Eine Lanze für … #3 eine Lanze gegen Humanismus

„Eine Lanze für … : Hantologische Streifzüge zu totgesagten Konzepten“. Teil 3: Eine Lanze gegen den Humanismus

Noch von „Humanismus“ zu reden (und meist „das Gute“ zu meinen) kommt immernoch in universitären Kontexten vor und ist mindestens aus folgenden Gründen gefährlicher Dünnsinn:

  • Verbunden mit dem speziellen Menschenbild des Humanismus ist die bürgerliche Vorstellung des autonomen Individuums; das verlegt entweder die Probleme in dieses oder führt zu entlastender Umkehr in den Determinismus
  • Es ist eine speziesistische Kategorie
  • Hütet Euch vor jenen, die der Menschheit Vorzug vor den Menschen geben
  • Sich ungebrochen auf eine historische Strömung zu beziehen ist stets problematisch, umsomehr, als daß der Humanismus nicht von seiner Verstrickung in koloniale Kontexte zu trennen ist. Beispielsweise fordert dieser trotz vorgeblichen Einschlißens aller „Menschen“, (seine Vorstellung von) „Mensch-sein“ durch Selbsttechniken wie „Bildung“ zu entwickeln. Bessere – „menschlichere“ – Menschen wären demnach also Subjektivierungsprpodukte europäischen Bildungsbürgertums. Das ist sogar falsifizierbar
  • Sprachphislosophisch ergibt solch ein Begriff ohnehin nur Sinn, wenn dieser eine Differenz zu anderen bildet. Illustrativ dabei ist schlechte Science-Fiction, in der regelmäßig Außerirdische über das „Wesen der Menschen“ philosophieren. In dieser Verwendung von „Menschlichkeit“ steckt eine implizite Normativität: Obwohl behauptet wird, nur das Wesen des Menschen zu repräsentieren, muß es ein „Anderes“ geben, damit dieser Begriff Sinn ergibt. Wer also in Differenz zum „humanistischen“ Menschenbild – oder den selbsternannten „Humanisten“ (sie schreiben selten geschlechtsneutral) steht, kann als Un-Mensch oder Feind der Menschheit markiert werden
  • Nachtrag: Auch eine Annahme wie „der Mensch ist an sich gut“ hat gefährliches Potential, denn es impliziert die Frage, wieso dieser meist nicht (eigenen?) Vorstellungen von „gut“ entspricht. Dies führt leicht in Richtung verschwörungslogiken, wer/was monokausal das Böse in die Welt bringt

In manchen philosophischen Abfällen läßt sich einfach nicht containern, eingies gehört tatsächlich auf die Müllkippe.

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4 Responses to Eine Lanze für … #3 eine Lanze gegen Humanismus

  1. […] Ein nervig-inflationär gebrauchtes Wort und ein ebenso problematisches Konzept ist der „Humanismus“, wir berichteten. […]

  2. Odradek sagt:

    Anders (besser?) formuliert:

    „Menschlichkeit“ impliziert ein Menschenbild, also Aussagen der Struktur „der Mensch ist …“. Das ermöglicht überhaupt erst sein Gegenteil/Außen, also Menschen, die als weniger Menschen gelten; so u.a. geschehen in der Kolonialvergangenheit des Humanismus – immer beachten, „der Mensch“ ist ein gar nicht so altes Konzept!

    Gegen die Humanistische Psychologie kann gerne noch schärfer geschossen werden. Abgesehen vom Vorwurf der „Wohlstandtherapie“ (Rent-a-Friend), scheinen als „fully functioning person“ präsentierte ziemliche Armleuchter gewesen zu sein; die Kritische Psychologie (KriPsy) erklärt dies dadurch, daß die Humanistische Psychologie (HuPsy) die bürgerliche (und nicht zwingende, geschweige denn überzeitliche) Idee des autonomen Individuums nutzt.

    Ein Bericht aus der Praxis lautete: „Lauter weichgespülte Leute, die extrem verständnisvoll taten, allerdings allen widersprechenden vorwarfen, nicht mit sich im Reinen zu sein.“

  3. […] ausführlicherer Artikel (beachtet v.a. die Zitate am Ende), auch das Interessanz- und Satireblog Kulturellepraxis hat dazu was geschrieben. googletag.cmd.push(function() { […]

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