23-Codes

DISCLAIMER: Dies ist „Work in Progress“, die Autor*Innen distanzieren sich von sich selbst. Wer das Metageschwurbel überspringen will, scrolle zur nächsten der folgenden gleichenden Linie


D* eine oder andere kennt vielleicht diese endlosen Debatten, wenn Kritik an – beispielsweise – Sexismus1 in Rechtfertigungsdruck für die Kritike* umgedreht wird; in Unmarkiertheit schwimmend steht plötzlich Abweichung, nicht Normierung unter Rechtfertigungszwang. Spätestens dann steigt das Risiko unfreiwilliger Verstrickung – zumal sich die emotiomale nicht auf Kommando abstellen läßt. Andere haben soetwas besser geschildert als hier möglich, somit sei dafür auf Tutnurso – Menscheln 2.0 und Derailing for Dummies, Wieso soll ich sexistisch sein? und v.a. das strukturähnliche Antifeminist-Bingo2 verwiesen.

Im Zuge derartiger Debatten tauchten teils Vorurteile in weitaus üblerem Ausmaß als das ursprüngliche Problem auf. Hätten die Kritisierten doch wenigstns geschwiegen! „Niemand spricht leidenschaftlicher von seinem Rechte, als Der, welcher im Grunde seiner Seele einen Zweifel an seinem Rechte hat.“ Oder aus umgekehrter Perspektive: „Whenever there is any doubt, there is no doubt.“

Intergruppale Abgrenzungen, sowie innergruppaler Zusammenhalt nehmen im Verlauf derartiger Debatten zu (damit wirkliche Kommunikation ab). Es werden „die Anderen“ in aller Homogenisierung und Clichébeladenheit. Selbst wenn dies ein symmetrisches Phänomen ist, bleibt zu bedenken, daß die ursprüngliche Kritik i.d.R. an Ausprägungen von *ismen im Unmarkierten waren. Somit wird die beklagenswerte Praxis reproduziert. Bereits „materiell“ – Gegenräume aufbauen/verteidigen – besteht Asymmetrie. Nicht zu vergessen, wieviele Debatten durch Abnutzung und Frustration entschieden werden.

Was läßt sich für wen jetzt – deutlich aus Privilegierter Position(tm) – daraus lernen? Die Notwendigkeit, stets zum Lernen bereit zu sein? Ziel kann zudem – genausowenig wie die Abwehr der Anklagenden – keine blinde Anpaßung auf eine irgendwie geartete „gerechtferigte“ Seite sein, das führt nur zu projektiver Selbstgerechtigkeit. Ein ständiger Demutsgestus aufgrund eigener Position aber wäre so … christlich (einmal ganz davon abgesehen, daß ständiges sich-in-Frage-stellen auf die Handlungsfähigkeit geht und ist somit post-Bologna nicht vorgesehen ist). Vielleicht hilft es, auch die eigenen moralischen Ansprüche tieferzuhängen, um Irrtümer zugeben zu können. Wer gleichgültige Toleranz als Beleidigung auffaßt oder gar das Sprechen über – ansprechenswürdige – Themen verunmöglicht mag sich jetzt angesprochen fühlen. Nach Gayatri Chakravorty Spivak: „Unlearning one’s privileges as one’s loss“; Unmarkiertheit ist ein Privileg: Teile es!


Hingegen für alle Nicht-Märtyrer*Innen, welche sich nicht in „Szenen“ einigeln können oder wollen, für jene, die einen produktiven Umgang dem Frust suchen, der als „abweichend“ markierten entgegenschlägt und auch noch unseren seltsamen Humor mögen haben wir nach Vorbild der US-Amerikansichen Ten Codes (numerische Sprechfunkcodes für Standardmeldungen der Polizei) die 23-Codes entwickelt,3d.h. bei der nächsten derartigen Debatte könnt Ihr einfach melden: „Wir haben einen 23-[Codenummer]“

  • 100 Argumentum ad Hominem4
    • 10 Für dumm verkaufen
      • 11 Abgelehnte Norm „erklären“
      • 12 „Du hast doch gesagt, daß [offensichtliche Fehldeutung]“
    • 20 „Unmenschlich“
    • 30 „Zu intellektuell“
    • 40 „Dogmatisch/rechthaberisch“/selbstgerecht
      • 1 Nicht Meinungsfreiheit lassen
    • 50 „Feindseligkeit“/“Not being Team Player“
    • 60 „Emotional“
    • 70 ICD/DSM5
    • 80 „Sei Du selbst“ und dies ist nicht das was Du bist
  • 200 Blaming the Victim
    • 10 Rechtfertigungsumkehr
    • 20 „Selbstverursacht“
    • 30 Othering/Projektion
  • 300 Gruppale Verallgemeinerung
      • 01 Zusätzliche sprachliche Herabsetzung
  • 10 Intersektionale Herabwertung
  • 20 „Ich kann kein X sein, ich bin ja Y“
  • 30 Argumentum ad Populum6
  • 40 „Sekte“
  • 50 Opression-Olympics7
  • 60 „Aber das Gegenteil ist noch schlimmer“
  • 70 „Mein Standpunkt ist trotz aller Einwände die beste/einzige Alternative“
  • 400 Jemand aus der marginalisierten Gruppe ist auf meiner Seite
    • 10 „Ich meine es gut“

    „Es giebt einen Übermuth der Güte, welcher sich wie Bosheit ausnimmt“ (Nietzsche) Oder: „Gut gemeint ist das Gegenteil von gut gemacht“)

    • 20 „Ich kenne“
    • 30 „Er_sie sagte“
    • 40 „Die machen das auch“
    • 50 „Es sind doch alle gemeint“
  • 500 sudo rl8
    • 10 „so sein“
    • 20 „natur“
    • 30 „t.i.n.a.“9
    • 40 Unwissenschaftlich
      • 1 Beliebig/Unsystematisch10
      • 2 „widerlegt“/veraltet
      • 3 „an sich Quatsch“
      • 4 „Eine Studie hat gezeigt“
      • 5 „Nicht konstruktiv“/“zu kritisch“
    • 50 „Normal“
    • 60 „Ich bin nur ehrlich“/“Ich sage nur wie es ist“
    • 70 „Niemand kann ernsthaft gegen [Abstraktion der vertretenden Position] sein“
    • 80 Ich wollte nicht *istisch sein, also war es das nicht
  • 600 Das war nicht ernst gemeint
    • 10 „Augenzwinkernd“
    • 20 „Nur Advocatus Diaboli gespielt“
    • 30 „Nicht wertend“

Und denkt immer daran: Entweder seid Ihr Teil des Problems oder Teil der Lösung. Wer sagt, daß jemand entweder Teil des Problems oder Teil der Lösung sei, ist Teil des Problems.


1Gilt für viele andere -ismen, von daher wird im folgenden von *ismen geschrieben, auf welche dies inwieweit übertragbar ist bleibt im folgenden offen.

2 Mit dem Stichwort „antifeminist“ sind voraussichtlich wieder viele merkwürdige Referer und beknackte Kommentierungsversuche zu erwarten.

3 Sei es, um die Schemenhaftigkeit und Häufigkeit solcher Debatten, vielleicht auch Verschleierungsprozeße von Diskriminierungsmustern parodistisch sichtbar zu machen. (D* Autor* haßen es, Witze zu erklären!)

4 Klassischer Argumentationsfehler: Person, nicht dessen Argument angreifen.

5 Klassifikationsmanuale für psychische „Störungen“.

6 Klassischer Argumentationsfehler: Mist ist lecker, Milliarden Fliegen können nicht irren.

7 „Aber [andere Gruppe, vorzugsweise die eigene] wird doch noch viel ungerechter behandelt.“

8 Privilegierter Zugang zur Realität, ausgedrückt in Unix-Syntax.

9 Nach Bour-Dieu Margaret Hilda Thatchers Lieblings’argument‘: „There Is No Alternative“.

10 Vgl. drkultur – postmoderne Beliebigkeit.

Advertisements

10 Responses to 23-Codes

  1. ihdl sagt:

    mein argument gegen diese liste wäre eine 23-130

  2. […] 23-Codes « Die kulturelle Praxis "… für jene, die einen produktiven Umgang dem Frust suchen, der als „abweichend“ markierten entgegenschlägt und auch noch unseren seltsamen Humor mögen haben wir nach Vorbild der US-Amerikansichen Ten Codes (numerische Sprechfunkcodes für Standardmeldungen der Polizei) die 23-Codes entwickelt,3 d.h. bei der nächsten derartigen Debatte könnt Ihr einfach melden: 'Wir haben einen 23-[Codenummer]'" var flattr_wp_ver = '0.9.9'; var flattr_uid = '8066'; var flattr_url = 'http://www.iheartdigitallife.de/links-for-2010-06-10/'; var flattr_btn = 'compact'; var flattr_hide = 0; var flattr_lng = 'de_DE'; var flattr_cat = 'text'; var flattr_tle = 'links for 2010-06-10'; var flattr_dsc = '23-Codes « Die kulturelle Praxis "… für jene, die einen produktiven Umgang dem Frust suchen, der als „abweichend“ markierten entgegenschlägt und auch noch unseren seltsamen Humor mögen haben wir nach Vorbild der US-Amerikansichen Ten Codes (numerische Sprechfunkcodes für Standardmeldungen der Polizei) die 23-Codes entwickelt,3 d.h. bei der nächsten derartigen Debatte könnt Ihr einfach melden: 'Wir haben einen 23-[Codenummer]'"'; var a2a_config = a2a_config || {}; a2a_config.linkname="links for 2010-06-10"; a2a_config.linkurl="http://www.iheartdigitallife.de/links-for-2010-06-10/"; […]

  3. […] 23-Codes « Die kulturelle Praxis "… für jene, die einen produktiven Umgang dem Frust suchen, der als „abweichend“ markierten entgegenschlägt und auch noch unseren seltsamen Humor mögen haben wir nach Vorbild der US-Amerikansichen Ten Codes (numerische Sprechfunkcodes für Standardmeldungen der Polizei) die 23-Codes entwickelt,3 d.h. bei der nächsten derartigen Debatte könnt Ihr einfach melden: 'Wir haben einen 23-[Codenummer]'" track back for rich media version by referent tags: culturacism, d/r/e/constructions, intersections, pops, toys labels: all, comics, papier, simulacra print […]

  4. […] 23-Codes « Die kulturelle Praxis "… für jene, die einen produktiven Umgang dem Frust suchen, der als „abweichend“ markierten entgegenschlägt und auch noch unseren seltsamen Humor mögen haben wir nach Vorbild der US-Amerikansichen Ten Codes (numerische Sprechfunkcodes für Standardmeldungen der Polizei) die 23-Codes entwickelt,3 d.h. bei der nächsten derartigen Debatte könnt Ihr einfach melden: 'Wir haben einen 23-[Codenummer]'" […]

  5. […] Personenkult #1 Lang lebe der Poststrukturalismus und Nietzsches Denken (23-610!) […]

  6. […] ist zuguterletzt das Nachschlagargument, es sei aber eine Frau damit bezeichnet worden – 23-400 (wir definieren 23-450 := „Aber die waren ja […]

  7. Odradek sagt:

    Nachtrag aus der Kategorie „wie konnte ich das übersehen“: 23-580 „ich wollte nicht *istisch sein, also war es das nicht“; thx an Yetzt

    Sicherlich mag es einen moralischen Unterschied geben; das macht das mir in letzter Zeit häufiger untergekommende „gutewille“(tm) ‚Argument‘ auch nicht besser.

  8. […] “ich meine ja nur” und “die uns doch auch” artige Argumentationsfehler zu derailen trugen massiv zur Verbreitung des Privilegienbegriffs als Gegenstrategie […]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s