Aufreger beim Frühstück

Auf dem Eßtisch liegt eine Welt herum – auch solche Mitbeohner*Innen gibt es – und zwar die vom 02.07.2010. Und durch zufälliges schmökern wurde aus einem gemütlichen Morgenkaffee mit Reismilch ein derartiger Aufreger, daß es mich zur Tastatur zog.

In einem ersten Schritt google ich den vermurksten Artikel „Generation Porno“, Welt, vielleicht läßt sich ja online zitieren – und ich muß niemandem die Zeitung klauen – oder jemand hat diesen Rant bereits erledigt. Erster Treffer ein Welt-Online Artikel vom 27.04.2010 mit dem Titel: „Für Experten ist die ‚Generation Porno‘ ein Mythos“ – zielgruppensicher sind diese Welt-Angebote ja gestreut …

Auf den kultur/jugend/geschlechter-Geschichtlichen Müll in diesem Artikel hoffe ich Youstories ansetzen zu können, somit sei dieser Rant auf ein verbreitetes kognitionswissenschaftliches Fettnäpfchen beschränkt.

„Wenn man als Kind Erwachsene beobachtet, ist das wie Lernen am Modell.“ Modellernen, Bandura, als der Behaviorismus zu bröckeln begann, soweit sogut, durchaus meinbar. „Die neurobiologische Grundlage dafür sind die sogenannten Spiegelneuronen im Gehirn.“ Nun fällt es auf, daß die Sätze – wie auch unser Satzbau dem Bildungsstand der Leser angepaßt – in diesem Artikel recht knapp gehalten sind; ganz journalistisch, nie mehr als einen Gedanken in einem Satz, Journalisten sind ja schließlich keine Idealisten. Wieso dann mit diesen Redundanzen „neuro-„, „-neuronen“ und der Zusatz „im Gehirn“ den Satz verlängern? ‚Wissenschaftler haben in einer wissenschaftlichen Studie wissenschaftlich gezeigt‘, das erregt das Mißtrauen geschulter Leser*Innen. Aber weiter im Text: „Sie bewirken, dass allein das Betrachten eines Vorgangs im Gehirn des Betrachters die gleichen Neuronen aktiviert, als hätte er die Handlung selbst ausgeführt.“ Das ist bestenfalls irreführend. Zunächst einmal sind genau die Neuronen, welche sowohl beim Betrachten, wie beim Verhalten aktiviert werden genau diese Spiegelneuronen, d.h. „sie bewirken“ ist schräg formuliert. Dann wird hier „Handlung“ und „Verhalten“ einfach gleichgesetzt. Ursprünglich Experimente gingen um hochspezifische Bewegungen, welche beim Durchführen und Beobachten zu aktivierungen dieser Spiegelneuronen führen. Doch dieser „Experte“ denkt sich wie selbstverständlich die Bedeutung, d.h. Sinncodierungen, Zwecke etc., d.h. die „Handlung“ einfach dazu. Trotz Experimenten an emotional deutbaren Phänomenen und Messungen dieses Phänomens in Hirnbereichen, die nicht der Motorik zugeordnet werden, bleibt der Kategorienfehler. Ein verbreiteter Fehler, auch bei Argumenten um die „Materialität der Körper“, welche angeblich irgendein Geschlechtergedöns beweise. Hier wir ein Bezeichner als Beweis für das Bezeichnete angeführt. Die Aussage lautet damit letztlich: „Dies ist eine Pfeife„.

So wird in disem Fall aus einer sensomotorischen Rückkopplungsschleife – welche Uexküll Fans nicht überrascht – auf einmal eine „neurobiologische Grundlage“ für Modellernen. Alleine unterschiedlichste Arten des Lernen in einen Topf zu werfen fällt hinter den Forschungsstand der Allgemeinen Psychologie weit zurück.

Der Versuch, beliebte Allgemeinplätze auf eine „naturwissenschaftliche“ Basis zu stellen ist kein Neuer.1 Doch diskreditiert ein derartiges Vorgehen einen gesamten Forschungszweig, wenn es nicht gar Schaden für Selbst- und Fremdverständnis der gesamten Wissenschaft anrichtet. Von daher ist die Vorgehensweise von Kerstin Palm2, Verletzungen innerwissneschaftlicher Standards neben grundlegender Kritik einen bedeutenden Platz einzuräumen ein unterstützenswertes Unterfangen.


1Kompetent wie umfangreich untersucht in Schmersahl, Kathrin: Medizin  und  Geschlecht : zur Konstruktion der  Kategorie Geschlecht im medizinischen Diskurs des 19. Jahrhunderts; Opladen 1998.

2 Kerstin Palm: Biologie : Geschlechterforschung zwischen Reflexion und Intervention; in: Handbuch für Frauen- und Geschlechterforschung : Theorien, Methoden, Empirie; Wiesbaden 2008. Ein gutes Anwendungsbeispiel von ihr findet sich online.

Advertisements

2 Responses to Aufreger beim Frühstück

  1. […] Knoppismus, die durchs Dorf getriebene Neurosau – hier wird methodisch äußerst unsauber gearbeitet, um politisch äußerst problematische […]

  2. Odradek sagt:

    Nachtrag: Ein Argument über den Kategorienfehler hinaus, daß „den Spiegelneuronen“ mehr Bedeutung als rein motorische zukomme lautet, daß dieses Phänomen auch außerhalb des motorischen Cortex beobachtet wurde.

    Gleichwohl sicherlich ein spannendes Forschungsfeld – let us not jump to conclusions …

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s