Die Kulturelle Praxis Teil II

In Zusammenarbeit mit Odradek

Es klopft an der Tür.
Arzt: Herein.
Sprechstundenhilfe betritt das Zimmer.
Sprechstundenhilfe: Doktor Watzlawick, Soeben rief Herr Andi Essenzialismus an. Er benötigt ein neues Rezept gegen chronische Naturalisierung. Er holt es in den nächsten Tagen ab.
Arzt: Ist gut, ich stelle es aus. Er braucht gar nicht persönlich vorbeizukommen. Ich schicke es ihm per Post, das ist immernoch der beste Weg.

Kurze Zeit später betritt der Briefträger die Praxis.
Briefträger: Schönen guten, haben Sie Post für mich zum mitnehmen.
Doktor: Aber klar, wie immer reichlich. Hier bitte sehr. (Doktor überreicht einen Stapel Tagespost)
Briefträger: Vielen Dank.
Doktor: Und wie geht es Ihnen?
Briefträger: Ehrlichgesagt kann ich das nicht so genau sagen, mir sind alle großen Erzählungen gescheitert.
Doktor: Achje, was haben Sie denn?
Briefträger: Naja, in letzter Zeit fühle ich mich so beliebig.
Doktor: Also… vulgär postmodern?
Briefträger: Irgendwie schon. Dazu kommt noch beruflicher Druck: Ich soll flexibler werden, sagen die.
Doktor: Jaja, Sie fühlen sich auch neoliberal, das ist leider eine Begleiterscheinung von postmodern. Passenderweise sind Sie ja auch Dienstleister… Schonmal mit der Gewerkschaft gesprochen?
Briefträger: Ach die… die sind doch auch nicht mehr das, was Sie mal waren.
Doktor: Hmmm… Achja richtig, der Bedeutungsschwund… (überlegt kurz)…Wissen Sie was? Ihnen könnte Imagebuilding gut tun. Dazu ein bisschen Selbstmanagement und Selbstcoaching, vielleicht auch ein bisschen Joga, und schon sind Sie wieder auf’m Dampfer.
Briefträger: Wie meinen Sie das?
Doktor: Ganz einfach: Sie brauchen einen neuen Denkstil, dazu gehört auch ein passendes Äußeres…Also, Ihre Uniform ist viel zu Post*, stattdessen… (Doktor geht zum Schrank, holt einen schwarzen Mantel heraus)… verordne ich Ihnen erstmal ein wenig Neo*. Aber Vorsicht vor der heteronormativen Matrix.
Briefträger: Und Sie sind sicher das wirkt?
Doktor: Schau’n mer mal. Wenn nicht, müssen wir die Therapie durch kritisch-queere Widerständigkeit verschärfen. (nimmt eine Federboa aus dem Schrank)
Briefträger: Na gut. Vielen Dank, Frau Doktor Butler.
Doktor: Ich bitte Sie: Lassen Sie das ‚Frau‘ weg!
Briefträger: Entschuldigung.
Doktor: Nichts für ungut…

DER NÄCHSTE BITTE…

Meister Proper tritt ein.
Arzt: Hallo und herzlich willkommen in der Kulturellen Praxis, wie geht es uns heute … Moment, waren Sie nicht schonmal hier? Sie waren doch der Typ, der auf 14% Alkohol überforderte Hausfrauen Stalkte.
Meister Proper: Hey, ich bin clean!
Arzt: Nichts für ungut …
Meister Proper: Aber genau das ist jetzt mein neues Problem, alles um mich herum ist so … sauber, so perfekt. Und immer souverän-fröhlich wirken ist auf Dauer auch eine Qual.
Arzt: mmh… (nimmt die Jacke des Briefträgers aus dem Schrank) was sie ganz dringend brauchen ist ein wenig Postmoderne (holt eine Hornbrille aus der Schreibtischschublade) …wie wär es mit einer Umschulung auf Linksnietzscheaner? Die Frisur dafür haben Sie ja.
Meister Proper: Ach, wissen Sie… ich arbeite seit ’58 als Reinigungskraft, da hatte ich mehr als genug mit Philosoph*Innen zu tun.
Arzt: Gut, aber ihre Frisur hat Potential (holt eine Bomberjacke aus dem Schrank): Wie wär’s dann mit Skinhead?
Meister Proper: Ach, nee… ich bin zusehr in der Mittelschicht verwurzelt. Außerdem verbinden ohnehin schon zu viele ‚weiß‘ und ‚Reinheit‘ mit mir.
Arzt: Verstehe, ein schwieriger Fall; Punk könnte dann auch zu plebejisch … moment, das ist es! (Kramt in einer verstaubten Kiste mit der Aufschrift „80er“, Katana und monitorloses Notebook hinter sich werfend. Er gibt ihm Mirrorshades und einen weiten Ledermantel) Cyberpunk!
Meister Proper: Dystopien, wie sie immer auf solche Ideen kommen. Vielen dank und – hasta la vista, Dr.Gibson.

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One Response to Die Kulturelle Praxis Teil II

  1. […] This post was mentioned on Twitter by Jens Ohlig and Kathrin, objet a. objet a said: Höhöhö. RT @ihdl: hihi http://bit.ly/aHIszL […]

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