Meisterwerk

In Zusammenarbeit mit Dr.Kultur

Fast scheint es, lade uns der Künstler zu einer „Archäologie des Wissens“ ein, schauen wir uns seine „Ordnung der Dinge“ an. Kaum etwas symbolisiert so treffend die Materialisierung von Diskursen wie Bücher und so hat diese Installation mit dem Titel „Studierendenbude“ ein Bücherregal als zentrales Exponat. Um den künstlerischen Anspruch zu unterstreichen liegt im Vordergrund wie zufällig drapiert ein Bahnticket nach Kassel (allerdings 2. Klasse).

Das Regal ist dreigeteilt, unten stehen Sachbücher, in der Mitte Romane, ganz oben ein angesehenes Lateinwörterbuch, dazu zwei Wälzer „Deutsche Götter- und Heldensagen“ und „Sagen des klassischen Altertums“, seltsamerweise Lehrbücher „Biopsychologie“ und „Statistik“. Eine eindeutige Anspielung an die Psychoanalyse, zwischen dem „Über-Ich“ (Religion und Naturwissenschaft) und dem „Es“ (Geistes- und Kulturwissenschaft) versucht das „Ich“ zu vermitteln und produziert unweigerlich Klassiker der Weltliteratur. Doch soetwas wäre dem Künstler zu offensichtlich, sogleich wird dies durch ein Weindepot im oberen Fach gebrochen.

Einen Hinweis bietet dabei die Anordnung eines verstaubten Teils, seien es Sedimentierungen vergangener Reflexionsprozesse, seien es ungewollt an den Künstler herangetragene Geschenke. Hier steht Esoterik („das Gummibärchenorakel“ und eine Einführung in die Zen-Meditation mit persönlicher Widmung in feminin anmutender Schrift) neben Psychoanalyse und mittendrin eine Einführung in den Konstruktivismus neben der Lutherbibel.

Die (materialisierten) Diskurse sind auch hier nicht herrschaftsfrei, „Das Kapital“ steht in zweiter Reihe – in überdeutlicher Distanz zur Bibel – halb verdeckt durch „Sexualität und Wahrheit“, ohne Frage zunächst ein überwältigendes Symbol für unfreiwillige Intertextualitäten, gleichzeitig verdeutlicht uns dieses räumliche Arrangement in beklemmender Weise den Mangel an zeitlichen Ressourcen des heutigen Bildungssystems, diese Werke alle angemessen zur Kenntnis zu nehmen.

Es bleibt ein ironisches Spiel mit den Perspektiven, verdeckt hier der Poststrukturalismus den klassischen Marxismus? Oder tritt er vielmehr als vermittelnde Ebene zwischen d* Betrachte* und die Theorien des 19. Jahrhunderts? Selbst in diesem Fall ein deutliches Zeichen, daß dirketer Zugriff auf die materialistische Ebene von der Diskursivität der Erkenntnis verstellt ist.

Geschickt wurde das Licht in diffuser Weise – sollte dies gar ein „postmodernes“ Framing sein? – gesetzt, um den Gedanken an Eindeutigkeiten oder gar religiöse Erlösungsphantasien konsequent auszuschließen. Denn in einem solchen Lichtstrahl würden die Worte der Autoren verblassen.

Die Ebenen verwischen, worüber will ich mich hier eigentlich lustig machen, über an den Haaren herbeigezogene Deutungen („Datenbelletristik“) oder das Unverständis solcher (Commonsensediktatur)? Und wieso verwende ich wieder dieses vermaledeite „Ich“?

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2 Responses to Meisterwerk

  1. […] Bücherregal fällt mein Blick überraschenderweise auf ein Buch (der Trend geht ja zum Zweitbuch). Und ich […]

  2. […] Fortsetzung zu Schunddruck und Meisterwerk […]

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