Postprivacy

An diesem Tag sind wir dankbar für alle Schweigeminuten, denn nur in diesen wird nichts Dummes gesagt. Und so muß sich auch Eu*r* ergebene* Autor* (sollten die anderen Droogs nicht noch eine bessere Idee haben) etwas Zynisches einfallen lassen.

Wie wäre es mit statistik („weil ein einzelner immer der Tod ist — und zwei Millionen immer nur eine Statistik.“ –Der Schwarze Obelisk; und „On a large enough time line, the survival rate for everyone will drop to zero“ –Fightclub)? Betrauern wir heute doch mal die jahrlichen ca. 5.000 Verkehrstoten und die 10.000 Selbstmörder*Innen!1 Gut, Gurtpflicht soll jetzt nicht wirklich mit (Anti?)“Terror“gesetzen verglichen werden.

Ein mögliches Thema wäre „Terrorismus“, hier könnte in einem ausführlichen Essay erläutert werden, warum dieser Begriff in Gänsefüßchen gehört – sehr frei nach Foucault: Der Attentäter war ein Gestrauchelter, der Terrorist ist eine Spezies. Aber dieses Thema wäre heute doch zu zeitgeistig.

Nicht auf der „Freiheit Statt Angst“ Demo sein könnend, hier vielleicht einfach ein paar Zeilen zum Thema Privatsphähre, denn „Social Media ist… wenn alle glauben, sie hätten schon etwas getan, wenn sie nur drüber geschrieben haben“2.

Das „nicht aufzuhalten“ Argument des Privatsphärenverfalls wirkt strukturgleich mit einem der filesharingdebatte. Ein anderer stabiler Zustand ist denkbar; auch, daß viele darin kein Problem sehen. Die Verlierer*Innen könnten, wie so häufig, ignoriert werden (bei der s.g. „Contentmafia“ vielleicht sogar: Schwer, aber wünschenswert) oder ihnen die Schuld zugeschoben werden. Kontingenz sollten wir in diesen Debatten keinesfalls übersehen. Gehen wir davon aus, daß nicht alles Mögliche wünschenswert ist, sollte politisch gefragt werden was wir wollen, statt sich hinter diesem furchtbaren Scheinargument „Sachzwang“ zu verschanzen. „Both chimpanzees and artefacts have politics, so why shouldn’t we“3

Das Problem reicht weit, Ersatzhandlungobjekt Streetview4 führte einigen vor Augen, daß sie kaum noch nichtkommunizieren können, wir hinterlassen Datenspuren und deren Verschleierung wird allzuleicht eine weitere. Wer seine*ihre Bilder nicht im Internet finden will, kann kaum noch auf Partys gehen. Das Internet ist nicht mehr freiwillig5 und das auf vielen Ebenen. Das bedeutet letztlich die Aussicht, sich irgendwann um das digitale Auftreten wie um das physische Äußere kümmern zu müssen; mit allen nicht zu über-, aber auch nicht zu unterschätzenden Folgen.

Gerade scheinen Rechte massiv verloren zu gehen. Sei von staatlicher Seite durch Gesetze,6 sei es durch wirtschaftliche Seite, dessen Vorgehen vielfältiger ist vom Nutzen vorhandener Möglichkeiten, über AGB, bis zu aktivem Datamining reichen. Dies hängt teils mit technischen Möglichkeiten zusammen – Häuserfassaden zu photographieren und veröffentlichen ist länger möglich. Zyniker*Innen könnten anmerken, daß, wenn es eine Blödzeitung bei Haftentlassenen macht, sich die Politik mit elektronischen Fußfesseln für letztere, nicht erstere beschäftigt. Bedenkenswert bleibt dennoch, daß elektronisch erfaßte und verknüpfbare Daten Möglichkeiten zur Auswertung bieten, die analog einen erheblichen Aufwand bedeutet hätten. Wir halten also den CCC-Sermon fest: Verknüpfung von Daten bedeutet mehr als ihr bloßes Vorhandensein.

Doch wäre es falsch, zu zeitnahe Ursprünge anzusetzen, als handele es sich um eine akute Modeströmung. Die Anfänge wären recht weit zurückzuverlegen. Die Zunahme des bargeldlosen Zahlungsverkehrs – ohne Bankkonto zu leben dürfte mittlerweile nahezu unmöglich sein – beklagen beispielsweise die wenigsten derzeitigen Mode-„Datenschützer“*Innen. (Mehr Beispiele gerne in den Kommentaren!) Ohnehin war komplette Privatheit, auch als diese Idee höhere Konjunktur hatte, nie „materiell“ vollständig realisierbar; wer zieht schon am hellen Tage die Vorhänge zu? D.h., die Idee der Privatheit erfordert stets auch ein „Mentalitäts“-Element. Sei es alleine, geschlechtliche Merkmale des jeweils begehrten Geschlechts nicht zu auffällig anzustarren7, sei es eine Hemmung, herumliegende Briefe zu lesen, sei es Klopfen vor dem Eintreten.

Selbst wenn bei der Datenschutzbewegung einige Verfallserscheinungen schnell vorhersehbar werden, bislang war noch kein guter Gedanke unpervertierbar und gab es keine Bewegung ohne Dumpfbratzen. Sicherlich zeugen viele Beiträge zur Streetview-Debatte von mangelndem Verständnis des Problems; aber Optimist*Innen (also nicht d* Autor*) können noch hoffen.

Es wäre fatal, die Tragweite des Problems zu unterschätzen, das Problem ist nicht durch kleine Korrekturen – wie Opt-Out bei einem Googledienst – zu lösen. Wenn aber eine „Mentalität“ des Datenschutzes – „materiellen“ Folgen vorangehend – zu (re?)etablieren das Ziel sein soll, wäre die Idee von „Postprivacy“, d.h. die Hoffnung, sich irgendwie mit dieser Tendenz arrangieren zu können/müssen, als weitaus fataler abzulehnen.


1Aus Faulheit sind die Zahlen auf dieses Land beschränkt und ohne Quellenangabe versehen – STFW! (Und traut keiner Statistik die Ihr nicht selbst gefälscht habt …)

2 derBulo.

3 Cyborg Manifesto S. 153. 5er in die Personenkultkasse.

4 Vgl. das Editorial der c’t 19/2010.

5 Die Zeit – Das Ende des freiwilligen Internets.

6 An dieser Stelle sei unverifiziert das Gerücht weiterverbreitet, daß das Internet nach heutiger Rechtslage nicht (wie seinerzeit) hätte entstehen können.

7 Gleichwohl dies zum Teil einer Hausordnung zu erklären vielleicht doch Stilblütencharakter aufweisen könnte …

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2 Responses to Postprivacy

  1. […] Nachtrag … … zu „Postprivacy“ […]

  2. […] Häufig taucht die Erwartung auf, „sich zu verorten“ auf. Es ist im Zeitalter von PostPrivacy einfach unzeitgemäß spießig zu glauben, Sexualleben wie Rootpasswort (bin mal gespannt, welche […]

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