Die Kulturelle Praxis Teil III

In Zusammenarbeit mit Odradek

Arzt: Hallo und herzlich Willkommen in der kulturellen Praxis.
Wittgenstein: Grüßi.
Arzt: Wie kann ich helfen? Raus mit der Sprache!
Wittgenstein: Gern. Welches Sprachspiel möchten’s?
Arzt: (lacht) Na, das müssen Sie schon selbst wissen.
Wittgenstein: Aisdann. (zeigt mit Schmerzausdruck auf seine Backe und ruft) Abrakadabra!
Arzt: (verdutzt) Ähem, Entschuldigung bitte? Was meinen Sie?
Wittgenstein: Nun mit dem ‚Meinen‘ ist des so eine Sache…(Gibt ihm ein Exemplar der ‚Philosophischen Untersuchungen‘ in die Hand)…aber schaun’s da mal wegen ‚Abrakadabra‘ unter §665!
Arzt (blättert, bis er die Seite findet): (murmelt)… Abrakadabra…. Ach! Sie haben Zahnschmerzen?
Wittgenstein: Nun mit den ‚Schmerzen‘ ist des so eine Sache…blättern’s mal zu §244!
Arzt (blättert kurz, bricht dann genervt ab): Also ich glaube, Sie sind nichts weiter als ein verkappter Behaviourist. Sie sagen doch im Grunde, dass alles Fiktion ist, außer dem menschlichen Benehmen.
Wittgenstein: nahnah, … wenn ich von einer Fiktion red, dann von einer grammatischen Fiktion, können’s in §307 nachlesen!
Arzt: Meine Güte, sind Sie vielleicht arrogant.
Wittgenstein: Wissen’s: ich dacht mal, ich hätt so einige Probleme der Philosophie endgültig gelöst. Aber da kam so ein Italiener…des is eine prima Anekdote geworden… Heuer, möcht ich mit meiner Schrift nicht Andern des Denken ersparn, sondern beileifi Andre zu Gedanken anregen. Ziel der Philosophie ist es: der Fliege den Ausweg aus dem Fliegenglas zeigen…
Arzt: (unterbricht) Ähm, nichts für ungut, aber für große Reden habe ich keine Zeit. Kommen wir zurück zur Sache! Was fehlt Ihnen denn jetzt genau?
Wittgenstein: Wissen’s: Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.
Arzt: ähhm.. (schweigt)
Wittgenstein wendet den Kopf zur Seite, schaut däumchendrehend aus dem Fenster.
Arzt (nach einer kurzen Pause): aber, …ich…ich…(schweigt)
Wittgenstein wandert mit seinem Blick die Decke entlang, pfeift leise vor sich hin.
Arzt blättert nervös die Unterlagen auf seinem Schreibtisch durch.
Wittgenstein: (richtet seinen Blick wieder auf den Arzt) …Aisdann Doktor Russell, ich geh hoamzua.
Arzt: Ähhja, auf Wiedersehen. Einen schönen Tag noch.
Er begegnet im Wartezimmer Karl Popper und greift sich einen Schürhaken
Wittgenstein: Sie – Geben’s ein Beispiel für eine moralische Regel!

Popper flieht ins Behandlungszimmer, schlägt die Tür zu und lehnt sich dagegen.
Arzt: Hallo und herzlich willkommen in der Kulturellen Praxis, wie geht es uns heute
Popper: Tut mir Leid, ich kann Ihnen nur mit Sicherheit sagen, wie es mir nicht geht
Artzt: Klingt ein wenig nach verdrehtem Positivismus. Stellen Sie doch einfach mal eine Arbeitshypothese auf
Sir Karl: Ich sehe immerzu weiße Schwäne. Das hört gar nicht mehr auf.
Arzt: Na und?
KRP: Tag und Nacht schwirrt mir diese Hypothese im Kopf herum, ich krieg Sie aber einfach nicht weg. Bitte, bitte, Herr Doktor, zeigen Sie mir einen schwarzen Schwan.
Arzt: Aha, ein ganz klarer Fall: Sie sind Falsifikationsabhängig. Aber… das bekommen wir schon hin. Ich verordne Ihnen ein wenig Archäologie des Wissens (gibt ihm eine Schaufel und zeigt auf einen Zettelstapel) Keine Angst, ich mache Sie zu einem glücklichen Positivisten.
KRP: Ach, das ist leicht, ich muß nur die empirischen Basissätze finden, dann häuft sich das Wissen fast von alleine an. (macht sich an die Arbeit)
Arzt: Mhh, abgesehen von der Theoriebeladenheit Ihrer Beobachtungen, haben Sie da nicht die Revolutionen vergessen? (Thomas S. Kuhn im Che-Shirt rennt in das Behandlungszimmer, bringt den Zettelstapel durcheinander, schreibt die Lehrbücher um und wird dabei unsichtbar)
KRP: (Nimmt das Handy ‚raus) Imre, der macht alles kaputt! … ah, ok, das könnte auch rational gewesen sein? … Ja, der Stapel könnte vielleicht so höher werden … Na dann ist ja gut (legt auf) Ganz ruhig, ich muß nur nach besseren Problemlösungen suchen.
Arzt: Nein, nein, Sie machen das vollkommen falsch, hören Sie doch mal auf zu stapeln und suchen nach der Totalität!
KRP: Nun seien Sie doch nicht immer so Kritisch, Dr. Adorno, Sie klingen ja wie ein alter Meckeropa. Ich bin mit Ihren Methoden nicht einverstanden und hole mir eine andere Meinung! (Verläßt den Raum durch die Hintertür)

Foucault steht kopfschüttelnd an der Tür
Adorno: Schon Schichtwechsel?
Foucault: Schauen Sie auf die Uhr, 2010 schon fast durch. Aber ein Tipp unter Kollegen: Sie sollten „Eine Menge von Aussagen nicht als die geschlossene und übervolle Totalität einer Bedeutung [..] beschreiben, sondern als eine lückenhafte und zerstückelte Figur“1 (wirft den Papierstapel in den Schredder) Und lassen Sie nicht immer Ihren Müll hier liegen.

Kurz darauf klingelt das Telephon
Arzt: Bonjour, Kulturelle Praxis.
Wehler: Wehler hier – Dr. Foucault, ich bin mit Ihren Methoden nicht einverstanden, einer ihrer Patienten hat wissenschaftlich beobachtet, daß das was sie produzieren empirisch-historisch vollkommen unzureichend ist!
Arzt: Könnten Sie etwas genauer werden?
Wehler: Das ist es ja, das ist alles „zum Verzweifeln undifferenziert“2. Und ‚Kultur‘ ist ohnehin soein Gummibegriff. Das ist doch bestenfalls gehobenes Feuilleton!
Arzt: Das wäre gegenüber Ihrer Arbeit schon ein Fortschritt. Sehen Sie’s ein, die Moderne ist die Zukunft von gestern.
Wehler: Sie kennen ja noch nichteinmal Norbert Elias! Sie mit ihrer einseitigen Quellenauswahl.
Arzt: Einseitig? Was ich mache, „heißt den Typ von Positivität eines Diskurses zu definieren. Wenn man an die Stelle der Suche nach den Totalitäten die Analyse der Seltenheit, an die Stelle des Themas der transzendentalen Begründung die Beschreibung der Verhältnisse der Äußerlichkeit, an die Stelle der Suche nach dem Ursprung die Analyse der Häufung stellt, ist man ein Positivist, nun gut, ich bin ein glücklicher Positivist“.3
Wehler: Sie sind doch nur „ein intellektuell unredlicher, empirisch absolut unzuverlässiger, kryptonormativistischer ‚Rattenfänger‘ für die Postmoderne“4.
Arzt: Bei Beschwerden wenden Sie sich bitte an den Diskurs. Ich führe hier zwar eine nicht-diskursive Praxis, aber kann Ihnen auch nur das weiterleiten, was der Diskurs mir empfiehlt.
Wehler: Das ist doch alles nur Sprache!
Arzt: Das sagen Sie!
Wehler: Ach hören Sie doch auf! Sie sind ein Pfuscher. Ich schicke Ihnen das Ordnungsamt auf den Hals. Ich verlange Aufklärung.
Arzt: Ach, was ist Aufklärung? Schon gut, so lange keine Humanisten dabei sind. Nun, ich gebe zu… ich mag manchmal nicht ganz astrein gearbeitet haben, aber Sie wollen mich jetzt wohl nicht wegen dieser Kleinigkeiten Überwachen und Strafen? Nur weil mir und meinem Kollegen Barthes letztens der Autor auf dem OP-Tisch abgekratzt ist, heißt das noch lange nicht, dass hier die Dinge nicht in Ordnung sind. Sorgen Sie …(hält auf einmal inne)…NIETZSCHE!
Wehler: Gesundheit!
Arzt: Danke! …Wo war ich? Achja: Sorgen Sie lieber mal um sich!
Wehler: Ich bitte Sie, da war doch noch einiges mehr als der Autor. Der Patient Chomsky hat nach der Behandlung bei Ihnen nie wieder zu seiner Kreativität zurückgefunden oder LHabermas, der hat versucht, die Moderne gegen leute wie Sie zu verteidigen, aber Sie sind solch ein „irritierender Autor“5, daß jetzt nur noch seine Tochter bedeutende Werke schreibt
Arzt: (unterbricht) Alles hoffnungslose Fälle.
Wehler: Und was ist mit dem Kollegen Sartre? Den haben Sie doch ausgebootet, der ist Pleite…
Arzt: Nicht meine Schuld, er hat mich als letztes Bollwerk der Bourgeoisie bezeichnet!6
Wehler: Nein, Sie sind an allem Schuld. Permanent stecken Sie Leute mit Ihrer unsauberen Theorie an.
Arzt: So, ein Quatsch. Das lag alles an dieser Episteme…ähhh ich meine, Epidemie.
Wehler: Ha! Sehen Sie, da haben wir’s! Sie verstehen noch nicht einmal ihr Handwerk richtig, da wimmelt’s nur so von „Begriffskonfusionen und Widersprüchen“7
Arzt: Handwerk? Sie verwechseln hier einen Baumarkt mit einer Tischlerei. Ich biete meinen Patient*Innen „kleine Werkzeugkisten. Wenn die Leute sie aufmachen wollen oder diesen oder jenen Satz, diese oder jene Idee oder Analyse als Schraubenzieher verwenden um die Machtsysteme kurzuschließen, zu demontieren oder zu sprengen, einschließlich vielleicht derjenigen Machtsysteme, aus denen diese meine Bücher hervorgegangen sind- nun gut, umso besser.“8
Wehler: Ich sag‘ doch: Kryptonormativist. So eine unwissenschaftliche Modeströmung wird nicht lange Bestand haben!
Arzt: „Ich möchte, daß meine Bücher Skalpelle, Molotowcocktails oder Minengürtel sind und daß sie nach Gebrauch wie ein Feuerwerk zu Asche zerfallen.“9 Aber lassen Sie uns das am besten bei einem Abendessen besprechen!?
Wehler: Wo denken Sie hin?!? Ich weiß doch, Sie sind ein „Homosexueller, später als Sadomasochist mit harten Praktiken bekannt“10 (legt auf)
Arzt: (legt auf) Leute gibt’s …

Blende ins Wartezimmer: Dort sitzt ein inzwischen ungeduldiger Marshall Sahlins. Genervt schaut er auf seine Armbanduhr und murmelt grimmig: Waiting for Foucault, Still!

Die Figuren dieser Geschichte sind frei erfunden, Ähnlichkeiten mit den zitierten Autor*Innen wären rein zufällig.


1Foucault, Michel: Archäologie des Wissens; Frankfurt/M 1973; S. 182.

2 Wehler, Hans-Ulrich: Die Herausforderung der Kulturgeschichte; München 1998; S. 81.

3 Foucault: Archäologie S. 182.

4 Wehler: Herausforderung S. 91.

5 ebd. S. 77.

6 L’Arc 30 (1966); S. 87-88.

7 Wehler: Herausforderung S. 91.

8 Foucault, Michel: Mikrophysik der Macht : Über Strafjustiz, Psychiartrie und Medizin; Berlin 1976; S. 53.

9 Foucault, Michel: Schriften in vier Bänden : Dits et écrits, Bd.2; Frankurt/M 2003; S. 894.

10 Wehler: Herausforderung S. 90.

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