Heilungsgedöns

ihdl fürchtet eine Homöopathiedebatte angesichts Chiropraktik. Verlegen wir sie einfach mal hierhin.

Zunächst einmal ergab sich, wie schwierig in manchen Wikipediaartikeln
die gesuchten Fakten (Wirkungsforschung) zu finden sind; gut, der Neutralitätsbaustein ist gesetzt. Die englische Wikipedia hat genau dazu einen Abschnitt, der ergibt, daß die Wirkung innerwissenschaftlich umstritten ist. Also anders als Homöopathie1-Placebos2.

Interessant daran ist das impliziteWissenschaftsverständnis: Da Chiropraktik auf mystischen Kozepten basiere und einige Annahmen nach jetztigem Forschungsstand nicht haltbar sind, sei das nach der deutschen Wikipedia Quatsch. Damit hätten wir zunächst einmal bewiesen, daß große Teile der Hamburger Studienfächer nicht wissenschaftlich sind. Denn Theoretiker*Innen, denen solides Handwerk nicht ausreicht und die nach Grundlagen fragen, sind in jedem Fach selten und es gibt wenig Schlimmeres, als Experimentator*Innen, die die Modelle die sie von den Theoretiker*Innen zur Überprüfung bekommen glauben.

Aber ist „Wissenschaftlichkeit“ an bestimmten „Fakten“ festzumachen? Sich mit neuen Erkenntnissen nicht auseinanderzusetzen und lieber „alten [d.h. i.d.R. um die Jahrhundertwende zum 20. „wiedererfunden“] Weisheitslehren“ zu folgen kann als Wissenschaftlichkeitsdefizit – auch gerade in universitären Strukturen – gesehen werden. Sogesehen könnte dies als Minilanze für den – äußerst problematischen – Fortschrittsmythos als regulierende Vorstellung gesehen werden: Bloß nicht stagnieren. Doch Effekte zu ignorieren weil sie nicht in Erklärungsmuster passen ist etwas, das die Wissenschaft – nach Galilei’schem Gründungsmythos – von Religion unterscheidet. Also betrachten wir nur den Effekt? Dann können Grundlagenforschung und Geisteswissenschaft dem Zeitgeist geopfert werden und würden der Wissenschaft ihren grundlegenden Impuls – Neugier – nehmen.

Das verweist auf diverse komplizierte Fragen, wie – auch innerwissenschaftlich – mit inkommensurablen Wissensproduktionsregeln umgegangen werden sollte, wie die Qualität von Theorien bewertet werden kann, ob Medizin als Wissenschaft oder Handwerk zu betreiben sei. Nicht die Grundprobleme der Welt oder Wissenschaft in einem Artikel lösen könnend seien die Leser*Innen lediglich mit dem vagen Eindruck des „es ist kompliziert“ zum denken/diskutieren zurückgelassen.


1 Am Rande sei zu der Homöopathiedebatte angemerkt:
Wenn die Krankenkassen ihre Zusatzbeiträge für derartige Angebote derartig kalkulieren, daß sie unter dem Strich damit einen Gewinn
erwirtschaften, trifft es – wie bei überteuerten Deutschlandtrikots – ausnahmsweise mal die richtigen …

2 Ebenfalls am Rande sei bemerkt, daß der Placebo
Effekt seit den 80ern zugenommen hat
, möglicherweise ein Anzeichen für zunehmende Bereitschaft an soetwas zu glauben. Dies zeigt, wie wichtig es wäre, mehr Geschichtlichkeit in der Psychologie zu
berücksichtigen.

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One Response to Heilungsgedöns

  1. […] Prämissen“, während die Wirksamkeit als nicht berücksichtigenswert behandelt wird (wir berichteten). Diese Denkweise ist es übrigens auch, die Interdisziplinarität so anstrengend gestaltet, statt […]

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