauten wie Konzerthallen, oder Einkaufspassagen zu kompensieren“, erklärt Ahlhaus hierzu.

Dabei ist nicht jede Konkurrenz zwischen Städten gleich als Neid auszulegen, noch ist sie per se schädlich. Laut Ahlhaus  ist simples Imponiergehabe, etwa das Ausrichten einer städtischen Großveranstaltung,  an sich harmlos. In einigen Fällen kann sich aus dieser kleinen neurotischen Störung jedoch eine handfeste Psychose entwickeln, „dass sind die Fälle bei denen wir von ‚pathologischen Schlossneid‘ sprechen“, erläutert Ahlhaus. Hier erreicht die Störung einen therapiebedürftigen Grad. Bei pathologischem Schlossneid wird, folgt man Ahlhaus Studie, das gesamte Verhalten einer Stadt von nicht zu befriedigenden Geltungsdrang gesteuert. Es kommt zu einer Wahrnehmungsverschiebung die diesen Geltungsdrang als städtische Kernaufgabe erscheinen lässt. In einem zweiten Stadium werden ihm alle städtischen Funkionen untergeordnet. Wenn jetzt nicht eingegriffen wird, folgt über kurz oder lang der finanzielle und physische Kollaps. Die Stadt kann ihre Kernaufgaben nicht mehr wahrnehmen kurze Zeit später setzt der soziale (Bildung, soziale Projekte) und letztendlich der physische Verfall (kaputte Straßen, marode Funktionsgebäude) ein.

Ob eine Therapie ähnlich wie beim Menschen möglich ist, darüber streitet die Wissenschaft, einig sind sich die Experten nur in dem Punkt, dass eine Kur schnellst möglich gefunden werden muss.

Betroffene Bürger werden es Ihnen danken!

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5 Responses to Stadtneurosen

  1. Odradek sagt:

    Den Palast der Republik in Hamburg wiederaufbauen? Den Stuttgarter Bahnhof im Hundertwasserstil dekorieren?

  2. […] Luft heute Nacht? Wurde die Luft kontaminiert durch Liebe? Oder will Hamburg mal wieder in seinem Schlossneid aufholen und mit der Berliner Luft […]

  3. […] in guter Kontinuitität Hamburger Sicherheitspolitik. Der eigentliche Grund dürfte ein interstädtischer sein: Hamburger Polizist*innen reiten künftig auf dem Berliner […]

  4. […] der Elbphilharmonie, unterwegs heimwärts auf die Insel. Bekanntlich leidet Hamburg an Schlossneid. Nahe Landungsbrücken – zwischen Tourihorden und Österreichfahnen – hängen jetzt […]

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