Verant-was? Ökologiebewegung und die Abwesenheit des revolutionären Subjekts

15. Februar 2019

Hachja, die Twitterlinke wieder. Schaut man sich die Positionen hinsichtlich der Theorie an, nach der wir diesen Planeten davor retten sollen, zur finnischen Sauna (ohne all die netten Sachen an einer finnischen Sauna, wie zum Beispiel nackte Finnen) zu werden, stoßen wir meistens auf zwei verschiedene Grundpositionen: die Produktionsweise muss sich ändern, oder die Konsumweise muss sich ändern. Dass diese Dychotomie vollkommen den entscheidenden Punkt verfehlt, können wir getrost außer Acht lassen, denn es geht ja nicht wirklich darum, etwas zu verändern, sondern um Polemik, und wie steht es schon um meine Verantwortung als Produzent – von Texten? Ich werde einfach das gleiche tun wie alle anderen und verkünden, dass andere hinter mir aufräumen sollen.

Die Fraktion derer, die daherkommen und meinen, man müsse bei der Produktion anfangen, weil ja ein Großteil der Emissionen und so weiter, gliedern sich ihrerseits in verschiedene Gruppen, denn was wäre eine Twitterlinke ohne Spaltung? Offline.

Die einen sind frustriert, dass sie nun, nachdem doch andere ihren Planeten zugrunde gerichtet haben, diejenigen sein sollen, die ihn versuchen in Ordnung zu bringen. Adorno beschrieb in seinen Studien zum autoritären Charakter sehr anschaulich, dass das Gefühl, Geheimwissen zu besitzen, wie die simple Formel „Produktions- statt Konsumwandel“, ein Gefühl von Macht verleihen, ja, in einen Rausch übergehen kann. Man darf nun alles kritisieren, was die anderen machen, und muss sich selbst nicht rühren; man kann den anderen diese Formel zuflüstern, weise und besonders fühlen und sich beklatschen lassen. Woher der Produktionswandel kommen soll… das braucht man sich so wenig fragen, wie sich der Antisemit, den Adorno dabei im Sinn hatte, sich fragt, woher die Juden denn all diese Macht nehmen.

Für die anderen liegt der Schlüssel zum Produktionswandel, zur großen Revolution darin, zu warten, dass die Regierung die Sache schon regelt. (An dieser Stelle bitte eine kurze Kunstpause einlegen und eine Lachspur aus einem alten Film einspielen.) Die Regierung, oder NGOs, oder die Vereinten Nationen, das Weltwirtschaftsforum, irgendwer wird doch schon eine gute Idee haben, verdammt! Und dann kriegen wir den Ökosozialismus verordnet, und die Kapitalisten werden sich noch umsehen! Jawoll! Aber eigentlich hofft man, dass die selber drauf kommen. Das wird schon. Irgendwie. Schließlich haben die Kapitalisten das Unheil angerichtet, jetzt werden sie es auch in Ordnung bringen, das ist immerhin nur fair, und wenn sie es nicht von alleine tun, wird die Regierung sie dazu zwingen, darauf vertrauen wir, weil es die letzten Jahrzehnte auch so gut geklappt hat.

Die übrigen sehen sich als linke Revolutionspropheten und meinen, man müsse nur auf die Revolution warten und die Frage nach den Produktionsformen habe sich erledigt – sie stehen in den Fußstapfen jener Kommunist_innen, die sich sicher darin sind, bei einem radikalen Wandel in der Gesellschaft werde die Arbeiter_innenklasse schon genau wissen, was sie tue. Seltsamerweise sucht man etwa Basisgewerkschafter_innen oder Kollektivist_innen unter ihnen vergeblich; es ist beinahe, als wollten sie mit den ganzen Details gar nichts zu tun haben und sich um Himmels willen nicht die Hände schmutzig machen, sondern nur andere belehren und ihre eingeübten Parolen wiederholen, bis… eines Tages wird es soweit sein…

Ihnen allen ist gemein, dass sie nichts damit zu tun haben wollen, dass die Welt den Bach runtergeht. Das hält sie nicht davon ab, zu glauben, ihr Konsum hätte nichts damit zu tun. Auch ihr neokoloniales Anspruchsdenken hat damit mehr als nur ein bisschen zu tun: den Arbeiter_innen in China, die ihre Waren produzieren und in ihrem Müll leben, fühlen sie sich kein Bisschen verbunden, schließlich sind sie Europäer_innen und wer sie zur Rechenschaft ziehen will, begeht Hybris!

 

Das grundlegende Problem ist an jeder Stelle das gleiche: die linke Ökologiebewegung, oder die ökologische Linke, ist subjektlos.

 

Verantwortung ist wichtig, ohne Frage, aber irgendwer anders soll sie übernehmen, nach mir die buchstäbliche Sintflut, wenn die Polkappen erst einmal ab sind und unsere Waren ungehindert durch die Arktis verschifft werden können. Die Regierung soll es regeln, die Unternehmen sollen sich irgendwie besinnen – meine Güte, die Bewegungslinke soll es irgendwie in Ordnung bringen, oder von mir aus die Dialektik, man hat sich ja daran gewöhnt. In jedem Fall bleibt eines gleich: von dem der Wandel ausgehen soll, bleibt offen, es gibt kein Subjekt, dass diesen Einfluss nehmen soll, man hofft in religiöser Staatstreue, die da oben werden es schon richten. Und nimmt damit dem Planeten täglich etwas mehr Zeit, während man aus Stolz Auto fährt, vermeidbaren Plastikmüll produziert (im Zweifel soll Dänemark sich halt drum kümmern, die importieren doch mittlerweile Müll) und dabei tranceartig wiederholt, es gebe keinen ethischen Konsum im Kapitalismus, damit man um Himmels Willen nicht das Gefühl haben muss, einen Anteil an der ganzen Sache zu haben. Die anderen werden das schon richten. Diejenigen, die die Produktionsmittel besitzen, werden sich schon irgendwie besinnen.

Also wie Einfluss nehmen? Georg Lukács unterschied in seinem Werk die immanenten und transzendenten Mittel einer gesellschaftlichen Umwälzung, bedienen wir uns der Einfachheit halber dieser Unterscheidung als Gliederung:

Der Gesellschaft immanent sind nach Lukács, einfach gesagt, all die Handlungen, die keinen Bruch mit der Gesellschafts- und Produktionsform darstellen. Die einfachste – und, da muss den Propheten des Produktionswandels recht gegeben werden – alleine nicht ausreichende Maßnahme ist, Druck über den Markt aufzubauen, da wir, wenn auch zu unser aller Leidwesen, nun einmal in einer Marktwirtschaft leben. Was man nicht loswird, lohnt sich nicht zu produzieren, und solange der Bauer aus dem Nachbardorf seine Kartoffeln auf dem Wochenmarkt los wird, braucht er sie nicht exportieren. Konsumismus wird nicht der Weg sein, die Welt in Ordnung zu bringen, aber es ist ein notwendiger Weg zur globalen Schadensbegrenzung.

Ebenfalls systemimmanent ist der Aspekt der Bildung; wenn ökologisch Bewegte es schaffen, ihren Eltern, Kindern und Freund_innen beizubringen, wie sie an dieser Schadensbegrenzung teilnehmen können, anstatt sich auf dem fatalistischen „Ist doch jetzt eh egal“ auszuruhen, ist ein wichtiger Schritt getan, und für die Prekarisierten unter uns – habe ich gerade meinen Namen gehört? – gibt es auch bisweilen Arbeitsplätze in der Umweltbildung.

Die offensichtlichste Art von Teilhabe, die die Spielregeln des Gesellschaftssystems transzendiert, ist die direkte Aktion. Von der Enteignung durch Betriebsbesetzung bis zum Riot gibt es eine Vielzahl dunkelbunter Aktionsformen, die den Produzent_innen es sich durch den Kopf gehen lassen, wie viel sie sich erlauben können. Das bedarf natürlich der gemeinsamen Organisation, und bedenkt man den Charakter des_der durchschnittlichen Twitterlinken, dürfte dies sicherlich eine nicht geringe Hürde darstellen.

Eine Mischform aus immanenten und transzendenten Widerstandformen wäre die Gründung von Produktions- und Konsumgenossenschaften, Kollektiven und Kooperativen. Während diese zwar juristisch betrachtet Unternehmen sind wie alle anderen auch, bricht die basisdemokratische und klaren Werten verpflichtete Organisationsform auf deutliche Weise mit der Marktlogik, hilft, von der entfremdeten zur sinnhaften Arbeit zu kommen, zieht die globale Kooperation dem Wettbewerb vor und bekämpft durch Liefer- und Produktionsketten abseits des ach so freien Marktes das Problem der schlechten Produktion wie auch der schlechten Konsumption genau da, wo es entsteht.

Der letzte Hebelpunkt, der hier zur Sprache kommen soll, ist eher ein indirekter; doch wegen ihrer nicht zu unterschätzenden Bedeutung für das gesamte kapitalistische System (oder, wie wir in academia sagen, die Gesamtscheiße), möchte ich ihn dennoch zu den Formen rechnen, die den Horizont des Gesellschaftlichen transzendieren: Bekämpft die Entfremdung in eurem Leben. In jedem von euch lebt ein Onlineshop, mit einem Klick alles drin. Die Marktwirtschaft, und die Marktförmigkeit der Arbeit, haben uns den Bezug zu dem genommen, was wir produzieren und konsumieren, und es ist eine enorme Befreiung, sich diese intime Beziehung wieder aufzubauen. Wenn ich sage, dass ich es mit 75€ im Monat geschafft habe, mich überdurchschnittlich nachhaltig und müllarm zu ernähren, sage ich damit nicht, dass irgendwer von 75€ im Monat leben müssen sollte, Gott bewahre; ich sage, dass diese Dinge eine Frage des Lernens ist und wir uns alle ein wenig Autonomie über diesen Teil unseres Lebens zurückholen können.

Dies mag alles wie eine klassische Kritik von Bewegungslinken an Theorielinken klingen, was daran liegen könnte, dass es tatsächlich um so etwas in der Art handelt; aber was hier unterm Strich stehen bleiben soll, ist eine Weisung, die so alt ist wie die sozialistische Bewegung selbst: Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen. Es ist unmenschlich und total daneben, von Menschen mit Behinderungen zu erwarten, auf Plastikstrohhalme zu verzichten, und dennoch ist es gut, ihren Verkauf einzuschränken und Alternativen zu fördern; es ist geistlos und bringt die Arbeiter_innenklasse gegen die Bewegung, die behauptet, sie zu vertreten, auf, von Arbeiter_innen mit Kindern zu erwarten, auf ihr Auto zu verzichten, ohne für guten öffentlichen Nahverkehr Druck zu machen. Jede nach ihren Fähigkeiten, jeder nach ihren Bedürfnissen. Egal ob Bildungsarbeit, Kommunalpolitik, Gewerkschaft – jeder Beitrag ist wichtig und gut. Die eine Sache, die wir alle tun können, ist an unserem Konsum arbeiten, auch wenn einige von uns von der Vorstellung dieser Autonomie so eingeschüchtert und so davon entfremdet sind, dass sie sie für das wahre Übel halten.

Nur Kneifen gilt nicht, und es gibt immer noch keine Orden für Schreibtischkrieger_innen. Es sei denn, die erhalten tatsächlich die Deutungshoheit. Dann gehe ich aber lieber in die Sauna.

 

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Fefe und der Standort

31. Januar 2019

Über Fefe zu lästern gibt immer gute Klicks. Im Ernst: Wenn wir ihn diskursiv repräsentativ für eine gewisse Subgruppe von Nerds sehen und wenn wir beachten daß bei seinen Gegner*innen gerne auf „Denkmethoden“ abhebt, selbst dabei aber häufig reinfällt ist es vielleicht einen Kommentar wert.

Was ist passiert? Eine Farbbeutelaktion gegen das berliner Amazon Büro; interessanter Clou: Der Werkschutz wurde mit einem Fahrradschloß eingesperrt. Fefe fragt was das für einen Nutzen haben soll und schließt die Frage an was es bringen soll falls die ganzen Tech Firmen aus Berlin verschwinden.

Was Denkmethoden angeht sei an dieser Stelle wärmstens für das „Principle of Charity“ geworben: Elliptische Argumente sollten ersteinmal in stärkstmöglicher Form ergänzt werden bevor sie kritisiert werden.
Die Kulturellepraxis weiß auch nicht was der genaue Zweck war – weist aber darauf hin daß die meisten linken Bekennerschreiben dringend professionell lektoriert werden sollten, in sofern vielleicht besser daß es hier anscheinend keines gab; das Szeneconsulting des Instituts für geisteswissenschaftliche Nutzenoptimierung wird soetwas anbieten. Doch ergänzt Fefe hier etwas das stark nach „Standort“1 Logik klingt, d.i. nationalistische oder provinzielle Denkweisen mit der Scheinrationalität von „die Wirtschaft“ Argumenten zu versöhnen.

Hypothesen gegen Alternativhypothesen zu testen gilt zwar gerade unter Naturwissenschaftsfans als Standardmethode, aber woher nehmen und nicht stehlen? Nicht nur ist „Alternativhypothese“ arbiträr – also diese Beliebigkeit die den Geisteswissenschaften gerne vorgeworfen wird -, auch stoßen wir auf eine weitere Denkfalle positivistischer Methodik, daß das Naheliegende – leicht messbare, diskursiv etablierte usw. – konkret scheint. Dennoch seien mal ein paar aus dem Hintergrundwissen gezogen.

Aus dem Komplex der leider mit dem ungenauen und wertenden Begriff „Terrorismus“ bezeichnet wird können wir einiges lernen. Zunächst einmal daß Gewalt auch „kommunikativ“ angewendet werden kann, also nicht auf die „materiellen“ Effekte ausgelegt. Ein schönes Beispiel wären die Schlandlappen zur Fußball WM, welche „wir alle sind für Schlandland“ verkünden, während diese illegal zu entfernen ein klares „Nein!“ sichtbar macht. Nur dürfte bekannt und v.a. sagbar sein wie böse Amazon ist – es sei denn diese Bedenken werden durch Standortlogik wegrationalisiert.
Hintergrund „Terroristischer“ Akte ist häufig so etwas wie Autopropaganda; d.h. daß die Motive möglicherweise psychologischer und nicht politischer Natur sind. Sei es einen klaren Gegner haben und angreifen zu wollen, sei es Frust von ausgebeuteten Angestellten oder Ex-Angestellten – Gründe Amazon ohne ein langfristiges Ziel schaden zu wollen lassen sich jedenfalls einige vorstellen. Daß anscheinend die Schwelle politische Motive zu unterstellen bei möglichen linken deutlich niedriger als bei möglichen rechten zu sein scheint nur am Rande.

Aber suchen wir lieber nach rationalen und planvollen Motiven: Wenn Betriebe die als besonders ausbeuterisch auffallen mit Angriffen rechnen müssen hat es einen Vorteil nicht zu diesen gezählt zu werden. Was möglicherweise einen Unterbietungswettbewerb im Scheiße-sein auslöst. Das ist zwar genau so spekulativ wie „aus Berlin vertreiben“, stellt aber die Täter*innen in einem vollkommen anderen Licht dar. Und heißt daß sie viel zu tun haben werden.

Auch wenn über Intelligenz spätestens seit den Sherlock Holmes Geschichten gerne erzählt wird mit der selben Datenbasis mehr herausfinden zu können und auch wenn schlecht eingesetzte Zweifel – angesichts der Tatsache daß sich alles irgendwie bezweifeln läßt – nicht fruchtbar sind, Skepsis bei dünner Informationslage ist vielleicht gar nicht so schlecht.


1 Doch unter uns: Unternehmen sollten sich im schönen Hamburg ansiedeln, die Szenelinken hier sind so zerstritten und von Spitzeln und Spitzelparanoia geplagt daß sicherlich weniger passiert als in Berlin, G20 war Knowhow von außerhalb und Versagen durch Selbstüberschätzung der Politik.


Flachzangen, immer wieder

26. Januar 2019

Mal wieder auf eine Materialsammlung von „Kritik“ an Queerfeminismus und allem was locker damit assoziiert wird gestoßen; will das nicht verlinken, will nicht in der tiefe analysieren – schon gar nicht für umme -, also beteilige ich mich einfach mal an dem Quatsch und rante inhaltsleer drauflos.

Letztlich wird mit Mitteln von Verschwörungstheorien gearbeitet, Gerüchte, Falschaussagen, Gewohnheitsaussagen und -deutungsmuster, Othering zwecks Selbstverständnisfestigung. Ohne jetzt abstreiten zu können oder wollen daß viel – gerade auf Anwendungs- & Populärebene – im Argen liegt macht soetwas sinnvolle Kritik noch schwerer. Um bessere Theoriebildung kann es also schoneinmal nicht gehen.

Wie konnte es so weit kommen, daß akademische und bewegungsinterne Konkurrenz auf diesem Niveau angegriffen wird? Und anscheinend geht das nicht auf „die Postmoderne“ zurück, da es ja ihre Gegner*innen offensichtlich noch stärker betrifft und die Angegriffenen kaum noch tote französische Menners mit ihren schwer lesbaren Büchern in den Mittelpunkt stellen. Also: Don’t kill the messenger!

Nehmen wir mal die Forderungen nach „Materialismus“ ernster, denn so können wir ausschließen, daß es sich einfach um Versagen einzelner handelt oder daß das zu bekämpfende Problem irgendwelche falschen Theorien bzw. Meinungen sind. Also mit solch einer Form von Kritik überhaupt irgendetwas auszurichten ist. Ohne uns allzu lange beim Beobachter*innenproblem aufzuhalten, „Materialismus“ heißt auch daß Konzept und Ding nicht das selbe sind. Wenn also behauptet wird durch eine „materialistische“ Position im Namen der Dinge sprechen zu können, haben wir es lediglich mit Material für die Rundablage zu tun.

Nehmen wir mal an Wasser fließe immer von oben nach unten. Das schließt nicht aus gegen den Strom zu schwimmen, macht das aber schwer und v.a. längerfristig aussichtslos. Tote Fische schwimmen nicht nur mit dem Strom, sondern auch oben. Also statt stolz Recht zu haben wäre zu fragen warum so viel Müll wahrheitsfähig ist, d.h. wieso keine Überprüfungsmechanismen greifen, die solche Verschwörungstheorien – und bei der Gelegenheit auch gleich dumme Queer-Verflachungen auf der anderen Seite – eingrenzen.

Woran liegt das? Ich weiß es auch nicht. Aber bedenken wir daß ein fluffig-metaphysisches Konzept von Wahrheit nie hinreichend für Theoriebildungen war, müßten wir uns die Strukturen der Wahrheitsproduktionsmaschinerie anschauen. Also z.B. die „~krisen~“gebeutelten Printmedien und die reformgeplagten Universitäten. Kurzgeasagt: die „materiellen“ ressourcen sind in beiden Kontexten knapper geworden. Die Universitäten boten vor einiger Zeit noch gewaltige Freiheiten – warum auch nicht, das ist deutlich billiger als uns zu hospitalisieren -, es wird die „Linksintellektuellen“ Nische übervölkert haben. Mittlerweile haben die Universtitäten einen Haufen von Veränderungen hinter sich, die gerne mit dem Wort „Bologna“ abgekürzt werden. Klar wird sich das auf die Theoriebildung ausgewirkt haben.

Ich habe keine Antwort und keinen optimistischen Spin für Euch, sondern schreibe nur Nullnummern im 31. Stock. Schreibt doch einfach ein eigenen Ende und laßt es vielleicht hier in den Kommentaren.


Kulturellepraxis live

18. Januar 2019

Mit Kai Denker

Wieso nur??? Können möchtegernlinksintellektuelle Honks nicht weiter bei Adorno bleiben?!?“ – „Weil man jede mögliche Dummheit über den schon gesagt hat.“


Gewaltfreie Kommunikation

28. Dezember 2018

Pro:
Erstaunlich viele Konflikte basieren auf Kommunikation. Sie ist Operationsweise unseren Miteinanders und ein besseres Miteinander ist das Α&Ω besserer Gellschaft. Bedenken wir, daß Autentizität ein zeichenbasiertes Konstrukt ist, also auch eine scheinbar unregulierte Kommunikation keine ursprüngliche oder natürliche ist, sondern nur anderen – durchaus kritisierenswerten und kritisierbaren – Strukturen folgt. Die Freheit der einzelnen endet schließlich bei der der anderen. Polemisch zugespitzt: Nicht jede Mackerei muß als edgy Diskussionsstil anerkannt werden.
Lassen wir uns also nicht von den schlimmsten Versuchen entmutigen.

Contra:
Wir können zunächst einmal die Beobachtung festhalten: Es funktioniert anscheinend nicht so wie angenommen bzw. erhofft; und macht viele aggressiv. Scheinbar „weichgespülte“ Gruppierungen können in der Sache überraschend hart und kompromißloslos werden. Die „Gewaltfreiheit“ droht bisweilen in ihr Gegenteil zu umzukippen.
Als mögliche Erklärungen können wir unterschiedliche Theorien darauf werfen.
Zwar bezog sich Tiefenpsychologie-Vorläufer Nietzsche explizit auf das Christentum, doch seine Denkfigur, daß Verdecktes, Uneingestandenes, Verdrängtes unter der Oberfläche umso stärker nachwirkt, zumal wenn es kollektiv kanalisiert wird greift auch gerade hier.
Dann gehört Kult um die „Ich-Aussage“ kritisiert: Ziel sollte sein, sich vom behauptet-objektiven Standpunkt zurückzuziehen um Raum zur Aushandlung zu lassen. Tatsächlich macht dieser Rückzug aber die eingenommene Position unangreifbar, einer Ich-Aussage läßt sich nicht sinnvoll widersprechen. Es geht darum einen gemeinsamen Bezugsrahmen zu schaffen; dieser ist nicht die Realität, aber im Endeffekt eine.
Mit Luhmann’scher Systemtheorie können wir darüber hinaus einwenden, daß die einzelnen Menschen nicht als Teil des Systems betrachtet werden sollten, sondern als Teil von dessen Umwelt, da sonst sie – und nicht nur ihre Inputs – systemgerecht gemacht werden müssen.
Sich auf Mittel statt Inhalte zu beziehen scheint zunächst neutral, doch können diese auch so gewählt werden, daß bestimmte Postionen unangreifbarer oder angreifbarer werden; also schlimmstenfalls werden z.B. Einwände nur in einer Form zulassen, wenn diese ineffizient bleiben können. Doch wie auch immer die Mittel konfiguriert werden, die Suche nach Mitteln setzt den mit ihnen zu erreichenden Zweck ersteinmal absolut, enzieht also diesen implizit der Aushandlung. Hier liegt ein zentraler Punkt: Was wird wie und warum der Aushandlung entzogen; wenn das implizit/unansprechbar passiert ist die Intuition es mit versteckt aggressiver Durchsetzung zu tun zu haben berechtigt, dann sollte „gewaltfreie“ Kommunikation aggressiv machen! Nicht daß in Metakommunikation nicht auch zur Ablenkung von der nötigen dienen kann; aber die Fallacyforschung lassen wir heute mal weitgehend aus.
„Suche“ nach Mitteln bedeutet zudem auch anzunehmen, daß es ein geeignetes Mittel geben müsse, ein fataler Fall von Methodengläubigkeit.
Anzunehmen oder zu fordern das Miteinander habe ein harmonisches zu sein birgt das Risiko, alles was als Störung der Harmonie wahrgenommen wird als außerhalb zu verorten, was sowohl bedeutet einzelne Personen oder Gruppen als ein Außerhalb oder Problemträger wahrzunehmen zu können als auch Verschwörungstheorien – also hinter jeder wahrgenommenen Störung versteckte böse Absichten von einem tatsächlichen oder Imaginären Gegner zu vermuten – begünstigt.
Wenn wir also überlegen wie wir unser Miteinander und dessen Operation, die Kommunikation gestalten wollen sollten wir die Warnung des Argumentationstheoretikers Harald Wohlrapp berücksichtigen: Handelt es sich bei unserer Theorie vielleicht um „Schönwetterrelativismus“?

Fazit
False Dilemma. Habe ich gerade eine Diskussion mit mir selbst verloren?


Plenumsphobie

21. Dezember 2018

Dieses Stück ist mitten aus dem Leben gegriffen, beeindruckend vollständig und gut umgesetzt. Kurzgesagt: Hit too close to home.

Wir könnten es bei dem Seufzer der bedrängten Angestellten belassen und aus dem Kontetext Meme wie „Meetnapping“ oder „I survived another meeting that should have been an email“ importieren. Doch unterschätzen wir nicht das Problem.

Zunächst einmal geht es um Koordinationsarbeit und gemeinsame Entscheidungsfindung. Im Berufsleben und in politischen Zusammenhängen wo die Entscheidungsstrukturen idR. hierarchisch getroffen werden ist der Aspekt von Meetings also nur zeitverschwendende Demokratiesimulation. Nur können wir selbst schon in einem so einfachen Setting wie sozialpsychologischen Kleingruppenexperimenten nachweisen, daß je komplexer die Aufgaben werden, desto mehr geht der anfängliche Vorteile von zentralisierten Strukturen verloren. Damit ist festzuhalten: Wenn einzelne Personen oder Untergruppen ein Plenum dominieren deutet das darauf hin daß wir die dort verbrachte Lebenszeit lieber mit bezahlter Arbeit verbracht hätten. An dieser Stelle seien Zweifel angemeldet ob sich soetwas durch formale Regelungen angehen läßt, komplexe formale Systeme lassen sich immer hacken.

Das bringt uns schon zum nächsten Problem: Die naheliegende Lösung für Probleme mit dem Miteinander auf Plena wären Regeln einzuführen. Neben allgemeinem Zweifel an formalen Systemen, durch diese Regeln wird das ganze häufig noch anstrengender, sperriger, komplizierter. Nicht daß es im Einzelfall nicht helfen kann und allgemeiner in erwünschtem Verhalten resultieren kann, wie eine gute Lösung klingt das nicht, eher nach Flickschusterei.

Plena grundsätzlich abzulehnen wirft nicht nur die Frage auf wie wir dann gemeinsame Entscheidungen und Koordinationen hinbekommen sollen – und es ist eine ernstgemeinte Frage, keine rhetorische, wir wollen hier schließlich nicht Mittel und Zweck gleichsetzen. Das bringt uns zum entscheidenden Punkt: Linke Plena haben irgendwie meist das Ziel einer besseren Gesellschaft – wie klein oder groß diese Verbesserung auch aussehen mag, wie indirekt das konkrete Plenum auch damit zusammenhängt. Wenn jetzt aber die „Sachzwänge“ der politischen Arbeit dafür sorgen daß wir uns regelmäßig gegenseitig quälen – denn wer Plena mag ist Teil des Problems und sollte keine Besuchen dürfen – scheint es mit der Utopie eines besseren Miteinanders nicht so weit her zu sein; und nein, das Ziel zu erreichen in ferne Zukunft, die alles vorherige rechtfertigt zu verlegen ist keine Lösung.

Fazit: Wir hätten längst eine bessere Gesellschaft wenn es nicht so furchtbar wäre sich zu organisieren. Wenn eine andere Gesellschaft möglich ist, müßte ein anderes unmittelbares Miteinander auch bei politischer Koordinations- und Entscheidungsarbeit zumindest in Ansätzen erkennbar sein können.

Ich habe keine Antworten. Denn die offensichtlichen Antworten – von pädagogisch-methodengläubigen Regelwerken bis „seid lieb zueinander“ – wirken häufig nur problemverschärfend, „konstruktivistische“ Philosophien müssen sich an dieser Stelle bewähren mehr als Schönwetterrelativismus zu sein. Ich will nur sagen: Bei den Beziehungsweisen spielt die Musik!


Overthinking

11. Dezember 2018

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Lese das und überlege wie sich das modifizieren ließe. Ja, zugegeben: Wie ich einen Abstauberspruch mit kleinen verbesserungen bringen kann. Die nationalistischen Kontinuitäten lassen sich ja alleine schon aus dem Wort „Volk“ rekonstruieren – ohne die Ambiguität hier herunterspielen zu wollen; [eigentlich müßte ich auch noch was zur Bedeutung dieser für politische Bewegungen hinzufügen], aber da laufe ich Gefahr die gegenwärtigen rechten Bewegungen zu verharmlosen oder gar die DDR zu verherrlichen; [hier müßte noch eine klärende Bemerkung wie Kritik am Ostblock-„Sozialismus“ nicht mißverstanden werden sollte].

Wie @RubenMmkay doch so schön parodierte: „Keine Parolen, nur die ganze Wahrheit!

Solche Überlegungen deuten aber darauf hin daß es möglich und erstrebenswert sein könnte auch kurze pointieret Sachen mit ungeahnter Reflexionstiefe zu unterfüttern. Was heißt daß das beliebte Journalist*innenargument „ich habe nur x Zeichen“ aufs schärfste zurückgewiesen werden sollte, geht es darum daß sich kurz und verständlich zu fassen einfaches Denken und begrenztes Wissen erfordere, das ist ein Kategorienfehler. Doch halt – Principle of Charity: Ein Argument sollte zunächst als stärkstmögliche Form gedeutet werden! Unter kapitalistischen Bedingungen für ein ohnehin schon geringes Zeilengeld in Dissertationstiefe zu recherchieren treibt die Selbstausbdeutung zu weit.

Ja, das alles läßt sich problemlos als ein massiver Fall von Overthinking deuten. Doch gelten Liegestütze idr. nicht als „Overmoving“!


Nachtrag: Kommen wir nochmal zurück zu den Modifkationsmöglichkeiten eines solchen Spruchs. Die angedeutete mögliche Debatte um Wertungen und Nuancen ließe sich auch als Austausch von Varationen führen; fast schon eine mikro- & offline-Form von Memes. Also z.B.: Eine Person modifiziert den Spruch dahingehend den nicht-ganz-emanzipatorischen Charakter von ’89 überzubetonen. Wenn die nächste jetzt sagt: „Du mit Deiner DDR-Verherrlichung“ wäre sie jetzt Spielverderber*in, aber es steht ihr frei eine weitere Pointe draufzusetzen in der die Kritik an der DDR wiederum deutlich wird. Das sind ganz spezielle „Ordnungen des Diskurses“, wie sie z.B. manchmal in manchen Studicafés zu erleben sind. Also durch die gemeinsame Form des Herumalberns durchaus Kontroverse Punkte spielerisch austauschen.

Gut, das fällt leider immernoch unter „Schönwetterrelativismus“, da unterschiedliche Interessen, Bedürfnisse oder Grundlagen für gemeinsames Handeln nicht direkt betroffen sind, aber ist ein schönes Modell wie diskursive Formengebung und soziale Interaktion zusammenwirken und daraus Kreatives entstehen kann; also „die macht“ – des „sei doch keine Spaßbremse“ – hier produktiv ist.