Ein Lanze für … #2 eine Lanze gegen das „Ich“

„Eine Lanze für … : Hantologische Streifzüge zu totgesagten Konzepten“. Teil 2: Eine Lanze gegen das „Ich“; zerlegen wir das Inidviduum; mal wieder, es ist ohnehin eine grupe Verallgemeinerung.

In letzter Zeit scheint „Ich“ auch im akademischen Kontext immer häufiger aufzutauchen. Möglicherweise ein Zeichen dafür, daß sich der Habitus sperriger deutscher Wissenschaftssprache ändert – Cyborgs don’t stand still -, wahrscheinlich aber handelt es sich aber eher um einen Bedeutungsverlust des Identitätsangebots „Wissenschaftler*In“ unter Studierenden, speziell praktisch qualifizierend ausgerichteter Richtung.

Nun ließe sich das begrüßen, selbst unter Wesen, welche „Humanismus“ mit „Kolonialismus“ übersetzen, in schick-konstruktivistischem Gewand – Entdecker der Welt werden zu ihren Schöpfern – scheint dieses „Ich“ in seinen_ihren Behauptungen auf Allgemeinheitsansprüch zu verzichten und sich auf persönliche Erfahrung des idealistischen1 Beobachters zu beschränken.

Was jedoch diese Aussagen letztlich immunisiert, zumal immer ein Rückzug von impliziten Verallgemeinerungen oder Normativitäten offen steht. Wissenschaftstheorie für Erstsemester vorraussetzend halten wir an dieser Stelle nochmal fest: Wissenschaftliche Veranstaltungen sind keine Selbsterfahrungsgruppen2; für wissenschaftliche Erkenntnis sollten vielleicht keine nichtmenschlichen oder (gar?) menschlichen Tiere Sterben, Theorien schon.

Durch dieses Prä-Post* Konzept eines Individuellen „Ich“s aus bürgerlicher Vorzeit3 drängen sich Beobachter*Innen also pubertierend4 aufdringlich5 in das Geschehen und geschehen ist es um die Modesty des Witness6 herkömmlicher Wissenschaft. Dies mag zunächst vielversprechend erscheinen, da diese Beobachter[sic]figur Ausschlüsse produziert(e).7 Doch bleibt das „Ich“ von marginalised people(r) ein Hinweis auf die Partikularität ihres Standpunktes, während das „Ich“ der privileged people(tm) sich lediglich von den Legitimationsstrategien ihrer Position – d.h. wissenschaftlicher „Noblesse Oblige“, inkl. aller Einschreibungsmöglichkeiten – befreit: Privileg ohne Reue, durch diesen Klassenkampf von oben wird das Leben in Pöseldorf einfacher.


1Vgl. „Idealismus, Deutscher“, „Idealismus, Objektiver“, „Idealismus, Subjektiver“ – Lexikon ftw!

2 Aus poststrukturalistischer Sicht kann das zu erfahrene Selbst als Ergebnis der Techniken von dessen Hervorbringung betrachtet werden. Damit ist die Frage was in „Selbsterfahrungsrunden“ preisgegeben wird nichttrivial, das jeweils zugrundeliegende Menschenbild konstituiert Subjekte. „Autentizität“ kann darüberhinaus als komplexe Hervorbringung aus Selbst- und Wissensproduktionstechniken betrachtet werden, enthält also durchaus eine stark normative Komponente. Gewordenheit weicht einem „Ich“-Essenzialismus eigenen Emplotments von Wohlfühlautentizität.

3 Um nicht auf eigene Texte verweisen zu müssen, machen wir darauf aufmerksam, daß der Kritische Psychologe Christian Schultz in die Dekonstruktion des bürgerlichen Individuums kompetent zusammengefaßt hat.

4 Vgl. auch Pöseldorfer Kindergärten.

5 Von daher werden die Bedeutungsmarker (eine sexistische Metapher des Körperteilvergleichs wurde an dieser Stelle erwogen) wissenschaftlicher Texte auch in den Fußnoten zusammengetragen.

6 Haraway, Modest_Witness@Second_Millenium; in: dies.: The Haraway Reader; New York (u.a.) 2004; S. 223-250.

7 Ebenda.

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3 Responses to Ein Lanze für … #2 eine Lanze gegen das „Ich“

  1. […] zu sein. Und ich<sup>1</sup> hasse es noch mehr, wenn das auch noch zutrifft. 1 Und „ich“ in Texten hasse „ich“ […]

  2. […] hierarchischen Systems aufzugeben Gefahren birgt, es muß nicht immer das System aufheben – manchmal nur dessen Niveau (das läßt sich übrigens auch als Seitenhieb auf einige Konstruktivismuszweige […]

  3. […] nur am Rande erwähnt sei bereits geschilderte Beobachtung: Durch die (pseudo-?)Gedichtform und durch die bewußt subjektiven Formulierungen (“Warum […]

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