Towel Day

25. Mai 2012

Mit Odradek

Die Kulturelle Praxis sieht die Zeit für einen Paradigmawechsel kommen: Die Boot Studies mögen interessante Erkenntnisse geliefert haben, sind aber in ihrer Ausrichtung und Perspektive zu einseitig. Die reduktionistische Fokussierung auf Stiefel – oder bei manchen Autor*Innen: Die an Hegel angelegte Dialektik zwischen Schirmherr und Stiefelknecht – hinkt gewaltig, die Argumentation gerät ins stoplern. Nun streben einige nur eine geringfügige Ausweitung und mithin nur scheinbar paradigmatische Verschiebung auf das Schuhwerk an, das ist in ihren Grundzügen bereits deterministisch.

Die Kulturellepraxis versucht systematisch weiterzudenken. Dafür müssen wir tiefer als nur das Schuhwerk denken: Die Socken. Doch wäre dies ein komplett ahistorisches Konzept. Bis in den zweiten Weltkrieg verwendete Vorläufer der Socken waren um die Füße geschlungene Tücher. Damit die Sache aber Hand und Fuß hat (und eben in trockenen Tüchern ist), braucht die Forschung zusätzlich: Handtücher!

Diese Erkenntnis hatten bereits vor uns fernwestliche Weisheitsleeren, sie wiesen darauf hin, daß das Leben ein unsichtbares Handtuch ist, doch diese Erkenntnis ging durch einen Übersetzungsfehler verloren.

Also im Klartext: Die Critical Boot Studies benötigen dringend einen Towel-Turn. Die Kulturelle Praxis regt dabei zum Weiterdenken das Konzept ‘Handtuch’ als neuen Aufhänger an, das selbstverständlich einen Haken hat: Das Gebiet mag zunächst etwas trocken klingen. Zugegeben, ist es auch, denn das haben Handtücher so ‘an sich’1. Es ist ihre Funktion im Sinne einer Propensität2 des Trocknens.

Gehen wir also ins Detail:

Schon in der Antike sprach der griechische Philosoph Pluton in seinem Handtuchgleichnis von einem Idealhandtuch. Einer Urform in der Vorstellung, auf die sich alle sinnliche Wahrnehmungen beziehen und der alle Erscheinungen nachgeordnet sind.

Auch zählten in der Antike – neben Ringen, Boxen, Speerweitwurf, Diskuswerfen, Wettlauf, Mikado, Schnickschnackschnuck und “Wer hat Angst vorm Schwarzen Mann”3Handtuchkämpfe zu den neun olympischen Grunddisziplinen. Wie viele Sportarten hat auch diese praktischen Nutzen in der Kriegskunst.

Dies bot Norbert Elias Anlass, im Handtuch ein maßgebliches Mittel der Zivilisierung zu erkennen: Es behielt bis in die heutige Zeit hinein die zivilisatorische Funktion der Bestrafung, Selbstkasteiung und Disziplinierung (Handtuchkampf diente nach Elias als sublimierte Funktion der Gewalt). Bisher übersehen und erst durch den Towel Turn aufgedeckt, sehen wir hier eine indirekte Bezugnahme und Kritik an Marx’ historischer These von den Stiefeln.

Kritik an Elias übte Michel Foucault: Ihm zufolge diente bis in die Disziplinargesellschaften des 18. Jahrhunderts das Handtuch zunächst noch als Instrument der Strafe, wurde aber mehr und mehr durch die neue biopolitische Handtuchpraxis der ‘Hygiene’ verdrängt, die Foucault mit dem Aufkommen der ‘Bevölkerung’ im 18. Jahrhundert in Verbindung bringt.

Einige Vertreter*Innen der Towelpsychologie gingen in der Belle Epoche davon aus, dass das Handtuch zu den Grundbedürfnissen des Menschen gehöre. Wie Alvin Cotton in seinen bekannt gewordenen Feldforschungen in der Sauna feststellte, ist das Handtuch das einzige, was Menschen dort mit hinein nehmen. Er schlussfolgerte, dass eine universelle tiefe melancholische Verhaftung mit diesem Objekt bestehe. Eine Annahme jedoch, die sich mit der Unhaltbarkeit des Konzepts ‘Mensch’ erledigte: “The Cyborg is a creature in a post-towel world.” (Dronna Hairdryway)

Der Philosoph Toweldor Double-U Ahdochnö sprach schon in seinen Arbeiten zur Kultur der Nachkriegszeit von der verschleiernden Wirkung des Handtuchs.

„Die Ersatzbefriedigung, die die Handtuchindustrie den Menschen bereitet, indem sie das Wohlgefühl erweckt, die Welt sei in eben der Ordnung, die sie ihnen suggerieren will, betrügt sie um das Glück, das sie ihnen vorschwindelt. Der Gesamteffekt der Handtuchindustrie ist der einer Anti-Aufklärung; in ihr wird Aufklärung, nämlich die fortschreitende technische Naturbeherrschung, zum Massenbetrug, zum Mittel der Fesselung des Bewußtseins. Sie verhindert die Bildung autonomer, selbstständiger, bewußt urteilender und sich entscheidender Individuen. Die aber wären die Voraussetzung einer demokratischen Gesellschaft, die nur in Mündigen sich erhalten und entfalten kann.“ (Ahdochnö, Toweldor Double-U: Resümé über die Handtuchindustrie. Frankfurt/Oder: Sauerkamp, 1966, S.17)”

Die Handtuchindustrie war wesentlicher Faktor der damals einsetzenden Konsumgesellschaft, die in erster Linie auf die Gestaltung von Freizeit (Hobbies/Aktivitäten/Unterhaltung) des/der Einzelnen abzielte. Beispielhaft sei an den beginnenden Massentourismus erinnert, der nur durch das Bestehen der Handtuchindustrie ermöglicht wurde, die nun begann massenhaft Badetücher für Strandurlauber*Innen herzustellen und ein Gefühl der Pseudoindividualität (“Da wo mein Handtuch liegt, das ist meine Liege!”) zu vermitteln.

Das Handtuch ist also nur ein Produkt der Ideologie: Während das bloße Abtropfenlassen des Geschirrs nach dem Abwasch den Individuen eine größere Autonomie ermöglicht, hat das Abtrocknen als Arbeit deutlich entfremdende Wirkung. Dabei muss ein bereits lange bestehendes Missverständnis aus der Welt geräumt werden: ‘Das Handtuch werfen’ ist ein emanzipatorischer Akt und kein Signal des Aufgebens. Ferner wird in der von der Handtuchindustrie dominierten Welt das Handtuch zum Fetisch schlechthin, auf Grund dessen verschwinden weltweit tagtäglich Handtücher aus Hotels.

Der Fetischcharakter zeigt sich in filmischer Nutzung dieses Gegenstands. Die erotische Aufforderung zum Applizieren eines Handtuchs (“Dry me”), bei gleichzeitigem Reichen dieses kommt sowohl in Blade Runner, als auch Strange Days vor. In beiden Fällen symbolisiert das Handtuch ein Zeichen des Begehrens und zeigt uns somit die Mittelbarkeit allen Begehrens über Zeichen auf;4 da das Begehrte aber immer ein Zeichen ist, haftet jeder Erfüllung, jeden Erlangen des Zeichens etwas unechtes, enttäuschendes an. Beide Szenen spiegeln das, indem sie Situationen der Täuschung sind: In Blade Runner nutzt die Replikatin Zhora durch diese Aufforderung verursachte Verunsicherung der Hauptfigur Deckard, um diesen anzugreifen und zu fliehen. In Strange Days stellt sich die erotische Szene als Erinnerungsaufzeichnung heraus, welche Hauptfigur Lenny Nero der verflossenen Beziehung nachtrauernd konsumiert.

Zurecht wurde die obigen recht einseitigen Sichten auf das Handtuch jüngst einer Kritik unterzogen. Insbesondere wurde an die möglichen nicht-hegemonialen Nutzungspraktiken von Handtüchern (jenseits handtuchindustrieller Normen) erinnert. In Form einer bricolage lässt sich das Handtuch eben auch einfach als lustige Kopfbedeckung benutzen. Wem das noch nicht widerständig genug erscheint, der/die denke an die Möglichkeit, dass sich mit Hilfe von Handtüchern  Molotwococktails bauen lassen.5 (Hier wird die widerständige Bedeutung der Metapher ‘Handtuch werfen’ natürlich um ein weiteres bestätigt)

In jüngerer Zeit bahnt sich eine Neoliberalisierung durch die Haushaltsrolle an, die das Handtuch zu verdrängen droht und damit massiv die Arbeitswelt verändert. Arbeiten wie Putzen, Aufräumen und Abwaschen werden so mehr und mehr zu Angelegenheiten von schnelllebigen Projekten. Nach Erledigung der Arbeit wird das Papier sofort entsorgt. Eine Parallele zur biopolitischen Verbreitung (keimfreier) Papiertaschentücher, die das Stofftaschentuch verdrängen.


1 Oder für die Hegelianer unter uns: ‘für sich’ oder für die Foucaultianer unter uns: ‘Trockenheit wird zu jeweiligen Zeiten immer wieder hergestellt’, also auch nochmal für die Butlerianer unter uns: ‘Trockenheit wird performt’

2 Bigelow, J.; Pargetter, R.: Functions; in: Journal of Philosophy 84 ( 1987); S. 181-197.

3 Unklar und umstritten ist, ob es diese Disziplin zeitgenössich nicht eher “Wer hat Angst vorm Römer” genannt wurde, und es sich hier um einen Übersetzungfehler handelt.

4 vgl. Kapitel II: Butler; Judith 1997: Körper von Gewicht. Die diskursiven Grenzen des Geschlechts. Frankfurt/M: Suhkamp.

5 Die Tatsache, dass der Molotowcocktail entscheidend durch den finnischen Winterkrieg 39/40 geprägt wurde, regt zum re-reading von Alwin Cottons Thesen an, da Finnland ja auch das Land der Sauna ist. (Wird hier also die melancholische Verhaftung mit Handtüchern in Aggression sublimiert, wie Elias sagte?)


Eine Lanze für #6 Bildungsnerdigkeit

18. Mai 2012

“Eine Lanze für … : Hantologische Streifzüge zu totgesagten Konzepten, in theoretischen Abfällen containernd”, Teil 6: Eine Lanze für Bildungsbürgerlichkeit

Humboldt ist im Kontext des preußischen Beamtenstaats zu sehen und die Zeit im Schatten des Kolonialismus. Die Bologna-Reform verwertet gar humboldt’sche Versatzstücke. Der durch Bildung “moralisch imprägnierte” Mensch hat sich so nicht ganz bewahrheitet, ist das Land der Dichter und Denker doch auch jenes der Richter und Henker. Und der Hauptvorwurf: Es handelt sich um ein (u.a.) klassistisches Ideal, benachteiligt es doch Leute, die nicht soviel Posermaterial von zuhause mitbekommen haben. Zudem bieten Schulen und Universitäten Strukturen des Lernens, die die Fordeurng nach “Bildung”, gar “sich zu bilden” – wohlgemerkt, Wissen ist nicht hinreichende Bedingung für Bildung, aber durchaus notwendig – wie Hohn der Zusatzbelastung erscheinen lassen, ein struktuelles Problem individualisieren.

Dies alles kann an dieser Stelle kaum bestritten werden. Wobei, auch wenn Konzepte des “autonomen Individuums” zugunsten einer Berücksichtigung von Subjektivierungsprozessen aufgegeben werden sollte, irgendeine Form von Handlungsfähigkeit anzunehmen wäre schon schön; lohnt sich zumindest das Suchen. Und auch wenn sich die früheren - sie mögen besser gewesen sein, gut waren sie nicht – wie die gegenwärtigen Verhältnisse einen Nimbus der Alternativlosigkeit geben, vielleicht ergibt es doch Sinn, beide nicht kritikfrei zu affirmieren? Nicht zu vergessen, “Sachzwänge” dienen meist als Vorwand für weitaus mehr als sie begründen.

Höchstwahrscheinlich unterkomplex und zugegebenermaßen stark durch persönliche Erfahrungen in einzelnen Fächern verwurzelt, aber das Bildungssystem scheint sich in einer Totalität der Gegensätze “streng überprüfbares ‘Wissen’” und “voraussetzungslos abholen” – Zusammenhänge zur “Theorie/Praxis” Gegenüberstellung nicht ausgeschlossen, hierzu vielleicht später eine Lanze – zu bewegen. (Wie eine Methode aussähe, diese These zu unterfüttern oder woher diese Denkfigur – nämlich das Ganze aus einem binären Gegensatz für ein grundsätzliches Problem zu halten – genau stammt, geschweige denn, wie ein Ausweg aus diesem Ganzen aussähe, ist an dieser Stelle schleierhaft). Und irgendwie scheint dieses Ganze Bärlauch-Dekonstrukte von Honks hervorzubringen (“subjektiviereren”?), die die Grenze vom “newb” zum “n00b” weit überschritten haben.

Das Probelm des Begriffs “Antiintellektualismus” sei an diesem Punkt nur angedeutet. So müßten Thesen abgeschmeckt werden, ob/inwiefern mit psychoanalytischen (btw. strukturell heteronormativen) Theorien Strukturellem Antisemitismus(tm) nachweisen könnten. Nehmen wir es deshalb provisorisch als Versuch, Erfahrungen von Abstraktionsfeindlichkeit und Abneigung gegen Kompliziertes.

Letztlich müssen wir uns ernsthaft die Frage gefallen lassen, wer aus der Wissensproduktionsmaschinerie wie und warum ausgeschlossen bleibt. Und das muß nochnichteinmal “kritisch” geschehen, viele später als wichtige Durchbrüche gefeierte Forschungsergebnisse stammten von eher randständigen (gleichwohl nie wirklich unterprivilegierten) Personen. Leicht mit Bourdieu zu erklären: Wenn Karriere im Betrieb nicht durch Vordertür/Erbfolge möglich ist, müssen sich die Anwärter*innen als revolutionär/originell und bessere Alternative zum Mainstream inszenieren.

Bei allem (z.B.) Klassismus enthält ein Ideal von Wissenschaft die Möglichkeit von Einschreibung in diese Wissensproduktionsmaschinerie. Ihrem Ideal nach komme es nicht an auf die Kunst an zu netzwerkeln/intrigieren/polarisieren, ihrem Ideal nach sollte es nicht um Blenderei gehen; sicherlich, der Eindruck von Kompetenz muß erweckt werden können, aber damit gibt es, Dunning-Kruger sei dank, ein “genug” an Kompetenz, ab dem sich nicht mehr lohnt nach mehr zu streben. Offensichtliche Abweichungen von einem solchen Ideal lassen sich als Defizite des Ideals oder als Defizite seiner Umsetzung betrachten. Auch dann wäre die Frage, wie gutes Denken aussieht; nur den richtigen Standpunkt einzunehmen? “Die normative Kraft des Faktischen” impliziert keine freiere, gleichere, geschwisterlichere Alternative.

Dabei fällt wieder auf, daß einige Konstruktivist*innen ihr privilegiertes “Ich” häufig in scheinbar bewußt subjektiven Aussagen vom Rechtfertigungszwang der Methode befreien, die härtesten Antikonstruktivist*innen aber unfreiwillig ständig demonstrieren, wiesehr Macht und Wissen zusammenhängen. Letztlich könnte der Begriff der “Halbbildung” Dreh- und Angelpunkt sein, wenn sich etwas so nahe an liebgewordenen Orientierungsmustern befindet, daß es sich wahrer anfühlt als der komplexe und häufig ins Diffuse ausdifferenzierte Wissen(schaft)sproduktionsprozeß; Wohlfühlgewißheit.

“Das Halbwissen ist siegreicher, als das Ganzwissen: es kennt die Dinge einfacher, als sie sind, und macht daher seine Meinung fasslicher und überzeugender. –Nietzsche

Doch was beispielweise unter dem Stichwort “Postkolonialismus” (habt ihr hier etwa ahistorisch “critical whiteness” erwartet?) an rassistischen Ausschlußmechanismen zu Tage gefördert wurde geht auf keine Kuhhaut kein Papyrus. Dies nur pars prototo, daß ein Loblied auf die Selbstregulierungsmechanismen des Wissenschaftsbetriebs gänzlich verfehlt wäre; möglicherweise ist dieser ohnehin nicht (mehr?!?) der Ort – und solche Orte sollte es geben -, ein Ideal der “Liebe zur Weisheit” zu praktizieren. Nur – wie lautet die Konsequenz? Ein moralisch begründetes Wissen statt des bildungsbürgerlichen Kanons als Zugehörigkeitsmarker? Sicherlich sollten wir nicht über den letzten Fallstrick des God-Tricks stolpern und eine Aufhebung aller Ausschlüsse doch noch über Standpunkttheorien anzustreben.

Vielleicht sollte Ignoranz nicht gefördert werden. Vielleicht können unterschiedliche Fähigkeiten ohne Wertigkeit und v.a. ohne Zwang zur Angleichung bestehen. Vielleicht sollte Verwertungslogik nicht affirmiert werden, auch nicht mit gutemwillen(tm). Vielleicht sollten auch Räume für Abstraktes und Voraussetzungsreiches (der zur toten Metapher verkommene Begriff “Niveau” wird hier anschaulich) geschaffen werden.

Räume und Lanzen für Bildungs-Nerdigkeit! Ein #flausch für Intellektuelle :)

Fortsetzung folgt


Fussnote

12. April 2012

Kapitel Îḟ1.): Die Arbeiter2.)bewegung


1.) Aufgrund der technischen Kompetenzflexibilität seitens dieses Fachbereichs gelten offene Zeichencodierungen und Schreibwerkzeuge als Täuschungsversuch.

2.) Da die maßgeblichen lesenden, nämlich die benotenden Prüfer alle männlich identifiziert sind, wird zwecks besseren Ergebnisses und Diskussionsverminderung das generische Maskulinum verwendet. Andere können sich beim Lesen aber gerne mitgemeint fühlen.


Bildung für alle und zwar umsonst

21. März 2012

Bildungs(bürgerliche) Ideale sind wie der Leninismus: War einen Versuch wert, aber schiefgegangen.


Fortschritt? Welcher Fortschritt?!?

17. März 2012

Im Anschluß an Feine Atheisten mal wieder und kfermions Replik hat sich eine ausführliche und interessante Debatte entwickelt. Zum Thema “Fortschritt” kann dieser Artikel ohnehin nur die Nachlese zu drkulturs Beitrag – dem hiermit hehre Erklärbären-Ehren verliehen werden – betreiben, unternimmt das alleine schon, um außerhalb der Kommentare auf gute Beiträge in jenen hinzuwiesen.

Technischer Fortschritt, was soll das sein? Ein überhistorisches Fortschrittskriterium, welches von Soziokulturellem – wie etwa ortzeitlichen Vorstellungen – vollkommen unabhängig ist?!? Was unter “Fortschritt” verstanden wird ändert sich im Zuge des Fortschritts – der Fluß ändert häufiger mal seine Richtung -, insofern hat der Begriff etwas Zirkuläres. Aber nehmen wir an, es könnte ein Set von Kriterien geben. Nahezu jeder Formalismus läßt sich hacken, wer entscheidet, wo er legitim zutrifft?

Probieren wir das an kermions Kriterium “möglichst viel mit möglichst wenigen, allgemeinen Annahmen zu beschreiben”. Fundichristliche Flitzpiepen würden darauf bestehen, ihr Glaube tue genau das, Discodier schlügen vor: “a&¬a, daraus können wir alles folgern”. Sicherlich, beide sind Spielverderber – letztere wenigstens mit Genuß -, aber wer entscheidet das? Wer ist d* neutrale Schiedsrichter*in – eben jenes modest_witness -, dessen Standpunkt Objektivität verbürgt? [Anm.: In erster Vorlage habe ich versehentlich nicht gegendered - bezeichnend]

Sicherlich können wir Kriterien angeben, nach denen es sowas wie “Fortschritt” stattgefunden habe. Einige klingen auch recht allgemein, z.B. Erweiterung der Möglichkeiten; doch bleiben das Kriterien des hier und jetzt und die Diskutant*innen wir. Wie ein Parlament mit allen verganenen Wissenschaftler*innen in Fortschrittsfragen entscheiden würde [Fleck: Erfahrung und Tatsache S.132], wäre auch mal ein schönes Szenario für einen Artikel.

Und da wir nicht aus dem Äpfel mit Birken vergleichen herauskommen, wie ist der Zusammenhang zwischen wissenschaftlich-theoretischem und technischem Fortschritt? Kompliziert! Spätestens hier kommen wir aus dem Kontext und also den soziokulturellen Bedingungen des s.g. “Fortschritts” nicht mehr heraus. Von Holzwegen wie Kern(spaltungs)kraft oder Quecksilberbirnen [Anm.: Terminus Technicus "Kompaktleuchtstofflampen"] will ich gar nicht erst anfangen. Da sich bösesachen(tm) mit dem – durchaus Möglichkeiten eröffnendem – Chip des neuen Personalausweises machen lassen, läßt sich dieser nicht mehr als Pfand erwenden, er verliert durch “technischen Fortschritt” diese Möglichkeit.


Political Ambiguity, Explicit Sarcasm Ganz plattes/plattmachendes Beispiel: Was macht eine Waffe fortschrittlich? Die Anzahl der potentiell getöteten? Dann wäre die Tsar-Bomba immernoch Gipfel des menschliches Fortschritts gewesen. In derzeit geführten Kriegen kommen aber die meisten durch Kleinwaffen um und – Beispiel gibt’s genug, nehmen wir mal den Klassiker – Kriege werden offenbar nicht zwangsläufig durch Hightech gewonnen. Selbst wenn wir abstraktere Überlegungen – wie Vorteile eines Schwertes, wenn die Munition ausgeht – ausblenden und sagen, heutige Gewehre seien besser als jene von vor 50 Jahren – Inwiefern? Sicherlich nicht das Aussehen, die Grüßaugusttruppen der BRD nutzen immernoch das Mauser 98. Gewicht? Stopping Power oder Durchschlagskraft? Reichweite? Wartungsaufwand und Zuverlässigkeit? Munitionsmenge? Preis? Das und mehr spielt eine Rolle und was wir als “Fortschritt” beschreiben könnten, sind nicht nur immer neue Mischungen aus solchen Kriterien, sondern auch neue Anforderungen, etwa durch Studien, was in vergangenen Kämpfen genützt habe (siehe etwa). Welche Waffe jetzt die richtige ist hängt ohnehin von äußeren Faktoren ab, z.B. wo wird gekämpft, was nutzen die Gegner*innen (Waffen, Schutzwesten, …), wie trainiert sind die eigenen Leute, welche Möglichkeiten bestehen zu Nachschub/Wartung. Allgemein werden Kriege nicht kontextfrei geführt.

Ganz interessantes Beispiel: US Soldat*innen nutzen seit 1964 Gewehre mit 5.56×45 Munition (BRD seit 1997); nun scheinen s.g. “aufständische” in Afghanistan sich die Grenzen der Reichweite und Durchschlagskraft dieser zu Nutze zu machen (siehe). Dabei fällt gerade bei der Bundeswehr auf, außer bei Gewich, Größe und Munitionsmenge hatte das alte G3 bessere Daten als das aktuelle G36, umgekehrt wurde am (ursprünglichen) G36 kritisiert, daß es keine einfache Alternative wie Kimme-Korn zu den optischen Zielhilfen hatte (es also ein Problem ist, wenn der rote Zielpunkt nachts zu hell ist, die Optik beschlägt oder zerkratzt). Gelände, Ausrüstungen und Taktiken beider Seiten – das alles bestimmt offenbar wie nützlich eine Waffe ist. Sprich: Es bestimmt der Kontext; der aber wiederum u.a. von der Waffentechnik mitbestimmt ist. Eine einfache oder formal-quantitative Lösung für ein fortschrittliches Gewehr (“die Gewehrformel”) werden wir deshalb wohl nicht finden.

Wer ahnt, dies arbeitet auf die Pointen hin, daß die Kalaschnikow (1947!) verbreitetste Kleinwaffe bleibt und daß Menschen (vielleicht auch andere Tiere) immer besser umlegen zu können gar nicht so fortschrittlich sei: Laaangweilig!


Auf noch übleres Terrain begeben wir uns, wollten wir mit Ähnlichkeiten in geschichtlichen “Entwicklungen” (noch ein furchtbares Bild, als stünde die Geschichte schon aufgewickelt bereit) vorherbestimmte Fortschrittsrichtungen belegen. Nicht nur, daß bereits die Seidenstraße ein Teil Globalisierung war, abgeschlossene “Kulturkreise” also wohl eher ein Mythos sind, solch eine Fortschrittsannahme droht auch wiederum ins Zirkuläre abzurutschen, nämlich Fortschrittlich als genau das zu definieren, was uns ähnlich (und überhaupt relevant) erscheint. Schlimmer noch, diese Sicht produziert ihr Anderes: “Völker ohne Geschichte”.

Eine These aus “feine Atheisten mal wieder” war – recht adornitisch -, (neo)positivistische Methoden – Sir Karl großzügig subsummierend – hätten die Tendenz, das Bestehende zu affirmieren. Den Fortschrittsbegriff einzuführen hat dies noch erweitert: Das gilt auch für die (je gegenwärtige) Zukunft. Insofern ist vergangene (uneingetretene) Zukunft etwas extrem Spannendes.


Feine Atheisten mal wieder

4. März 2012

Mal wieder ein nettes Fundstück in der Soup aufgetaucht mit dem Text “Water is two parts hydrogen and one part oxygen. What if someone says, ‘well, that’s not how I choose to think about water.’?”

Also – Advocatus Diaboli; oder eher Advocat* Erisis – versuchen wir es mal. Ich – modest_witness – lasse mich nicht mit “anders sehen oder nicht” abspeisen, sondern messe Massen, lasse reagieren (nein, liebes LKA, nur ein Gedankenexperiment), danach werden die ergebisse berechnet und wir stellen empirisch fest: Wasser ist ein Teil Sauerstoff und 0,126 Teile Wasserstoff …

-Wissenschaftsphilosophie-


Honktheorie #3 (Hochschulabsolvent*Innen)

28. Januar 2012

Fortsetzung zu Honktheorie der Wissenschaftsentwicklung und Honktheorie #2 (ein praktischer Vorschlag)

Einer Redensart zufolge sind Honks “Hauptschüler ohne nennenswerte Kenntnisse”.1 Da die Kulturelle Praxis in ihrer typisch akribisch-investigato-genealogischen Manier aber bereits aufklärte2, dass es sich um sog. Expert*Innen handelt, muss gefragt werden, ob diese Redensart, dem – der Subjektform “Expert*In” zugrundeliegenden – Ausbildungs-/Dressur-/Kontrollkomplex3 Hochschule gemäß, nicht umgeschrieben werden müsste in

“Hochschulabsolvent*Innen ohne nennenswerte Kenntnisse”

a.k.a.

“Hochschulabsolvent*In: optimal netter Karriereschritt”


1 Die vermutliche Herkunft vom englischen “honky” = “Weißer” hier etwas verzerrend; gleichwohl auch jene Genealogie etwas abgewonnen werden kann, nicht nur korreliert Honkigkeit häufig mit weißseien, es beinhaltet auch meist ein Schwimmen im Unmarkierten.
2 “aufgeklärt” hier im Verständnis eines 2nd order [and a half] enlightments
3 Ja, was ist eigentlich die Uni?


Haben US-amerikanische Physiker eine spektakuläre Quanten-Zeitreise-Matrix entwickelt?

21. Januar 2012

Gastbeitrag von Alwin Talmess

wissenschaftlich aussehendes Bild

(kp/Hamburg) Seit Albert Einstein zählt die Relativitätstheorie als Schlüssel zu einem der größten Rätsel der Menschheit. Nun gelang es Forschern am MIT mit einem verblüffenden Experiment, Erkenntnisse aus Hirnforschung und Nanotechnologie zu kombinieren, um mithilfe eines Lasers Antiprotonen in einer Art Wurmloch für mehrere hundert Attosekunden unsichtbar zu machen. “Die Idee, eine derartige Singularität im Labor herzustellen, hatten wir bei der Analyse der Flugdaten kosmischer Tauonen”, erklärt der Leiter der interdisziplinären Arbeitsgruppe, Neil Grasse deTyson. “Diese gelangen von weit entfernten Pulsaren mit annähernd Lichtgeschwindigkeit in unsere Galaxis und damit zu uns auf die Erde.” Die Heisenberg’sche Unschärferelation besage dann, so deTyson weiter, dass sich die enorm energiereichen Leptonen ähnlich wie in der Nähe elektromagnetisch geladener Schwarzer Löcher verhalten. Die Teilchen wurden mit einem 150 Millionen Dollar teuren supraleitenden Deltaband-Plasma-Spektrometer nachgewiesen. Folgende spektakulär aussehende Formel

beweist im Zusammenhang mit dieser Skizze des Experiments

dass die Entropie der Teilchen niedriger ausfällt als es die Boltzmann-Gleichung nahe legt. “Wir müssen uns das ganze so vorstellen wie bei einem Film,” erklärt deTyson, ” dort sehen wir in sekundenbruchteiligen Abfolgen einzelner Bilder, die uns Informationen liefern und uns als kontinuierlich ablaufendes Ereignis erscheinen. Zwischen den einzelnen Bildern ist aber in Wirklichkeit eine Zeitlücke, die wir nicht wahrnehmen. Diese Lücke bietet uns keine Shannon-Information, es passiert nichts. Ähnlich verhält es sich bei unserem erzeugten Effekt. Die von uns nachgewiesenen Teilchen füllen diese künstlich erzeugte Lücke.”

eine berühmte Zeichnung von Da Vinci

Die Teilchen könnten die Antwort auf ewige Fragen der Physik liefern. Die Arbeitsgruppe geht davon aus, dass sie Auslöser des Big Bang gewesen sind. Mit Hilfe verfeinerter technischer Möglichkeiten ließe sich der erzielte Laboreffekt sogar noch vergrößern und praktisch nutzbar machen: “Wir können nicht ausschließen, dass uns diese Technologie in Zukunft helfen wird, die großen Probleme der Menschheit wie Überbevölkerung, AIDS, den Unterschied zwischen Mann und Frau oder den Klimawandel zu lösen”, so deTyson.

Wissenschaftliche Studien hatten schon vorher gezeigt, dass Dunkle Materie den selben statistischen Gesetzmäßigkeiten wie das ideale Kelvon-Thompson-Gas in fraktalen Dimensionen unterliegt. DeTyson: “Dieses unglaubliche Verhalten ließ uns erst sogar vermuten, wir hätten es mit einer außerirdischen Intelligenz zu tun. Es stellte sich aber heraus, dass dieses Verhalten schon Ende des letzten Jahrtausends in der Chaostheorie bekannt war.”

Als kommendes Projekt der Arbeitsgruppe ist die Entwicklung einer Zeitmaschine geplant. Das MIT bietet 10 Mio $ für eine freiwillige Testperson, die ins Jahr 1933 zurückgeschickt wird und es schafft Hitler umzubringen.


Diskursive Kampftechnik

26. Dezember 2011

Den Spieß umzudrehen bricht noch keine Lanze


Platzordnung

7. Dezember 2011

Fortsetzung zu Schunddruck und Meisterwerk

Mit Odradek

Gestern stellte ich den Marx zurück ins Bücherregal. Was passierte? Nun, Engels klopfte ihm freundschaftlich auf den Buchrücken, alle Hegel-Bände drehten sich plötzlich vom Kopf auf die Füße, die Nietzsche-Ausgaben schüttelten sich, Foucault-Bücher gingen auf Distanz und Derrida-Monographien drohten, den Buchrücken (oder gleich das ganze Regal) zu dekonstruieren, ein Althusser-Buch versuchte ihn noch einmal zu lesen und Cultural Studies-Aufsätze probierten ihn umzudrehen, ein Bourdieu-Schmöker stampfte im Morsecode, vehement fragend, ob das jetzt wirklich “Klasse” sei (eine Williams- und eine Thompson-Monographie morsten einstimmig zurück “Nein”), Werke Adornos sprangen drei Regalbretter nach unten in nächste Nähe (auf halber Strecke freundlich der Psychoanalyse-Abteilung zunickend), versuchten dabei die Lenin- und Maobibeln sowie die Brechttexte aus dem Regal zu schubsen. Jene wiederum blieben an Marx hängen, wurden der Form des Buches aber nicht wirklich gerecht (ihn hat ja auch nie jemand gefragt). Adam Smith fiel übrigens hinter das Regel.

Was war passiert? Marx’ Gespenster waren wohl doch ein Poltergeist …


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