Querverweis

26. November 2016

Fauchi Stomborn, Comrade of Drag_ons
foto-0440aus dem Team der Kulturellenpraxis hat einen Gastbeitrag für die Prinzessinnenreporter geschrieben. Im Sinne einer „groundless solidarity“ hoffen wir alle, daß sich für kommende Kämpfe doch noch ein wenig Verstand zusammenballen läßt und danken den linkshirnextremistischen Prinzessinnen.


Locker Room Talk

14. Oktober 2016

Nachdem diverse Anschuldigungen Donald Drumpf neige zu sexueller Belästigung wie soviele seiner Untragbarkeiten im „postfaktischen“ Diskurs versickert sind, fiel ihm das doch noch auf die Füße. Er, der sich – unprofessionell wie immer – im Januar über ein schlecht funktionierendes Mikrofon im Pensacola Bay Center beschwerte stolperte über ein allzu gut funktionierendes. Auf dem Weg zu einem Soap Opera Cameo in 2005 wurde ein Gespräch mitgeschnitten in dem Trump Hinweise zur sexuellen Belästigung von Frauen gab („Grab them by the pussy“; wir hoffen als Reaktion auf viel Pussy Riot). Jener Trump der die – sprichwörtlich gewordene – Silversternacht in Köln und die Behauptung, Mexiko schicke Vergewaltiger als Gründe gegen Migration sieht; der Unterschied sei „when you’re a star, they let you do it“. Daß sein Gesprächspartner Billy Bush ein Cousin des ehemaligen Gouverneurs und Präsidentschaftskandidaten-Kandidaten Jeb „FNX“[1] Bush war sei noch als pikantes Detail am Rade genannt.

Trump entschuldigte sich halbherzig mit der Begründung er sei nicht perfekt, es sei nur „locker room talk“ gewesen und Bill Clinton sei ja viel schlimmer. Dieser rhetorische Kniff, zu betonen wieviel schlimmer die anderen(tm) seien scheint das einzige was den Trump Anhänger*innen angesichts sinkender Umfragewerde und sich distanzierender republikanischer Partei bleibt. Wie jemand wie Trump überhaupt soviele Anhänger*innen bekommen konnte und wie der „postfaktische“ Diskurs – für den Drumpf wie kein anderer Populist steht – funktioniert sollte dringend ausführlicher aufgearbeitet werden, hier zunächst einmal „nur“ ein paar Anmerkungen zum „locker room talk“.

Es distanzierten sich u.a. Profi-Sportler von diesem Begriff, überraschenderweise werde beim Leistungssport in der Umkleide nicht über soetwas gesprochen. Daß deutsche Fußballer zugeben, schwule kollegen im Umkleideraum wären ihnen unangenehm tut scheinbar nichts zur sache. Nun mögen einige an feministischen Diskursen ernsthaft und wohlwollend teilnehmende männlich identifizierbare tatsächlich intakte Filterbubbles haben oder rechtzeitig aus dem Schrank gekommen sein um nichts von soetwas mitbekommen zu haben, aber leider ist derartiges sexistische Gelaber unter Heteromännern – auf Deutsch auch „Herrengespräche“ genannt – ein Ding.

Dies nicht zu verleugnen scheint auch deswegen so wichtig, da soetwas zu den Aspekten gehören, die das Aufwachsen als ungeoutet schwul oder asexuell schwerer machen, Menschen der geballten Heteronormativität aussetzen. Auch die Niceguys(tm) fallen ja nicht vom Himmel, wir könnten sie als das Produkt der in diesen Gesprächen ganz besonders übel manifestierten Diskurse darstellen. Diese Gespräche sind ein Reproduktionsmechanismus toxischer Männlichkeit in einer merkwüdigen – sehr drumpfigen – Überlagerung von „ich sage wie es ist“ und „ich meine es ja nicht ernst/wörtlich“. Freilich nicht so harmlos bei die Protagonisten behaupten, sondern ein oftmals unterbelichteter Aspekt der Rapeculture.

Ohne jetzt – nach sonstiger Gewohnheit – Diskurstheorie abzuhandeln sei vorausgesetzt, daß auf kommunikativem Weg Normalitäten und Selbstverständlichkeiten hergestellt werden und sich Diskurse zu etwas verdichten können was „Wahrheit“ genannt wird. Soziale Zusammenhänge können ihre eigenen Realitäten schaffen – im Extrem bei Sekten -, womit Theorien, welche diese Mechanismen untersuchen nicht die Ursache – killing the messenger -, sondern ein notwendiges Werkzeug sind, solch einen Irrsinn zu untersuchen.


Kulturellepraxis live

2. Oktober 2016

„… und so konnte ich sogar die Bookmarks wieder herstellen und damit war trotz des Updates wieder alles in Ordnung“ – „Laut Adorno kann nach Auschwitz nie wieder alles in Ordnung sein!“


Mittel der Philosophie

17. September 2016

Beiträge von Kai Denker

Womit philosophiert werden sollte (Achtung: der Einsatz von Kernwaffen gilt nicht als Dekonstruktion)

  • Attische Dikastes: Schierlingsbecher
  • Nietzsche: Hammer
  • Ockham: Rasierer
  • Francis Bacon
  • Descartes: Methodischer Zweifel
  • Marx: Gespenster
  • Derrida: Marx‘ Gespenster
  • Mao: „‚Die politische Macht kommt aus den Gewehrläufen“
  • Fichte: Hauslehrerjobs
  • Philippa Foot: Gedankenexperimente/Straßenbahnweiche
  • Frege: Formale Logik
  • Carnap: Nur Logik und Wahrnehmbares
  • Sheffer: Strich
  • Gettier: Gegenbeispiele/Smith & Jones
  • Foucault: Werkzeugkiste
  • Deleuze: Fingernägel
  • Camus: Gauloises
  • Husserl: Aschenbecher
  • Russell: Tabakpfeife
  • Labermas: Argumente
  • Haraway: Cyborgs, Hunde uvm.
  • Schopenhauer: Pudel
  • Leibnitz: Alberne Perücke
  • Kant: Sein Ding an sich
  • Wittgenstein: Schürhaken

Haushaltssicherheit

18. Juni 2016

Idee: Prokopius

Haushaltsunfälle häufen sich in Deutschland. Mit ca. 90001 Toten durch Haushaltsunfälle im Jahr 2014 ist die Gefahr deutlich höher als jene durch Verkehrsunfälle (ca. 35001) einzuschätzen. Doch während im Straßenverkehr zahlreiche Regulierungen und Kontrollen für unsere Sicherheit sorgen, ist der Bereich des Haushalts nach wie vor unterreguliert; und das trotz Fortschritten wie flächendeckende Rauchmelder, sowie deren Umbenennung in Brandmelder.

Hier will jetzt die Bundesregierung eingreifen. In enger Zusammenarbeit mit den Handwerkskammern entsteht gerade ein neues Gesetz zur Optimierung der Treppensichierheit, das an die überragenden Erfolge der #dankhelm Kampagne2, 3 des Verkehrsministeriums anknüpfen soll. Künftig müssen in jedem mehreren Mietparteien zugänglichen Treppenhaus Sturzhelme ausliegen. Diese werden dann halbjährlich vom Schornsteinfeger kostenpflichtig überprüft. Sollte das Angebot ausliegender Helme nicht auf Basis freiwilliger Selbstverpflichtungen durch die Mieter*innen hinreichend genutzt werden, wird eine Kameraüberwachung der Treppenhäuser erwogen, auch um der Gefahr entgegenzuwirken, Einbrecher*innen könnten aus der Position eines Helms folgern, wer gerade nicht daheim ist.


Avatarregeln

14. Juni 2016

Nun häufen sich leider mal wieder die Anschläge daß die Socialmediagemeinden gar nicht mit dem Betroffen-sein hinterherkommen. Selbst den alten Kassierer Song „Rund um die Uhr betroffen sein, betroffen wie ein Warzenschwein“ vernehmen wir nur vereinzelt.

Das Treitschke-Institut für geisteswissenschaftliche Nutzenoptimierung arbeitet laut Exclusivberichten der Kulturellenpraxis deshalb gerade an einem automatisierten Bewertungssystem für Trauerfälle. Als Basiswert für avataränderungswürdige Vorfälle gilt eine Standardabweichung mehr Todesfälle als bei gewöhnlichen Anschlägen dieser Art; durch diese relative Größe brauchen wir dem alltäglichen Geschehen in Kriegsgebieten oder Mittelmeer beispielsweise weiterhin keine Bedeutung zumessen. Modifiziert wird dieser Wert dann durch mehrere Faktoren, darunter Grausamkeit der Todesfälle, Sympathie mit der Opfergruppe, Gegnerschaft zur Tätergruppe. Schwierigkeiten bereitete hierbei zunächst die Frage, ob „unmarkiert“ als Gruppe gilt. Die Lösung ist einfach wie elegant: nur bei Opfern, nicht bei Tätern, also beispielsweise Breivik weiterhin ein Einzeltäter bleibt, Anschläge auf weiße aber deutlich schlimmer sind als auf andere, Anschläge in Industrienationen schlimmer als anderswo.

Ein Sprecher des Instituts über die Umsetzung: „Natürlich veröffentlichen wir ein Trauerhandbuch zu Fachbibliothekspreisen, der gewöhnliche Nutzer kann aber unser Angebot durch den praktischen Online-Rechner nutzen, den wir über Werbung finanzieren. Auch steht eine kostenpflichtige App zur Verfügung, die die Präferenzen aus bisherige Social-Media Posts bereits vorberechnet. Wir hoffen, so der Doppelmoral beim Trauern und Vorwürfen, daß zuviele Leute willkürlich zwischen betrauer- und nichtbetrauerbaren Opfern unterscheiden entgegenwirken zu können. Premiumkunden mit wenig Ressourcen zur Betroffenheit können übrigens auch einige unserer professionell betroffenen Mitarbeiter engagieren.“


Kritik der Kritischen HAS-Kritik – Wir sitzen immernoch in einem Boot

24. Februar 2016

Schon interessant: die Art in der einstmals der Poststrukturalismus (meistens als „Postmoderne“, wer da keinen Unterschied sieht ist Teil des Problems und möge sich als Flachzange bezeichnet sehen) kritisiert wurde findet jetzt Anwendung auf die Human-Animal-Studies (HAS). Gut, auch in diesen gibt es Pomobashende Adorniter*innen, aber dies nur am Rande, tu quoque als argumentum ad hominem wäre ein non sequitur.

Jedenfalls tauchte (mal wieder) ein Sokal-esker Hoax auf, dieses mal auf einer Konferenz zu den HAS; deren Thema war recht konventionelle Kulturgeschichte. Nun wurde bereits vieles zum Thema gesagt, so daß hier v.a. ein paar Links zum selber denken zusammengetragen werden sollen

Zusätzliche kommentierten die Kaffeehausdilettant*n auf FSK:

  • Daß Belege – inkl. Archivmaterial – gründlich gefälscht wurden und einige steile Thesen im Review für eine Konferenz erstmal nicht auffielen sagt nichts aus über wissenschaftlichen Anspruch. In Naturwissenschaften flogen oftmals gefälschte Mess“ergebnisse“ erst nach Jahren aufCitation needed; siehe auch
    • Welche Thesen der HAS wie steil sind ist Teil der Kontroverse, sollte also nach geisteswissenschaftlichen Qualitätsstandards keinesfalls implizit verhandelt werden
  • Auch im Bereich der Informatik sind bereits Scherz-Artikel (automatisch generierte Papers) auf Konferenzen angenommen wordenCitation needed ohne daß dies breit Theorien, Fachbereichen oder Wissenschaftsgattungen angelastet wurde
    • Anzunehmen, nur weil Forschung nicht Politik als Gegenstand hat sei ihre Wahrheitsproduktion unpolitisch ist (leider?) ein Kategorienfehler
  • „Kritik“ ist stets ein – meist die eigene Bedeutung hervorhebender – Zug im akademischen Betrieb
    • Es wäre zu klären, wie innerakademische Kritik nicht Teil des Problems sein kann
    • Ein Teil des Problems ist innerakademische Kritik stets, wenn er die eigene Ingroup als ungerechtfertigt um Ressourcen gebracht sieht: Wissenschaft ist ein Prozeß, nicht das Ergebnis, also sollte „Wissenschaftlichkeit“ keine Frage der Positionen sein
      • Es geht hart & ungerecht zu. Eine konkurrierende (oder gar schwächere) Gruppe für schuldig zu erklären erinnert uns an …?
    • In der Diskussion unterbelichtet bleibt die gewachsene akademische Konkurrenz. Diese schlägt sich auch in Evaluationsverfahren (z.b.: wieviel wurde wo publiziert) nieder. Evaluation produziert leider in erster Linie Evaluationsergebnisse, nicht Qualität
      • Daß im gegenwärtigen Peer-Review System der Wurm ist, ist eine BinsenweisheitCitation needed, dennoch klammerten die Fälscher*innen diese aus ihrer Kritik aus
    • Es wäre – geschichts- & sozialwissenschaftlich – zu untersuchen, inwieweit innerwissenschaftliche Logiken gegenüber außerwissenschaftlichen „Sachzwängen“ an Bedeutung verlieren; eine reine und nur auf Wahrheit ausgerichtete Wissenschaft hat es zu keinem Zeitpunkt und in keinem Fach gegebencitation needed
  • An den gesunden Menschenverstand (GMV™) zu appellieren ist unwissenschaftlich
    • Der GMV sagt: Die Erde ist flach
    • U.a. durch den Cultural Turn wurden Alltagsphänomene geistes-/kultur-/sozialwissenschaftlich untersuchbar, am Gegenstand ist der wissenschaftliche Anspruch nicht ohne weiteres zu erkennen
    • An einer Prämisse läßt sich selten die Qualität eines wissenschaftlichen Ansatzes zu erkennen
    • Autodeterminierung des Anwendungsbereichs: Im Gegenteil lebt der wissenschaftliche Prozeß davon, daß Ansätze auf unintendierte Bereiche ausprobiert werden. Alleine um zu prüfen ob sich Ansätze der HAS in der Forschungspraxis als fruchtbar erweisen oder nicht, muß ihnen erstmal eine Irrtumslizenz ausgestellt werden
  • Kommt.Uns.Nicht.Mit.Humanismus!
  • Die Rolle der Ethik in der Wissenschaft
    • It’s complicated