Systemische Umwelt?

11. Oktober 2018

Dieser Artikel ist Teil dessen womit er ringt: Duschgedanken statt systematischer Herangehensweise. Die Frage lautet: Ist die Systemik zu unsystematisch?

Von Heinz von Foerster in philosophisches Denken gelockt, habe ich bis heute eine Schwäche für diese Ecke der Systemtheorie. Und jüngst stieß ich auf ein paar Vorlesungsaufzeichnungen von und über Luhmann. Nun wird ihm gerne vorgeworfen „Armchair Soziologie“ zu betreiben, auch wenn sich viele informelle Beispiele finden, das sei das doch keine harte empirische Forschung.

Nun, ein Wissenschaftsverständnis das nur quantitative Erhebungen gelten läßt weigert sich nicht nur grundlegende Überlegungen über sich und ihren Gegenstand anzustellen, für sie wirkt je konkreter desto leichter zu messen und an Annahmen rutschen am besten die unmarkierten durch – adornitisch formuliert: Der Positivismus hat immer eine Tendenz die bestehenden Verhältnisse zu affirmieren. Doch bleibt die Frage: Mit welchen „Möglichkeiten sich selbst zu überraschen“ (Luhmann über den Nutzen von Methoden) können wir die Luhmann’sche Theoriebildung bestätigen oder widerlegen?

Dazu können wir uns eines Verständnisses von geschlossenen Systemen bedienen: Die Welt (Umwelt) darf sich meist nur in bestimmter Form „äußern“, in der Geschichtswissenschaft beispielsweise über historische Texte – Quellen -, in der Psychologie meist durch quantitative Daten, die am besten in einem Experiment erhoben wurden. Auch wenn Erweiterungen dieses Zugangs – z.B. in der Geschichtswissenschaft Methoden für Bilddeutung zu entwickeln – oftmals als Fortschritte gefeiert werden, diese Begrenzung ist nicht nur praktisch für den Wissenschaftsbetrieb – ermöglicht u.a. Transparenz und Reproduzierbarkeit -, sondern bildet konstitutive Gesten für ein Fach. Z.B. in der Geschichtswissenschaft sich von Geschichtsphilosophie abzugrenzen, z.B. in Psychologie das Experiment zur Grundlage zu erklären, auch wenn sich – beispielsweise mit dem Behaviorismus oder der kognitiven Wende – das Verständnis wie genau zu experimentieren sei mehrfach stark geändert hat.

Damit ist Falsifizierbarkeit – mal wieder – ein viel zu grobes Instrument. In Luhmann’schen Rahmen wäre eher zu fragen: Wie kann die Umwelt das System stören? Kann es sich mit unerwartetem Input ändern oder kann es höchstens zerstört werden? Betreiben wir „Cherry Picking“, können nur das betrachten was die Theorie erklären kann oder kann es zu Anomalien – im Kuhn’schen Sinne: innerhalb der Theorie für wichtig gehaltenen Beobachtungen die sich der gewöhnlichen Erklärungsweise der Theorie entziehen – kommen?

Für Luhmann habe ich leider keine Guten Antworten darauf. Vielleicht kommt es auf die „Anschlußfähigkeit“ an, wo kann ich Produktives damit anfangen – die Theorie und der Anwendungsbereich finden sozusagen zueinander. Dies spräche für Theorien denen einzelne Ergebnisse oder Denkfiguren zu entnehmen wären ohne gleich auf das gesamte Denksystem wie auf eine Bibel schwören zu müssen (in your face, adornitische Totalität!).

Auch viele philosophische Ansätze regulieren zwar ihre Argumentationsweisen, aber nicht direkt den Zugang zu Fakten/Welt – auch wenn es Versuche gibt sich von Nachbarwissenschaften abzugrenzen, „reine“ Philosophie zu betreiben, sei diese als folgerichtig, aber inhaltsleer abgetan -, das kann einerseits vorwissenschaftlich sein, andererseits geht es auch ganz  ohne Armchair nicht: Die Bedingungen der Beobachtung können nicht direkt beobachtet werden, in Luhmann’scher Denkweise formuliert: Jedes Beobachtungssystem produziert seinen blinden Fleck.

Daß Luhmanns Zugang zur Umwelt erstaunlich informell ist kann also sowohl als Stärke wie Schwäche gesehen werden. Sich grundlegende und nicht auf kleine empirische Studien ausgelegte Gedanken zu machen scheint mir in positivem Sinne unzeitgemäß und das Potential der „unfinished revolution“ systemischer Ansätze – u.a. des oben genannten Heinz von Foersters und seines Umfelds – für diesen Bereich fruchtbar machen zu wollen sympathisch. Die Welt ist zu groß für nur eine geschlossene Theorie.

Advertisements

Kommentar: Postmoderner Wahrheitsgewinn

29. September 2018

Wenn ich über Methoden der Wahrheitskonstruktion (meinetwegen auch -rekonstruktion, das ist diese Altersmilde) schreibe ist die virtuelle Teeküche Twitter sicherlich kein harter Ausgangspunkt. Dennoch fangen wir mal so an: Am „Nebentisch“ zufällig diesen Thread mitbekommen.

Kurz zusammengefaßt: Die Wahrheit werde uns nicht frei machen, bei politischen Entscheidungsprozessen wie der Kavanaugh Anhörung gehe es um handfeste politische Interessen und die Beteiligten unterscheiden nicht in „wahr“ oder „unwahr“, sondern ob etwas ihren Interessen diene. Sie gehen rechtfertigend davon aus daß alle anderen ebenso vorgehen. Sich in Details zu verlieren um immer wieder die „Wahrheit“ ans Licht zu bringen damit alles besser werde sei somit Zeitverschwendung.

Als praktischen Hinweis für politische Aktivist*innen könnten wir es dabei belassen: Das bessere Argument oder gar „die Wahrheit“(tm) auf der eigenen Seite zu haben bewirkt erstmal deprimierend wenig. Nebenher seien zweifel an demokratischer Redlichkeit angemeldet wenn Leute behaupten sie dienem dem Interesse einer abstrakten Masse/Allgemeinheit/Mehrheit.

„Postmodern“(tm) formuliert: Im Wahrheitsspiel politischer Durchsetzung sind bewährte Methoden Fakten festzustellen ein äußerst schwacher Zug, Wahrheitswirkungen werden nicht durch durch „guteGründe“(tm) im Sinne der Erkenntnis- oder normativer Argumentationstheorie hergestellt. Daß damit „reine“ Philosophie zu kurz greift und Interdisziplinarität was Feines wäre nur als Bonusbinsenweisheit. Rationalitäten die stattdessen am Werke sind zu untersuchen wäre tägliches Brot z.b. diskusrsanalytischer Methoden: die Zaubertricks verraten.

Das erklärt vielleicht auch weshalb sich mit solchen Methoden so gut untersuchen läßt, aber Versuche diese Theorien in Aktivismus umzusetzen oftmals schief gehen, z.B. mit sein-sollens Fehlschlüssen: Wir haben es mit Unterschiedlichsten Formen von wirksamer „Wahrheit“ zu tun: wie sollte sie zustande kommen, wie setzt sie sich durch, welche Funktionen muß sie erfüllen. Damit wäre „Wahrheit weitaus mehr als nur das Gegenteil von Lügen; was wiederum auch heißt daß sich aus der Erkenntnis daß gelogen wird noch nicht unbedingt rekonstruieren läßt was der Fall ist.

Fazit: Politiker*innen lügen und die Wahrheit alleine wird uns nicht frei machen. Duh.

Doch leider scheinen diese Erkenntnisse in der gegenwärtigen politischen Situation bereits „eingepreist“. „Die lügen doch eh alle“ oder pathologischer: „Die anderen lügen doch eh immer“ gehört schon zur Folkore. D.h. dies festzustellen bringt uns nicht wirklich weiter.

Schlimmer noch: So etwas hat Trump erst ermöglicht. Zum einen Authentizität: Als Gegenbild der aus zweckrationaler Opportunität lügender Politiker*innen bietet sich ein Authentizitätsideal an, das Trump gut zu darzustellen versteht; also er trotz zahlloser Lügen ehrlich wirkt – authentische Lügen (ist das „Hyperrealität“? Ich habe keine Ahnung). Zum anderen Kapitulation vor lauter Desinformationen: Wenn viel gelogen wird und wir es wissen ist es das einfachste sich die Wahrheit nach „Truthyness“ auszusuchen; was idr. stark mit Zugehörigkeit zusammenhängt. Bei Lügen mag es manchmal der Fall sein, aber Wahrheit läßt sich eben nicht an äußeren Authentizitätsmarkern erkennen.

Die Frage warum kein einzelnes Medium es (mehr?) schafft als neutrale Instanz zu gelten klammern wir an dieser Stelle mal aus.

Der Alltagsverstand produziert halbwegs brauchbare „Wahrheiten“ mittels möglichst unaufwendigen Methoden. Ich optimiere mein Vorgehen beim Abwasch nicht mit wissenschaftlichem Vorgehen, mache mir nicht bewußt daß ich von einem impliziten Modell ausgehe, überprüfe dieses auf konsistenz, sondern fange einfach irgendwie an nach dem was ich irgendwie mal gesehen gehört habe zum abwaschen und was schonmal irgendwie funktioniert zu haben scheint. Das Spart anstrengendes Denken, ist aber deshalb für ernsthaftere Fragen ungeeignet. Ein möglicher Zusammenhang zwischen Populismus und auf Politisches angewendetem Alltagsverstand sei hier aber auch ausgeklammert, so wie die Frage wie überhaupt politische Wahrheiten und Ziele zu Stande kommen, wir wollen auf einem Blog wie diesem ja nicht zu praktisch werden.

Die Wissenschaft hat konkrete Probleme wie z.B. Publication-Bias, Reproduktionskrise in einigen Fächern uvm. und grundsätzlichere, daß nämlich Entstehung und Verbreitung einer wissenschaftlichen Tatsache [Fleck 1935] kein einfaches beobachtendes Abbilden, sondern ein aktiver und sozialer Prozeß ist. Dessen Ergebnisse häufig vorläufig und uneindeutig sein können, damit gar nicht gängigen Vorstellungen von „Wahrheit“, geschweige denn „harten Wissenschaften“ entsprechen. Die Stärke der Wissenschaften, ein Prozeß und nicht dessen Ergebnisse zu sein wird nach solchen Vorstellungen leider als Schwäche wahrgenommen; und gerne den Geisteswissenschaften untergeschoben.

Interessant könnten evtl. auch – unter Kostendruck zeitgemäßer Medienproduktion völlig veraltete – journalistische Tugenden sein, wie sie z.B. Woodward jüngst eingebracht hat: Sich auf konkrete Ereignisse beziehen und die Informationen aus voneinander unabhängigen Quellen abgleichen. Nur stößt ein reines „was ist passiert“ auch an Grenzen – sonst bräuchten wir ja kein Kommentargenre; aber brauchen wir es? -, wir scheinen von „Wahrheit“ mehr zu erwarten.

Also statt eine abstrakte nicht erreichbare „Wahrheit“ zu verehren könnte es produktiv sein ersteinmal zu fragen was wir von der Wahrheit konkret wollen und wie dafür angemessene Methoden aussehen. „Postmodern“ formuliert: „Die Wahrheit“ als große Erzählung kann als gescheitert gelten; das heißt nicht daß sich mit „Wahrheit“ kein sinnvoller Unterschied mehr ausdrücken ließe oder daß es nur noch individuelle Gewißheiten gebe – im Gegenteil, auch das autonome Individuum ist eine der gescheiterten großen Erzählungen. D.h.: Wenn wir diese Theorien als Werkzeugkisten [Foucault 1976] für Befreiendes einsetzen wollen brauchen wir beide Kritiken: Die an der Objektivität und die an der Individualität.

Wir haben damit zwar keine metaphysische Letztbegründung für Wahrheitsproduktion und zugleich Verantwortung für unsere Wahrheitsproduktionsmethoden ohne das mit einem „ist so“ oder einem „ist ja eh beliebig“ abkürzen zu können. „Verantwortung“ heißt auch daß welche Methoden und welche Sorgfalt wir zur Erkenntnis anwenden auch zur ethischen Frage wird. Das ist nur etwas für Leute die sich mit Theorie das Leben schwerer, nicht einfacher machen wollen.

Der Schluß sich vor einfachen Wahrheiten zu hüten wäre genau so eine, also enden wir einfach mit – Truth: It’s complicated.


Psychoanalyse

5. September 2018

Heute auf Twitter: Eine ausgefranste – deshalb schwer verlinkbare – Diskussion über Psychoanalyse. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit oder textliche Schönheit seien hier deshalb ein paar Denkanstöße festgehalten, Diskussion in den Kommentaren oder auf Twitter möglich. Da sich hier bereits genug über Flachzangen frankfurter Fandoms aufgeregt wurde wird versucht die Diskussion ohne allzuviel Polemik gegen die schlimmsten Anhänger*innen zu führen, wer Verschwörungstheorien über „die Postmoderne™“ verbreitet gilt nicht als satisfaktionsfähig.

  • Im Kern die Frage der Wissenschaftlichkeit. Zwar wird diese oftmals bezweifelt, nur sollten diese Zweifel aus einem durchdachteren Wissenschaftsverständnis als implizitem oder explizitem Neopositivismus kommen
    • Reproduktionskrise der nach empirisch-statistisch Methode forschenden Psychologie
    • Das Karl Raimund Dilemma: Wenn wir Psychoanalyse und Marxismus wegen nicht falsifizierbarer bzw. aussagekräftiger Kernaussagen verwerfen, könnten wir auch die Evolutionstheorie nicht halten; erfolgreiche Theoriebildung scheint also anders zu bewerten sein, Grundannahmen wissenschaftliche Theorien müssen nicht zwingend empirisch hart sein, sie bewähren sich an den Einzelanwendungen
    • Wirkungsforschung: Die neopositivistische Konkurrenz der Verhaltenstheapie und die humanistische der Gesprächstherapie erzielen zwar vergleichbare, aber insgesamt nicht überzeugend bessere Erfolge als die psychoanalyselastige Tiefenpsychologie
  • Konkrete Probleme der Psychoanalyse umfassen u.a. die Praxis der Immunisierung eigener Thesen indem beispielsweise auf psychische Abwehrmechanismen verwiesen wird – Agencyaneignung sozusagen – und psychoanalytisch begründete Homofeindliche Aussagen bei konkreten – inkl. politischen – Psychoanalytiker*innen, so wie mögliche Essenzialisierungen von Triebgeschehen
    • Psychoanalyse als Sammlung von Metanarrativen aus denen sich einzelne Stories konstruieren lassen
    • Frage der Bewährungs- und Falsifikationsmöglichkeiten und -praxen dieser Stories
      • Konkret wäre hier Foucaults Kritik zu nennen: Die Annahme eines Geheimnisses kann dieses Geheimnis erst schaffen und Psychoanalyse als Fortsetzung der Beichte mit anderen Mitteln. Eine tiefere Wahrheit anzunehmen ist historisch gewachsen und muß für das Funktionieren der Praxis nicht zwingend existieren
  • Verhältnis von Aufklärung, Wissenschaft und Psychoanalyse
    • Eine Assoziationskette von „Aufklärung“ und „Materialismus“ kann leicht zu einem verkürzten Wissenschaftsverständnis führen
      • Antiessenzialismus oder GTFO!
    • Das „Psychische“ und v.a. nicht individuell „Psychische“ als Kuhn’sche Anomalie an zu einfachem Aufklärungsdenken
      • Frankfurter Schule als Versuch dies zu Gaffatapen
    • Frage ob andere Theorien – Nietzsches unbewußte Triebe, poststrukturalistische Subjekttheorien, Untergruppen der Psychoanalyse – Funktionen von Psychoanalyse in politischen Theorien besser leisten können
      • Siehe auch: Fromm-Adorno Kontroverse ob eine psychoanalytische Sozialpsychologie entwickelt werden müsse oder reine Freudrezeption reiche
  • Daraus ergeben sich folgende Fragen/Aufgaben
    • Ein (akzeptables und zeitgemäßes) Wissenschaftsverständnis der Psychoanalyse benennen/finden/entwickeln
    • Dieses sollte Immunisierungen von Annahmen durch psychoanalytisches Gedankengut klar widersprechen können
    • Umgang mit Homo- und Asexualität als „Nagelprobe“ für diese Theorie
  • Es bleibt die Frage ob das psychoanalyseimmanent geleistet werden kann – wenn ja wie genau -, eine gewaltige Dekonstruktionsarbeit (Dekonstruktion hier wirklich als Kofferwort von Destruktion und Konstruktion) geleistet werden muß oder eine andere komplett andere Theorie für den Gegenstandsbereich nötig ist
    • Wissen über das Unbewußte – woher nehmen und nicht stehlen?
  • Siehe auch: Frühere Psychoanalysekritik der Kulturellenpraxis

Flachzangen immer wieder

23. August 2018

Dank an @momorulez für den Hinweis

Gut eingebubblet um wenig davon mitzubekommen und keine Motivation für lau ausführlich zu recherchieren – Unsinn ist ohnehin leichter in die Welt zu setzen als zu widerlegen – ließ es sich dennoch nicht vermeiden neueste Tiefpunkte die im Assoziationsraum „Postmoderne“ verbreitet werden schmerzlich wahrzunehmen.

Die Gefährdung durch die Postmoderne™ wurde anscheinend von „neoliberal“ auf „faschistisch“ hochgestuft. Im Rauschen des Diskurses sind Essenzialismusvorwürfe an den Poststrukturalismus zu vernehmen. Nach Jahrzehnten der ermüdenden Relativismusdebatten und „killing the messenger“ für vorhergesagte „postfaktische“ Politikstrategien nun auf einmal Essenzialismus?!?

Dahinter scheint eine Assoziationskette von „Poststrukturalismus = Postmoderne = Critical Whiteness = Ethnopluralismus“ zu stehen.

Daß diese Gleichsetzungen nicht zutreffen und darüber hinaus die einzelnen Positionen lediglich durch Gerüchte beschrieben werden wurde – u.a. hier – schon so häufig erklärt, daß wir uns damit nicht weiter aufhalten sollten. Viel mehr beängstigt diese Ignoranz, zumal wenn wir genauer untersuchen wie diese funktioniert: Wir haben gestapelte Assoziationsketten, Gerüchte, welche sich zu Wahrheitswirkungen verdichten, ein wir:die-Schema, bei dem auch noch die Gegner*innen alle irgendwie zusammenhängen und nur erfolgreich sind indem sie falsch spielen. Das sind Muster von Verschwörungstheorien und dennoch gehen sie in sich als links verstehenden Kreisen als Theoriediskussion durch.

Zusammenhänge von Verschwörungstheorie, Antiintellektualismus und Antisemitismus aufzuzeigen sei den Leser*innen als einfache Hausaufgabe überlassen.

Bei theoretische Positionen kann eins schonmal unterschiedlicher Ansicht sein – wir kommen nur mit Irrtumslizenz weiter. Die Unis bieten auch nicht mehr so viele Freiräume, womit theoretisch in die Tiefe zu gehen schwieriger geworden ist. Auch wenn Leute sich in ihren Kämpfen nicht so sehr in diese theoretische Tiefen gehen wollen ist das nachvollziehbar; gleichwohl das – äußerst bewegliche – Verhältnis von Kämpfen und Theorie gründliche Reflexion vertragen könnte, doch wird gerade sowas durch haltlosen Behauptungen erschwert.

Verschwörungsdenken und Desinformationen um andere anzugreifen ist unter keinen Umständen emanzipatorisch.


Sommerlochthemen

7. August 2018

Klimakatastrophe, extrem rechte Positionen finden sich immer mittiger und irgendwie geht die links-rechts X-Achse auch häufiger mal kaputt. Der größte Stuß wird als ernst zu nehmend diskutiert. Von linken Szenekonflikten wollen wir gar nicht erst anfangen.

Da sehnen sich viele nach den klassischen Sommerlochthemen. Auch wenn sich Kroko noch nicht in einen Badesee traut war er für Euch ganz Mutig, deshalb präsentiert die Kulturellepraxis: Krokodil im Spülbecken!


Eine Lanze für #9 Fallacyforschung

19. Juli 2018

“Eine Lanze für … : Hantologische Streifzüge zu totgesagten Konzepten, in theoretischen Abfällen containernd”, Teil 9: Eine Lanze für Fallacyforschung

Dieser Ansatz erscheint zunächst so fruchtbar und undogmatisch, da er nicht vorschreibt was oder wie zu denken sei, sondern nur offensichtliche Fehler bekämpft. Bedenken wir zudem die Beobachtung daß der s.g. „Rechtspopulismus“ keinen Wert auf logische Konsistenz oder Kohärenz legt, scheint es geradezu wie ein Gebot der Stunde für weniger fehlerhaftes Denken einzutreten. Umso mehr wenn wir diese Denkfehler als Alltagsdenken identifizieren, also die Mechanismen und Problemlösungsstrategien die uns ohne den Kopf zu sehr anzustrengen durch den Alltag bringen – ich überprüfe nicht erst die Falsifizierbarkeit meiner Annahmen um den Abwasch zu machen.

Kollateralnutzen sich eine gewisse Kenntnis im Bereich der Argumentationsfehler zuzulegen ist, diese schneller zu erkennen und damit – so sich diese häufen – auch schneller zu erkennen wenn eine Diskussion nicht ernsthaft geführt wird, sondern lediglich als Durchsetzungsstrategie genutzt wird.

Doch wie allgemein allzu große Hoffnungen daß Philosophie zu besserem Denken führe häufig durch konkrete Philosoph*n herbe enttäuscht werden, trifft dies besonders auf Leute zu, die besonders gerne Argumentations- und Denkfehlern – Kurz: Fallacies – nachjagen. Die Befürchtung, daß dieser Ansatz einfach zu formal ist und damit solch unordentlichen Sachen wie denken und Argumentieren nicht gerecht werden kann läßt sich hier leider nicht zerstreuen.

Nun fand sich aber auf Twitter ein Erklärungsversuch

People who are obsessed with logical fallacies suffer from the most severe fallacy: that disagreements are easily resolved. As though everyone secretly agrees, but half the population made a simple logical misstep and arrived at the wrong conclusion. —Existential Comics

Dann wäre aber nicht die Methodik das Problem, sondern implizite Annahmen ihrer Anwendung. Für die Argumentationstheorie, daß Konflikte auf einfachen Fehlern der Gegenseite beruhen, für die Erkenntnistheorie, daß die Wahrheit nur von einigen Fehlern verstellt sei, aber eigentlich einfach bzw. einfach zu erreichen sei.

Aus der Überzeugung daß genau das nicht der Fall sei wird es aber gerade interessant sich mit Verfahren der Erkenntnissuche – und also wo sie häufiger mal schiefgeht – zu beschäftigen:

„Wenn wir den Quellen der Erkenntnis nachforschen, begehen wir meist den Fehler, uns dieselben viel zu einfach vorzustellen“ –Fleck, Ludwik: Zur Krise der Wirklichkeit; in: Schäfer, Lothar (Hrsg.); Schnelle, Thomas (Hrsg.): Ludwik Fleck : Erfahrung und Tatsache; Frankfurt/M 1983; S. 46-58, S. 46.


Plüschie Theorie #5: Gemeinschaft

18. Juli 2018

In einem Interview der Kaffeehausdilettant*n – stellvertretend für die Punkprinzessin und Fauchi Stormborn – mit ki7sun3, – stellvertretend für Percy Plushergaben sich viele neue Aspekte für unsere Plüschtier-Reihe. Die Sendung wird auf diesem Blog angekündigt, aber der Vollständigkeit halber seien hier die neuen Erkenntnisse schriftlich festgehalten

 

  • Unterschätzt nicht, wie viele Plüschbegeisterte es gibt!
  • Plüschtiere als Möglichkeit miteinander in Kontakt zu treten
    • Dies kann zunächst einfach als „Icebreaker sein, eine Gemeinsamkeit, ein Gesprächsthema usw.
    • Dies kann auch als Form von Avatar sein. Durch digitale Kommunikationsmöglichkeiten sind viele gewohnt sich mit unterschiedlichen Online-Personae zueinander in Kontakt zu setzen; dies sind weniger Aspekte der Persönlichkeit als viel mehr Entwicklungsmöglichkeiten. Plüschtiere können so etwas im Meatspace fortsetzen
    • Plüschtier als Kommunikationsmöglichkeit, z.B. zu signalisieren ob/wieviel Kontakt erwünscht ist
  • Plüschtiere als Verkörperung von „Diversity“
  • Neil Steinberg: The new science of cute
    • Biologistische Erklärungsansätze
      • Konrad Lorenz: Kindchenschema
      • Konzentration, feinmotorische Fähigkeiten Dopaminausschüttung
      • Zwei-Ebenen-Modell: Nicht nur motiviert es Pflege von Neugeborenen, es soll auch Interaktion von Kleinkindern und also Sozialisation erleichtern
    • Ob/wie Cuteness in Gegenständen wahrgenommenwird ist stark kulturspezifisch
    • Auf Cuteness ausgelegte künstlerische Darstellungen erst um 1900
    • Kawaii := Nicht bedrohlich; im Gegensatz zu „niedlich“ immer positiv besetzt
    • „Cuteness-Studies“ als interdisziplinäres Feld von Verhaltens- & Kulturwissenschaft und Biologie
    • Dadurch daß Cuteness die Grenzen von Ich und Anderem, von Subjekt und Objekt durchbricht erleichtert es sich in Beziehung zu Anderem zu setzen
    • Plüschtiere als „Hausgötter“
  • Wolfseule behält Recht