Achtung Kontrolle

Die Sendung „Achtung Kontrolle“ auf Kabel 1 erfreut sich den Quoten nach großer Beliebtheit. Teilweise verfolgen bis zu 1,09 Millionen1 Zuschauer, wenn Ordnungsamt und Polizei medienwirksam und massenkonform dafür sorgen, dass es in unserem schönen Land ruhig, gesittet und sauber zugeht. Da machen beflissene Außendienstmitarbeiter Jagt auf dreiste „Kippenwegschmeißer“, trinkfreudige Volksfestbesucher und gefährliche Dackel-nicht-an-der-Leine-Führer.

Erfreut sich das US-Publikum an nervenaufreibenden Autoverfolgungsjagden, die Live über den Bildschirm flimmern, scheint „das hiesige Fernsehpubikum “ sich obsessiv an der Bestrafung von mehr oder weniger harmlosen Ordnungsverstößen zu ergötzen. Ist das lediglich die Fortsetzung des Reality-TV/Castingshow Voyeurismus? Die heimliche, projektive Freude, Stunden vorher selbst ungestraft das SUV verkehrswidrig geparkt zu haben? Oder ist sie einfach nicht totzukriegen, die deutschtümelnde Ordnungsverliebtheit mit Faible für die Büttel, Denunzianten und Aufpasser?

Bei einer kurzen Recherche in den Weiten des Internets fanden sich verschiedene Kommentare zu Sinn oder Sinnlosigkeit dieses Kabel 1 Vorabendformats. Ein User schreibt: „Es ist eine tolle sendung ,weil man ordnungshütern beim job zugucken [kann]“ [Sic], dagegen stellt ein anderer Kommentar den voyeuristischen Charakter der Sendung heraus. „Wer Spaß daran hat, anderen in die Wohnung zu schauen oder zu sehen, wie ein Verkehrssünder Geld bezahlen muss, der wird mit dieser Sendung gut bedient. Für Menschen mit einem eigenen Leben, die keinen Spaß daran finden können, anderen beim „Kontrolliert werden“ zuzusehen, rate ich von dieser Sendung ab!“2

Bei den Stimmen zur Sendung scheinen sich demnach voyeuristisch bedingtes Interesse am Anderen und die Kritik an einer von Amüsement getragenen Do it to Julia-Haltung regelmäßig abzuwechseln. Auf den ersten Blick unterscheidet sich dieses Format somit in der Tat nicht von dem, was uns die deutsche Fernsehlandschaft ansonsten zu bieten hat. Warum neben Promidinner, Topmodel- und Aussteigerdrama nicht auch Ordnungsamtsthriller?

Wo ist schon der Unterschied zwischen der quotenwirksamen Erniedrigung eines potentiellen Supersternchens durch Herrn Bohlen und der Maßregelung renitenter Bürger_Innen vor laufenden Kameras? Also nichts Neues kein Grund mehr zur Aufregung?

Wohl doch, „Achtung Kontrolle“ unterscheidet sich von den gängigen ‚Unterhaltungsformaten‘ erheblich. Diesesmal geht es nicht mehr nur darum, dass Menschen sich in der Hoffnung auf Geld oder Erfolg vorführen lassen, sondern die Sendung trägt, wie auch ein User richtig feststellt dazu bei: „dem Bürger beim Nachvollziehen von Entscheidungen [zu] helfen und die Staatsdiener menschlicher [zu] machen.“3 Doch genau das ist abzulehnen. Nicht weil hier einer dumpfen der „böse Staat und seine Büttel Haltung“ das Wort geredet soll. Es sei Polizist_Innen ebenso gewünscht wie allen anderen, dass ihnen das Leben nicht unnötig schwer gemacht wird. Dennoch, Gesetze und Verordnungen sind nicht Gott-gegeben, sie sind von Menschen gemacht und damit fehlbar, veränderbar und manches Mal sinnlos. Ein Verständnis für Ordnungskräfte wie es in der Sendung erzeugt wird, als unangreifbare wie unfehlbare Hüter_Innen einer nicht infragezustellenden Ordnung kann nur abgelehnt werden, dahinter steckt ein verkürztes Gesellschafts- und rudimentäres Demokratieverständnis.

Wir wissen um die vielen Widersprüche und Klagen gegen Aktionen von Ordnungskräften. Denn im Gegensatz zur (gezielt?) gezeigten Scheinwelt von beflissenen, ausschließlich vom Allgemeinwohl beseelten Ordnungswächter_Innen und egoistischen, renitenten oder schlicht engstirnigen Bürger_Innen sind solche Verhältnisse wohl doch etwas komplizierter.

Das Grundgesetz billigt allen Bürger_Innen das Recht zu, einen Eingriff in seine_ihre persönlichen Rechte und Freiheiten auf dem Rechtsweg überprüfen zu lassen (Art 19 IV GG). Das bedeutet, ein Staat im Sinne des Grundgesetzes geht von der Fehlbarkeit seines eigenen Handelns aus. Nicht jede Entscheidung, die „Totto und Harry“ treffen ist rechtmäßig und schon gar nicht unanfechtbar. Dies ist eine systematische Leerstelle, ebenso wie die Realisierung der legalen Abwehrrechte gegenüber dem – nach Maßstab eigener Regelungen – überambitionierten Staat.

Wieso gibt sich diese Sendung derartig obrigkeitsstaatlich? Regrediert sie lediglich aus Bildungsmangel der Produzierenden in das Staatsverständnis des 18 und 19. Jahrhunderts?

Die für die Produktion der Sendung verantwortliche Janus TV GmbH ein Unternehmen der Janus Gruppe, scheint mit der Sendung neben einen unterhaltenden auch einen erzieherischen Aspekt zu verfolgen. So heißt es im Sendekonzept: „Die Geschichten, die wir erzählen, bringen dem Zuschauer die tägliche Arbeit der Ordnungshüter näher und machen ihm begreiflich, wie wichtig die Ausübung ihres Jobs ist. Somit bekommt der Zuschauer einen Mehrwert geliefert.“4 Die Zuschauer_Innen sollen, so hat es den Anschein, entmachtet werden. Von den legalen, allen Bürger_Innen zustehenden Abwehrrechten gegen den Eingriffsstaat ist in Konzept und Sendung keine Rede. Damit nicht genug wird diese Erziehung zur Passivität auch noch als „Mehrwert“ für „den Bürger“ verstanden.5 Mehrwert in den Augen der Macher ist somit ein möglichst passiver, amtstreuer Bürger. Was in der Tat auf ein Staatsverständnis des 19. Jahrhunderts schließen lässt.

Es scheint jdeoch auch ein Markt für eine derartig mediale Erziehung zu existieren so dass es mittlerweile schon einige Spinoffs oder Nachahmer der Sendung gibt.6 Es lässt sich jedoch kaum übersehen, dass sich viele Fälle, die in „Achtung Kontrolle“ und ähnlichen Sendungen ausgeschlachtet werden – selbst wenn juristisch legitim – moralisch in fragwürdigen Grauzonen bewegen; wie die Observation von notorisch krankfeiernden Arbeitnehmern durch private Detekteien oder das ungefragt Eindringen von sogenannten Sozialhilfedetektiven in die Privatsphäre von Bedürftigen. Hier werden Menschen in prekären Lebensverhältnissen kriminalisiert. Es hat den Anschein, als ob die Hilfsbedürftigkeit dieser Menschen jedes noch so perfide Drangsal zu rechtfertigen scheint. Eine derartig rücksichtslos vorgehende TV-Taskforce der Steuerfahndung7 suchen wir indes vergebens; zumindest in dieser Hinsicht können Achtung Kontrolle und ähnliche Sendungen als sehr realistisch betrachtet werden.


1 http://www.quotenmeter.de/cms/?p1=n&p2=40940&p3Dabei konnte die Sendung vom 23 März 2010 im Segment der jungen Zuschauer einen Marktanteil von 8, 2 Prozent erreichen.

2 Die Kommentierungen stammen von: http://www.texxas.de/tv/Achtung+Kontrolle!+Einsatz+f%C3%BCr+die+Ordnungsh%C3%BCter.html.

3 Ebenda.

4 http://www.janusfilm.de/janustv_d/produktionen/infotainment/achtungkontrolle.php

5 Ob der Begriff „Mehrwert“ hier korrekt verwendet ist sei dahingestellt

6 Als Vorreiter dieses Formats kann die Spiegel TV Reihe „Die Sozialhilfedetektive“ gelten. Spinoffs findet man in „Mein Revier“ oder Ärger im Revier (RTL 2)

6 Fleißige Steuerfahnder_Innen bekommen dagegen nicht ihr eigenes TV Format, sondern die Kündigung oder schlimmer sie werden amtlich für Verrückt erklärt. Vgl.: http://www.fr-online.de/steuerfahnder/, vgl. auch: http://www.stern.de/politik/deutschland/3-steuerfahndung-frankfurt-eiskalt-abserviert-649420.html.

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