Zum Materialismus #2

10. Juli 2019

Wieso nutzen eigentlich sich als „Materialist*n“ bezeichnende Theoriepraxen letztlich nur einen politisch aufgebohrten Idealismus? Marxens Argumentationsweisen ist anzumerken daß er im deutschen Idealismus studiert hat. Wenn wir jetzt Lenin folgend annehmen daß Materialismus „von den Dingen ausgehen“ sei, wäre doch eigentlich die analytische Philosophie das Richtige („Der Sachverhalt ist eine Verbindung von Gegenständen. (Sachen, Dingen.“ –Tractatus 2.01); die Marx noch nicht zur Verfügung stand. Noch alberner wird es wenn die Frankfurtfankurve Individualpsychologie als Erklärungsmuster nutzt, sich aber trotzdem von „den Pomos“ als Materialistisch abgrenzen, obwohl sich glücklicherweise die meisten von denennicht (mehr?) so viel „Idealismus“ leisten.

Um auf die rhetorische Frage zu antworten: Das Verständnis von „Materialismus“ ist weit gestreut – nach Principle of Charity stürzen wir uns mal ausnahmsweise nicht auf die mögliche Bedeutung für die Dinge wie sie sind sprechen zu wollen und also übersinnlichen Zugang zur Wahrheit vorauszusetzen – und irgendwelche Verortungen im Netz der Positionen des 19. Jahrhunderts bringen uns heute nicht sonderlich weiter. Dieser Gegensatz ist wahrscheinlich mittlerweile nicht einmal mehr zu dekonstruieren, sondern gleich zu destruieren.

Wenn wir das aus dem Weg haben können wir anfangen produktiv darüber nachzudenken wie wir die Verzahnungen von Wahrheitswirkungen, Praxen, Institutionen usw. am besten untersuchen ohne einseitig die bretter immer nur an der dünnsten stelle zu bohren.

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#cutenessrevolution anderswo #2: Spirit Bear

29. Juni 2019

Dank an Zweig_fragment für das Fundstück

Spirit Bear aus Prince George (British Columbia) ist nicht nur erfolgreich politisch aktiv und setzt sich für die Rechte von indigenen Kindern in Kanada ein, nach über zehn Jahren Engagements erhielt dieser unermüdliche Teddy einen Ehrentitel als „Honorary Bearister“ an der Osgoode Hall Law School. Artikel dazu hier.

Niedlichkeit sieg immer, Plüschtiere an die Macht!


Kulturellepraxis live

21. Juni 2019

„Wie – ‚overthinking‘?!? Du nennst Wandern doch auch nicht ‚overwalking‘!“


#cutenessrevolution anderswo #1: TAZ

13. Juni 2019

In der Taz ist jüngst ein Artikel zu Plüschtieren erschienen mit dem richtigen und wichtigen Sätzen: „Ich glaube, in Wahrheit ist die Kuscheltierfraktion groß. Wir sind viele.“ —Christina Spitzmüller: Ein weicher Freund, der schweigt.

Interessant ist, daß diese „viele“ keine Masse oder Organisation ist, sondern ein Gefüge. Die #cutenessrevolution besteht aus vielen Leuten die außer dem gemeinsamen Interesse relativ wenig gemein haben. Es geht nicht darum ein großes Ganzes anzustreben, sondern flauschige Verbindungen zu entdecken und schaffen. Finanziert uns jemand eine Konferenzenreihe oder ein Institut (wir haben schon Vorschläge für mögliche Standorte) dazu *prettypleasewithcherryontop*?

Ihr seht: Wer abgefahrene und unapologetische Plüschtiertheorie will ist hier in der Kulturellenpraxis richtig – Plüschtiere an die Macht!


Wörterbuch Teil #9

4. Juni 2019

Durch Nulpen dividieren := Leute auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner „abholen“ wollen und dadurch nichts Sinnvolles mehr zustande bringen

Inspiration, die := Sich eine Meinung aus der Tüte ziehen

Plüschie, das := Von Selfie, Plüschtierbild

Anderthalbdenk := Mittel mit ihrem Zweck gleichsetzen und sie damit gegen Kritik immunisieren (kfermion-Legacy)

Combahee River Collective Fanfiction := Texte die übermäßig die Formulierung „ich/wir als [soziale Gruppe]“ nutzen

Pyrus LEDis := „LED-Birne“, Leuchtmittel für Glühlampenfassungen

Claasismus := Nach Claas Relotius, Reportagen im Stil von Kitschromanen schreiben, vgl relotiert

Relotiert := [s.o.], Hand aufs Herz und frisch gelogen

Grottenolm, der := Eine Art von Schwanzlurch, meist von heller Färbung, eine besonders gerne digitale Tinte oder andere Textkremente absondernde Art des Lustmolchs, verwandt mit dem Feuilletonhorrorclown

Ziehharmonikatheorie, die := Theorie der zufolge die politsche X-Achse komplett kaputt kaputt und nicht nur verbogen sei (siehe)

Scholl-Latouren := Aus viel Detailskenntnis und Erlebtem wenig Erkenntnisse erkennen lassen


Plüschie Theorie #7: Fiktionen

15. Mai 2019

Die Kulturellepraxis und damit die Plüschtierstudies sind Antiessenzialismus im Sinne daß Wahr-Nehmung nicht abbildet verpflichtet. Aber – selbst wenn wir uns hier die pseudoetymologischen Sophistereien über facere und fingere ausnahmsweise mal sparen – das Faktische läßt sich doch schon vom Fiktiven unterscheiden. Nehmen wir das erstmal hin, dann handeln wir uns die altbekannten Probleme eines zweier-Gegensatzes ein.1

Zunächst einmal ist in einem solchen meist eine Wertigkeit versteckt, eines von beidem wird dem anderen als untergeordnet begriffen. Nun ließe sich anhand von Plüschtieren schön zeigen in wiefern diese Wertung umkehrbar ist, wir könnten dies gar zum zentralen Punkt erklären, beispielsweise daß vielen ihrer Trampler vor lauter Wirklichkeitssinn der Möglichkeitssinn abhanden komme. Mehr noch: Die Tendenz zum „Postfaktischen“ ließe sich damit erklären, daß das Fiktive nicht ernst genug genommen wird2 und daher Fiktionen als faktisch behauptet werden um ihnen Geltung zu verschaffen, als sei nur das Faktische wichtig. Dabei wird aber oftmals übersehen, daß auch Fiktionen nicht etwa beliebig sind,3 sie lassen sich etwa nach ästhetischen Maßstäben kritisieren; was bedeutet daß wir uns nicht nur aus moralischen oder sachlichen Gründen – Fakten – von rechtem Gedankengut fernhalten sollten, alleine für schöne und wohlgeformte Geschichten wäre ein großer Bogen darum zu machen.4
Die Abgrenzung zwischen den Gegensatzteilen ist bei näherer Betrachtung nie einfach oder klar. Beispielsweise könnten wir das Mögliche irgendwo zwischem dem Faktischen und Fiktiven verorten; ein Grund sich weiterhin gerne mit SciFi zu beschäftigen. Diese scheinbaren Graubereiche auszuloten ist nicht etwa philosophische Haarspalterei, auch wenn sich Versuche den Grenzbereich zu kartieren sich darin erschöpfen können, speziell wenn es lediglich um den Zweck die Grenze intakt zu halten geht. Doch beachten wir eine weitere Tücke von zweier-Gegensätzen, nämlich die des „konstitutiven Außen“, also daß die Trennung erst dadurch zustande kommt daß sie immer etwas aus dem Blick rückt, wird klar warum eine scheinbar kleine Anomalie im Zwischenraum ein Ausgangpunkt für neue Kartierungen sein kann, der vormalige kleine Punkt wird plötzlich zum neuen Territorium.

Doch auch wenn wir die Trennung von Faktischem und Fiktiven als für das Handeln nützlich anerkennen und somit hinnehmen, entkommen wir nicht der Einsicht daß es sich um Modelle handelt. Im Optimalfall werden Bereiche der Erfahrung durch diese Modellierungen so getrennt, daß wir nicht nur zwischen Irrtum und Tatsache, sondern auch zwischen äußerlichen und innerlichen Urachen unterscheiden können. Nun ist jede Beobachtung theoriebeladen und auch beispielsweise Träume beziehen sich meist irgendwie auf Erlebtes, es ist also eine mühsam aufrecht zu erhaltende, komplexe Trennung; wäre die Unterscheidung immer einfach, bräuchten wir keinen solchen Wert auf sie zu legen. Doch gerade da Erkenntnisse ob etwas innerlich oder äußerlich verursacht sei für Handeln und Wohlbefinden entscheidend sein können, sei an dieser Stelle die Grenzziehung nicht verworfen.5 Nur deutet schon die Tatsache, daß wir uns in dieser Einordnung irren können darauf hin daß es sich um eine Verarbeitung von Erfahrung – die vielleicht einen Bezug zur Realität hat – handelt, nicht die Realtiät selbst.

Das Faktische wie das Fiktive beziehen sich also auf Erfahrung um verschiedene Bereiche von Realität zu modellieren und durch diese Modellierung zu trennen, aber „the map is not the territory“, das Faktische ist nicht gleichzusetzen mit der Realität.

Ein Ziel der Plüschtierstudies ist es, Modellierungstechniken für Zugang zum Fiktiven zu entwickeln. Wenn das auf die Realität zurückwirkt – umso besser!


1 Derrida, frei nach Moebius, Stephan; Wetzel, Dietmar J.: absolute Jaques Derrida; Berlin 2005

2 Mag für sich eine steile These sein, aber nicht verglichen mit Feuilleton-Psychoanalyse, die regelmäßig Beteiligten die Deutungshoheit über ihr Denken und Handeln mittels eines etablierten Storygenerators stiehlt.

3 Im Goldenen Hecht. Über Konstruktivismus und Geschichte : Ein Gespräch zwischen Heinz von Foerster, Albert Müller und Karl H. Müller; in: ÖZG 8 (1997) Bd.1; 129-143; S. 132. Online verfügbar.

4 Dank an Bewitchedmind für den Hinweis, daß mit der ausgeprägten Jammer- und Kleinbürgerrhetorik vieler Rechtpopulismus ihnen selbst das Inszenierungstalent der historischen Faschisten und Nazis fehlt. Das rechte Metanarrativ, eigentlich überlegen, aber durch fiese Gegner*innen um zustehende Position betrogen worden zu sein findet sich leider auch in einigen linken Erzählungen, also vorsicht vor Querfronten, schon weil es eine schlicht schlechte Story ist.

5 Vgl. Haraway, Donna J.: A Manifesto for Cyborgs : Science, Technology, and Socialist Feminism in the 1980s; in: dies.: The Haraway Reader; New York, London 2004 [Ersterscheinen des Artikels: 1985]; S. 7-45, S. 8: „This chapter is an argument for pleasure in the confusion of boundaries and for responsibility in their construction.“ [Hervorhebungen im Originaltext]


Plüschie Theorie #9: Flauschgeschichten

15. Mai 2019

Auch wenn Zorn/Empörung/Wut die notwendige Energie um notwendige Veränderungen – vorzugsweise gemeinsam – in Angriff zu nehmen liefern kann, als Lebens- und Socializingart bedeutet das Gemeinschaft durch Feindbestimmung und Virtue-Signaling herzustellen.

Das ist nicht flauschig.

Flausch streckt sich mit den Fasern nach eine* aus, schmiegt sich formannehmend an. Flausch ist ein Teil der Circlusphere.

Unsere kuscheligen Companions mögen uns mit dem zwanglosen Zwang der Niedlichkeit verleiten schönere Geschichten zu bewohnen.

Plüschtiere an die Macht!