Plüschie Theorie #11: Weltraum

1. Juni 2020

Bereits auf Reisen tragen die Plüschtiere unsere Hoffnungen, Romantisierungen und Begeisterung. Eine Steigerung davon sind die Weltraumplüschies.

Raumfahrende Plüschtiere haben eine lange Tradition, so alt wie die bemannte1 Raumfahrt. So können diese die Schwerelosigkeit demonstrieren und als leichte und weiche Wesen dabei ungefährlich zu sein; Cuteness im Sinne von Harmlosigkeit hat hier also praktisch-handlungsrelevante Bedeutung. Dazu paßt, daß seit den 60ern der Comichund Snoopy mit Genehmigung des Schöpfers Charles M. Schulz als Sicherheitssymbol bei der NASA eingesetzt wird.

Mit Raumfahrt, pilotierter1 zumal, sind Hoffnungen verbunden, daß sich die Menschheit als ein Ganzes begreifen könne, Forschung zu positiven Dingen wie Erkenntnisvermehrung/Entdeckung eingesetzt werde. Zwar ließe sich dies als Gegenbild zu Ängsten vor Kernwaffen konstruieren, dieses Konstrukt müßte aber vernachlässigen daß diese durch Raketentechnik einsetzbarer wurden.

Die Raumfahrt war zunächst ein Nebenprodukt der militärischen Raketenforschung. Schlimmer noch: Mit Privatisierung der Raumfahrt und mit militärischer Nutzung des Alls, instituttionell durch die US-„Space Force“ – vorerst symbolisch – vorangetrieben ist das Thema der Territorialiserung des Alls aktueller denn je. Weltraum als Spielwiese der Wissenschaft gilt – wie im Falle des Internets – zur nostalgischen Vergangenheitsverklärung zu verkommen. Mit Haraway können wir nur darauf hinweisen, daß Cyborgs ihren Wurzeln gegenüber untreu sind und das Cyborgmanifest während Kämpfen gegen Kernkraftwerke und SDI („Star Wars“) geschrieben wurde, wir es also nicht mit einer reinen Utopie zu tun haben, sondern die Dystopie – so in Elon Musks Bioshock ähnlichen Marsbesiedlungsvorstellungen – beängstigend nahe liegt, wir uns dem widersprüchlichen Gemenge also nur mit Ironie nähern können.

„The main trouble with cyborgs, of course, is that they are the illegitimate offspring of militarism and patriarchal capitalism, not to mention state socialism. But illegitimate offspring are often exceedingly unfaithful to their origins. Their fathers, after all, are inessential.“ —Cyborgmanifest, S.10.

Auf die Frage „was tun?“ ist die erste Antwort „was tun“. Welche auswirkungen der technische „Fortschritt“ hat und in welche Richtung diese Prozesse laufen ist kein Schicksal. Aber es erfordert politisches Engagement. Der springende Punkt ist dann, daß sich nur gemeinsam die  vollends verwaltete Welt bekämpfen läßt, aber dieses Sich-Organisieren eben nicht selbst dieses vollends verwaltete sein/werden soll. Nur ist der „Partiality“ teil der „postmodernen“ Antwort bei der Raumfahrt unzureichend, gerade wenn wir Ressourcen – sei es für die Raumfahrt, sei es gegen die kritisierenswerten Aspekte – bündeln wollen. Da müssen wir tiefer in die Beziehungsweisen- und Organsationsformen Werkzeugkiste greifen. Die gebotenen Optionen an Verwaltungsformen – staatliche Autorität oder „freie“ Wirtschaft“ sollten uns jedenfalls zu einem „keines davon“ anstacheln.

Es kommt auf die Gemeinschaftsformen an. Die Plüschtiere rücken wegen Covid-19 zusammen, solange wir es nicht können.

„Postmoderne“ im Sinne des Scheiterns der großen Erzählungen läßt sich so verstehen, daß diese in viele kleinere, nebeneineinander und widersprüchlich existierende zerfallen. Die praktische Seite davon wäre Standpunkttheorie und die Einsicht, daß abstrakte Gleichheitsansätze in Antidiskriminierungsfragen meist nur eine mächtige unmarkierte Position repräsentierten. Doch dies ist nur eine der vielen möglichen Erzählungen über Postmoderne und sie stößt gerade hier an eine ihrer Grenzen: Grundlagenforschung ist – gerade in der Raumfahrt – teuer und per defitionem nicht unmittelbar Nutzbringend. Auch müssen wir feststellen daß es nur genau eine Erde gibt. D.h. für die pilotierte1 Raumfahrt sollten wir eine kleine große Erzählung der Moderne bewahren. Zumal die Dystopie ja immer mitfliegt und wir das Weltraum dieser zumindest nicht kampflos überlassen sollten!2

Die praktische Seite dieser Utopie ist die ISS, in vielen Bereichen rivalisierende Staaten finanzieren die Raumstation gemeinsam, für die Astronauten scheint Nationalität eher etwas von folkloristischer Freizeitgestaltung – welches Plüschtier und welche Musik dabei ist – als lebensbestimmende Identität zu haben, denn der Alltag ist von den praktischen Anforderungen geprägt. Hier gibt es eine gemeinsame Sprache: Die Sprache der Wissenschaft.

Ein Moment, der diese Weltraumplüschutopie verkörpert wäre dieses Aufeinandertreffen alter Bekannter: Ein deutscher Astronaut bringt zwei Figuren aus der Wissenschaftskommunikationssendung „Sendung mit der Maus“ mit, ein US Astronaut wegen der tschechischen Herkunft seiner Ehefrau ein Plüschtier der Zeichentrickfigur kleinen Maulwurf, der aber auch in der Sendung mit der Maus gezeigt wurde.

„Cyborg unities are mon­strous and illegitimate; in our present political circumstances, we could hardly hope for more potent myths for resistance and recoupling.“ —Cyborgmanifest S. 13.

Vielleicht sind Cyborgs dafür eine etwas technische Figuration – so würde wahrscheinlich die späte Haraway einwenden -, doch genau da kommen unsere kuscheligen Companions ins Spiel. Auch im wörtlichen Sinne: nämlich u.a. sich als Spielende begegnen, wobei die Wissenschaft ein sehr ernstes Spiel ist. Das Plüschtier kennt nicht die harte Konkurrenz, die wir sowohl in der Wirtschaft wie der Wissenschaft erleben müssen. Das Plüschtier will nicht die welt kontrollieren; und ist damit umso geeigneter sie ein kleines bißchen auszurichten: Plüschtiere an die Macht!

„Monster“ sind auch eine von Haraways wiederkehrenden Figurationen der Widerständigkeit. Gerade da wir bei einigen Themen die schrecklichen Aspekte nicht ausblenden können. Doch Monster sind auch beliebte Plüschfiguren, verlieren aber in ihrer Niedlichkeit den Schrecken.

Solange Plüschtiere mitfliegen ist materialisierte Hoffnung auf diese kleine große Utopie der Raumfahrt immernoch dabei!


1 Halt, nein, das geht so nicht! 1963 war nicht erst gestern, Mann zu sein ist keine Voraussetzung. „Crewed“ wäre zwar geschlechtneutral, aber letztlich muß sich doch auch ein deutsches Wort dafür finden lassen ohne auf Umschreibungen zurückzugreifen. Hier ist freilich entscheidend ob die Missionen beplüscht sind. Mit Rückübersetzung aus dem Russischen versuchen wir es mal mit „pilotierter“.

2 Bei Plüschtieren gilt: „I’m guided by the beauty of our weapons“!

Noch ’ne Kleinigkeit: Das aktuelle Space Plüschtier, Ty-Saurier Tremor ist im Space-X Shop deutlich überteuert, support you local store! Und falls dieser Typ vergriffen sein sollte: Es gibt so viele Plüschtierfabrikate die schon im Weltall waren …


Mit Philosophie gegen Covid-19?

7. Mai 2020

Verschwörungstheorien1 zur Coronasituation waren zu erwarten. Doch scheint die Gruppe der Leute, welche die Seuche nicht ernst nehmen bzw. die Maßnahmen dagegen für maßlos übertrieben halten sich nicht ausschließlich aus jenen zu rekrutieren, Verbindungspunkte wie Jakob Augstein sind keine hinreichende Erklärung bei Leuten denen wir selbstständiges Denken zugetraut hatten. Nach Erklärbärtriage haben wir es nicht nur mit hoffnungslosen Fällen zu tun. Bei aller Haßliebe zu Sir Karl Raimund P.: Sich und anderen die Frage zu stellen wann eine These gescheitert ist, kann zu den gedanklichen „Powertools“ gehören, sei es auch nur um sicherzustellen daß eine Diskussion wirklich sowas wie einer „Wahrheits“2suche dient.

Damit sind plötzlich „philosophische“ Fragen – etwa wie wir im Alltag zu unseren handlungsrelevanten Urteilen kommen – plötzlich überlebensrelevant. Doch genauer: Auch wenn es sich um „Philosophie“ im umgangssprachlichen Sinne handelt, sind wir bei solchen Fragen auf Interdisziplinarität angewiesen. Alleine die Frage was warum überzeugt reicht von Erkenntnistheorie über Psychologie bis zur Rhetorik und hat mit Sicherheit soziale, damit also sozialwissenschaftlich zu fassende Aspekte.

Die Ausgangslage ist eine „postmoderne“3: Es herrschaft kein Mangel, sondern ein Übermaß an Informationen, aber keine davon ist unbeschränkt vertrauenswürdig. Diese müssen für das Handeln bewertet werden, möglichst in einer unaufwendigen Weise; es wäre etwa zu viel verlangt, sich vor einem handlungsleitenden Urteil über die Lage biologisches und medizinisches Grundlagenwissen, so wie einen Überblick über den Forschungsstand zu verschaffen. Damit dürfen wir epistemische Arbeitsteilung für unser Denken nicht unterschätzen. Dies heißt auch: Von der Glaubwürdigkeit von Wissenschaftskommunikation hängen Menschenleben ab #nopressure!

Fazit: „Coronaskeptiker“ ohne verschwörungstheoretischen Hintergrund stellen uns vor die Aufgabe das Alltagsdenken grundlegend zu untersuchen und hoffentlich auch zu verbessern. Dies setzt aber Bereitschaft zu lernen von allen beteiligten Seiten voraus, so wie ein Wahrheitsverständnis das das – brüchtige -Zustandekommen betont statt sich Wahrheit als „isso“ zu modellieren. Auch bei geisteswissneschaftlichen Problemen geht es um Menschenleben – packen wir’s an!


1 Auch wenn Entschwörungstheoretiker Kulla längst zu anderen Sachen arbeitet sei hier eine Hoffnung geäußert, er dekliniere seine Thesen nochmal an diesem Fall durch.
Update: Dies ist bereits geschehen und hier zu sehen. Vielen Dank!

2 Was auch immer das ist. Aber daß das Gesuchte nicht auffindbar ist, kann ja auch das Ergebnis einer Suche sein.

3 Statt sich in Grundsatzdebatten zu verzetteln oder auf kohärenzarm verplattete Standpunkttheorien zu setzen sollte Grundlagenarbeit geleistet werden. Die Produktionsbedingungen und die Verfügbarkeiten von Informationen haben sich seit dem 19. Jahrundert geändert, „Postmoderne“ hieße damit auch, einen erkenntnistheoretischen Umgang damit zu suchen!


Prepping ist tot

29. April 2020

Eigentlich sollte eine echte – ja, hier legen wir uns fest! – Krise wie Covid-19 die Stunde der Prepper sein; alleine Vorräte um mit einem Lockdown umzugehen klingen ja recht hilfreich. Doch genau aus dieser Szene – u.a. – kommen jetzt Zweifel daß die Situation so ernst sei wie Fachleute behaupten und Forderungen nach gewohntem Zugriff auf andererleute Arbeitskraft.

Daß die rechte Szene voller weinerlicher Jammerlappen ist, die austeilen wollen, aber nicht einstecken können dürfte bekannt sein. Wie groß muß die Enttäuschung sein, daß echtes Survival eine* nicht zu* strahlenden Held* macht; in der Tat die Herausforderung teils darin liegt daß es so weitgehend unspektakulär ist.

Es wurde sich nicht auf konkrete Katastrophen, sondern auf Erzählungen und Vorstellungen von solchen vorbereitet; und kein Plan – nichteinmal ein guter – überlebt den ersten Feindkontakt. Von daher sind die – gescheiterten? – Erzählungen letztlich das Interessante hieran.

Zunächst wäre die toxische Männlichkeit zu betrachten: Sich als unabhängiges Individuum darzustellen, welches durch Härte, die sich auch in Rücksichtslosigkeit äußert nicht so verwundbar wie andere dasteht. Gepreppt werden bei dieser Deutung letztlich symbolische Härteverstärker, beispielsweise Waffen. Nun sind „materialistisch“ betrachtet Waffen aber keine Genitalverlängerungen, sondern gefährliche Gegenstände, d.h. für eine echte Waffe sollte prozedurale Vorsicht erlernt werden und verantwortungsvoller Einsatz, zumal sowohl eine zu schnell als auch eine nichteingesetzte Waffe schlimmere Folgen als keine hat.

Überleben hängt immer Verwundbarkeit zusammen; davon zu sprechen ergibt ohne keinen Sinn. Das setzt einen Umgang mit der eigenen Verwundbarkeit voraus und es bedeutet in den meisten Fällen – speziell diesem – von anderen abhängig zu sein. Ein Teil der alltäglichen Abhängigkeit läßt sich leicht verleugnen, da das gesellschaftliche Verhältnis abstrahiert durch bunt bedrucktes Papier reguliert wird. Doch zu glauben daß wenn diese gewohnten Prozesse nicht funktionieren es keine Gesellschaft gebe – oder daß es keine gebe – überschätzt dieses eine Verhältnis; und die Änderbarkeit der Verhältnisse.

In (nicht nur) dieser Krise scheinen Geduld, Solidarität und Verantwortungsbewußtsein – für sich wie andere – die entscheidenden Überlebenstugenden. Rücksichtslosigkeit scheint aber eine über bestimmte Szenen hinaus verbreitete Reaktion zu sein: Sich Vorteile auf Kosten Anderer verschaffen zu wollen. Soetwas näher zu untersuchen fällt in den hochspannenden Grenzbereich zwischen Psychologie kritishen Anspruchs, kapitalismuskritischen Gesellschaftswissenschaften und der Suche nach sinnvollen Subjekttheorien und wird uns auf diesem Blog sicherlich noch häufiger beschäftigen.

Oftmals werden diese mit „Überleben“ verbundenen Phantasien mit Ursprünglichkeitserzählungen begründet. Ganz gleich wie viele Forschungsergebnisse dagegen sprechen, „die Steinzeitmenschen“ oder „die Evolution“ dienen als Projektionsfläche und schlechte Post-Hoc Erklärungen. Dahinter könnte die Erzählung von „Kultur“ als Zähmung des an sich tierisch-bösen Menschen stehen, deren Wertung – wie es bei dieser Art von Gegensätzen oftmals passiert – umkippt. Nur wird mal wieder hier keine „Ursprünglichkeit“ befreit, sondern lediglich etwas das in einem Deutungs- und Handlungsmuster das behauptete etwas zu unterdrücken angelegt war; Foucault-Fußnote bitte selbst raussuchen.

Die Ursprünglichkeitserzählungen sind also gefährliche Wunschträume. Und wenn Überleben Verwundbarkeit und Abhängigkeit heißt, können wir in einigen Ecken feministischer Theorie deutlich nützlichere Konzepte als in der rechten Prepperszene finden; gut, letztlich überall wo Überleben ein Problem und nicht bloß eine Geschichte ist.

Dies heißt aber nicht, daß es nicht sinnvoll sein könnte für gewisse Notfälle vorbereitet zu sein. Wir können aus der Coronasituation lernen und es gibt Best Practice Empfehlungen für einige Katastrophenszenarien die sich ohne allzu viel Aufwand oder symbolischen umsetzen lassen.

Beispielsweise könnte es praktisch sein, von permanent gebrauchten, aber haltbaren Sachen die Vorräte aufzustocken. Hamsterkäufe sind ein Versuch sich Vorteile auf Kosten anderer zu verschaffen und je mehr Leute vor einem Notfall gewisse Vorräte haben desto geringer die Gefahr daß in einem solchen zu wenig verfügbar ist. Ein Nichtcoronabeispiel wäre ein „Grab & Go Bag“, also jederzeit auf ein paar unvorbereitete Übernachtungen woanders als zuhause vorbereitet zu sein, das schafft Handlungsmöglichkeiten, auch bei erfreulichen Anlässen.

Bildet Banden der Flauschigkeit und paßt aufeinaner auf!


Geisteswissenschaftliche Triage

3. April 2020

Mit Covid-19 verbreiten sich auch die gefährlichen Fehleinschätzungen1 exponentiell. Wie reagieren wir auf solche aus dem engeren Umfeld – beispielweise der Bio- oder Wahlfamilie? Das Problem ist leider aus bereichen wie Queer, Antirassismus, Antiinllektualismuskritik bekannt. Das Phänomen der Orks2 und Trolle erschwert offene Kommuikation, sollte uns aber nicht entmutigen diese grundsätzlich anzustreben.3 Zumal sich einzububblen häufig nur zu Spaltungen über noch kleinere Unstimmigkeiten führt.

Die Kulturellepraxis rät deshalb zur Erklärbärtriage: Vor einer Erklärung abzuschätzen wie hoch die Erfolgsaussichten sind, möglicherweise modifziert durch eine Einschätzung wie wichtig eine* die Person ist.

Für die GuteSache(tm) aufgerieben helft Ihr nichts und niemandem, Self Care kann radikal sein!


1 Die Folgen von gezielten – inkl. zur Verhaltenskontrolle „wohlmeinenden“ – Desinformationen wären ein eigener Beitrag. Kurz: Wir sind auf epistemische Arbeitsteilung angewiesen und die Folgen von Informationen verselbstständigen sich, also 1.: don’t do it und 2.: gute und v.a. vertrauenswürdige Wissenschaftskommunikation rettet Leben.

2 Kleinere Verwandte der Trolle. Sie scheinen zunächst interessiert, sind aber nicht bereit zu lernen oder auch nur sich auf neue Gedanken einzulassen, womit Versuche etwas zu erklären in Zeit- und gewaltiger Energieverschwendung enden.

3 Best Practice: Humor um das Vor-den-Kopf-stoßen abzufedern und unterhaltsam auf Widersprüche aufmerksam zu machen. Gute Literaturlisten um Interessierten den Einstieg zu erleichtern und einen Haufen Vorrecherche zu ersparen, Uninteressierten ein RTFM zu präsentieren. Kurze, dichte Kommentare um zu sehen, ob sich die Mühe gemacht wird die Gedanken zu „entpacken“. All diese Strategien zielen darauf ab, zum einen den emotionalen Aufwand gering zu halten, zum anderen zu erkennen ob das Gegenüber grundsätzlich bereit ist eigene Mühen zu investieren und wenn nicht es lustvoll vor den Kopf zu stoßen.


Evolutionsbedingte Denkfehler

13. Februar 2020

Da sowohl verfügbare Zeit als auch Energie zum Denken in der Menschheits – selbst in der Zivilisationsgeschichte – Mangelware waren ist klar, daß das was uns überzeugt nicht auf „Wahrheit“ optimiert sein kann, sondern mit Möglichst wenig Aufwand zu einem Ergebnis zu kommen. Damit liegt es in der Evolutionsgeschichte der Menschheit daß Menschen auf das schmale Brett kommen konnten Überlegungen wie diese1 für irgendwie sinnvoll zu halten. Wenn also Evopsych ein durch die menschliche Natur bedingt ist frage ich Euch: „Der Mensch ist etwas, was überwunden werden soll, was habt ihr gethan, ihn zu überwinden?“2


1 Die Truthynessmechanismen sind bei näherer Betrachtung – die eine so evolvierte Denkweise tunlichst vermeiden sollte – deutlich komplexer. Sowohl naturwissenschaftlich gesicherte Elemente – die nicht gegen „Garbage in, Garbage out“ helfen, ex falso quodlibet – als auch Anschlußfähigkeit an gesellschaftlich verbreitete Überzeugungen tragen zur Überzeugungskraft bei. Dann wäre zu berücksichtigen daß die Wissenschaft leider auch nicht komplett unabhängig von nicht sachbedingter Überzeugungskraft ist und dann noch externe Faktoren wie beispielsweise Forschungsförderung wirken.

2 Läßt sich leicht genug googlen, eine Fußnote wäre damit nur Traditionspflege.


#Cutenessrevolution anderswo #6: Podcast zur Teddybärgeschichte

7. Dezember 2019

Der zugegebenermaßen recht knapp gehaltene und auch nicht nur durch die Werbepausen recht kommerziell klingende Podcast „Pessimists Archive“ beschäftigt sich mit Teddybären. Da können die Plüschtierstudies natürlich nicht weghören.

Die oberflächlichen Aspekte – Steiff und Michtom bringen beide 1902 Spielzeugbären heraus, nach einer Jagdgeschichte über Theodore Roosevelt (Roosevelt der 26.) setzt sich die Bezeichnung „Teddy Bear“ für soetwas durch – wurden ja auch in unseren Plüschstudies erwähnt, doch dieser Podcast spricht einen weiteren Aspekt an: 1907 wurden „Teddybären“ im US Amerikanischen Blätterwald kontrovers diskutiert, in einer Weise, die für diskursgeschichtliche Herangehensweisen1 äußerst fruchtbar2 scheint.

Da auch im Podcast darauf hingewiesen wird, daß es nicht viel Forschung zu Teddybären gibt, sei an dieser Stelle nochmal darauf hingewiesen: Die Plüschtierstudies könnten eine interdisziplinäre Dissertationsfabrik werden, wenn nur internationale Konferenzen und ein Institut finanziert würden *prettypleasewithcherryontop*!

Zum Inhalt: Da Teddybären zunächst als Jungendspielzeug gedeutet wurden und da befürchtet wurde, sie könnten Puppen – die als Mittel Mädchen zur Häuslichkeit zu erziehen gesehen wurden – verdrängen, gab es panische eugenisch durchsetzte Warnungen von Konservativen daß Teddybären eine Gefahr für die Gesellschaft seien; es kristallisierten sich also Diskurse zu Race und Gender an diesen – damals gar nicht mal so – kuscheligen Companions. Dies ließe sich weiter spinnen zur These daß Plüschtiere eine subversive Kraft besäßen und zeigt, daß auch Feminismus und Plüschstudies ein längst nicht zuende gedachtes Thema sind, also ihre hier dargestellte Anschlußfähigkeit an Haraways Cyborgfeminismus nur eine erste Schneise durchs Themenfeld sind.

Am Ende wird erwähnt, daß Teddybären im Laufe ihrer Entwicklung immer stärker in Richtung Niedlichkeit optimiert wurden. Doch da es über „Kindchenschema“ und Evolution von Konsumprodukten gedeutet wird, bringt uns das erstmal leider nicht über einen Funfact hinaus und zeigt, daß bei allen interessanten Informationen nicht ums selbst Denken und Forschen herumkommen, solche Podcast mögen zwar bisweilen anregen, werden es uns aber nicht abnehmen.


1 Früher hätten hier Hinweise auf die einschlägige Literatur gestanden. Daß Landwehr und Sarasin gute Einführungen dazu geschrieben haben nur am Rande. Leider nicht mehr auf dem Laufenden seiend, sei statt einer Bibliographie ein willkürlich gewähltes Beispiel aus jüngerer Zeit wie sich sowas an einem anderen Thema praktisch aufziehen läßt präsentiert.

2 Mythenmetz’sche Abschweifung: Im Podcast wird kurz erwähnt, daß umstritten ist, wie alt das Konzept von Kindheit ist. Ließe sich „reaparieren“ mit der Aussage, daß das heutige Konzept – inkl. v.a. der Abgrenzungen – erstaunlich neu und erstaunlich veränderbar ist – und ja, diese Veränderungen auch im Zusammenhang mit den Produktionsverhältnissen stehen -, aber ein plattes „gab es nicht“ für frühere Verständnisse etwas kurz greift; Puppen sind bereits in der Antike nachgewiesen. Hier hilft Foucault, bzw. diskursgeschichtliche Methodik weiter: Was etwas vor der diskursiven Überformung ist läßt sich nicht sinnvoll sagen, das Wissen darüber wurde immer in vermachteten Prozessen hervorgebracht, in sofern macht es Sinn statt einem „Ding an sich“ nachjagen zu wollen, sich anzuschauen, wie sich beispielsweise das Sprechen über den Gegenstand geändert hat. Das heißt auch, daß die gesellschaftliche/kulturelle/sprachliche/usw. Bedingtheit unseres Wissens und Denkens zu hinterfragen mehr und anderes bedeutet als einfache „ist konstruiert“ oder „gibt es nicht“ Aussagen, sondern einen methodischen Aufwand erfordert; also vorsicht vor den falschen Denkabkürzungen!


Kulturellepraxis live

6. Dezember 2019

Wissenschaftliche Studien werden hoffentlich den epistemischen Wert wissenschaftlicher Studien klären