Mit Bulduin
“Der Mittler zwischen Hirn und Hand ist das Herz” – “Und Schriftsteller sind Ingeneuere der Seele”
Mit Bulduin
“Der Mittler zwischen Hirn und Hand ist das Herz” – “Und Schriftsteller sind Ingeneuere der Seele”
Kleine Ergänzung:
Vielleicht können wir von der antiken Philosophie lernen, die (zumindest anekdotisch überliefert *hüstel*) scheinbar etwas konsequenter philosophische Debatten zu lösen versuchte.
- Hippasos wurde für die Formulierung der irationalen Zahlen von Pythagoras aus dem Weg geräumt.
- Sokrates (ja, der hervoragende Fußballer! Oops, gemeint ist hier) wurde auf Grund seiner ethischen Haltung vergiftet.
- Archimedes soll nach der Eroberung von Syrakus dem römischen Soldaten, der ihn festnehmen sollte und ihn gerade beim Zeichnen geometrischer Figuren im Sand störte, zugerufen haben: Noli turbare circulos meos (Störe meine Kreise nicht!), worauf dieser Archimedes erschlug. (Wir erkennen hier übrigens die Urszene aller (Schulhof-)Rivalitäten zwischen Nerds und Bullies.)
Das Treitschke-Institut präsentiert
Gefördert vom Carrer Center der Bundeswehr
Einen Film von Schwarz-Rot-Gold Productions
Gaucks einsame Entscheidung
Wer träumt nicht bisweilen davon, die Geschichte zu redigieren? Wer will nicht bisweilen vergangene Niederlagen mit künftiger Stärke auslöschen. “The Final Countdown” war Balsam auf die US-Amerikanische Volksseele nach Durchsickern von Kriegsverbrechen und v.a. der Niederlage im Vietnam-Krieg: Im zweiten Weltkrieg waren es doch noch so einfach und klar.
An diese Gefühlslage wollen wir anknüpfen. Unsere Geschichte beginnt in der Lüneburger Heide. Das kampfstärkste Truppenverband in der Geschichte der Bundeswehr zieht unter den Augen des Bundespräsidenten ins Manöver. Doch die Gruppe inkl. Beobachter gerät in einen Zeitstrudel und landet im Zweiten Weltkrieg.
In atemberaubender Spannung berät der Präsident mit dem Führungsstaab. Die Offiziere meinen, als deutsche Soldat*n müßten sie für Deutschland kämpfen, doch dann hält Gauck – gespielt von Bruno Ganz – eine moralische Rede vor wehender Deutschlandfahne (welcher auch immer), daß sie für ein anderes Deutschland einstehen müßten. Ein Deutschland, das nützliche Ausländer akzeptiert, ein Deutschland, das aus den Niederlagen gelernt hat: Nie wieder Krieg ohne hinreichend verbündete. Ein Deutschland, das dieses mal moralisch wirklich überlegen ist, weil es sich wie kein anderes Land an diese Vergangenheit erinnere.
Tatsächlich hat einer der Offiziere Militärgeschichte studiert und so ist es dem Trupp ein Leichtes, in hochgradig heldenhaften Handstreichmanövern die Wehrmacht (human, im Abspann wird nocheinmal darauf hingewiesen, daß der Film den Verfassungsschutz-Richtlinien entsprach und keine Nazis zu Schaden kamen) außer Gefecht zu setzen.
Dann droht neues Unheil, Bomber fliegen gen Dresden! Und so bohrt die Bundeswehr eiligst Brunnen, diese Stadt zu löschen.
Doch da begreift Gauck, der aus dem Osten anrückende Kommunismus ist ja viel totalitärer als der Nationalsozialismus! In nächtelangen Verhandlungen schafft er es, die Altnazis zur Mitarbeit zu bewegen, sie bekommen Informantengehälter. Am Bündnis beteiligen sich auch die Großbanken – die Übergabe des symbolischen Schecks erfolgt mit den Worten “Ihr hättet das Gleiche für uns getan und könnt es uns in 70 Jahren zurückgeben, wir nehmen auch gerne Griechenland”. Unsere Helden, die unsichtbare Hand des Marktes jetzt auf ihrer Seite, ziehen siegessicher zur letzten Schlacht. Es folgt eine Widmung an all die Helden, welche gegen Extremistische Ideen kämpfen.
Am Ende erläutert Knopp die “historischen” Hintergründe: Durch diese Nazis wurde auch die historische junge Bundesrepublik zu dem was sie war – laut Merkel einer funktionierenden Demokratie -, bis die stasi-gesteuerte 68er Revolte das Idyll und dabei auch die Familie zerstörte.
Am Ausgang des Kinos stehen Rekrutierungsstände der Bundeswehr zur Verfügung, wer sich vorher mustern läßt bekommt ermäßigten Eintritt.
Mit Balduin
Viel wurde über angeblich verkürzte Zitate Gaucks geschrieben. Frei – d.h., ein wirklich verfälschtes Zitat – nach Pispers: “[Gauck] zitiere ich ja am liebsten wörtlich, ich hab noch keine bessere Möglichkeit gefunden [ihn] zu beleidigen.”(1)
“Wir stellen uns nicht gern die Frage, ob Solidarität und Fürsorglichkeit nicht auch dazu beitragen, uns erschlaffen zu lassen.“ (2, 3, 4, 5)
Wohlgemerkt: Dies ist keine Von-Schnitzler-Erfindung über den bösen, kapitalistischen Westen, dies ist ein Zitat des designierten Präsidenten der BRD. Die Tabubrecher*innen der Kulturellenpraxis wagen es, wir stellen uns diese(r) Frage: “[E]rschlaffen” ist eine Körpermetapher – nie wieder Volkskörper! – und das abstrakte “erschlafffen” eines arbiträren “uns” gegen konkretes Leid aufrechnen zu wollen läßt sich kaum mit Menschenwürde/-rechten vereinbaren, Prekarisierte leiden unter einer weitaus höheren Arbeitsbelastung als Privilegierte(tm). Die Antwort lautet also eindeutig
QUATSCH MIT SAUCE!
Matussek entdeckt, daß es sich eigentlich um einen katholischen Anschlag handelte und läuft künftig als Fawkes herum. Btw.: Gehört der Katholizismus nach Deutschland – dann hätten wir nur ein Integrationsproblem – oder sollten wir diese potentiellen Attentäter in den Vatikan abschieben, wo sie hingehören?
Indessen klärte sich ein Geheimnis am Ende des Films auf: Ein Sprecher von Heckler und Koch räumte nun offiziell die Existenz einer Guy-Fawkes-Sperre ein. Mit Enfield L85 Gewehren hätten nämlich höchstens Ladehemmungen ein Massaker verhindern können. Die hier verwendete Exportvariante des HK50 wurde also nicht zufällig von “G36E” in “G36V” umbenannt, sie kann – so ohne Jailbreak – nicht auf Leute mit derartigen Masken feuern, welche die Bundeswehr in geheimen Lagern vorrätig hält. Bei Lieferengpässen durch Occupy und Annonymous wurden solche allerdings an Zivilfahnder als Amtshilfe ausgegeben. SSchäuble nutzte diese Gelegenheit, um erneut Bundeswehreinsätze im Inneren zu fordern.
Damit sind Annahmen widerlegt, daß die Wahl der Waffen dem Fundus der Babelsberger Studios oder Schleichwerbung geschuldet sei oder der Film gar davon ausginge, daß in einer derartigen Situation alle von Gewalt abstand nähmen.
Jedes Fach sollte ein Äquivalent zu den Bruce Schneier Facts (welche neben den Vin Disel Facts von den Chuck Norris Facts inspiriert waren) haben, das Treitschke-Institut fühlt sich irgendwie berufen, solche für die Historiker*innenzunft anzubieten:
Die Humboldt-Box funktioniert wie eine Black Box: Was darin vorgeht, darüber dürfen wir nicht sprechen. Es handelt sich eigentlich um ein postmodernes Kunstwerk, uns aufzuzeigen, daß es immer besser ist ‘outside the box’ zu denken.
Aus aktuellem Anlaß
Es ist ja immer interessant, wenn gestandene Nerds/Geeks nach eigenen Standards gemessen sich wie n00bs aufführen; v.a., wenn es um “Gender” geht – bereits an häufiger und prominenter Verwendung dieses Wortes sind die Laien zu erkennen.
Wenn CCC-Lautsprecher Fefe also mit diesem Thema kommt, packen viele gleich ihr Popcorn aus. Doch dieses mal gibt es Grund zu bangen: Er äußert sich gegen inkohärente1 Rants. Aber keine Angst, mit #genderifizierung wird gleich ein schöner Neusprech-Kampfbegriff geprägt. Den Stein des Anstoßes – ein Indymedia Artikel – zu verlinken war unnötig, er wird bereits durch dessen unmögliche Forderungen desavouiert: u.a. “Gegenderte Folien”.2
Sicherlich, der Indymediaartikel ließe sich googlen. “Balls of Steel” – die Wendung, um die es Fefe eigentlich ging, Alternativen zu suchen – btw. auch. Es scheint ein Duke Nukem Zitat zu sein; gleichwertiger nichtsexistischer Ersatz wird also schwer. Doch nach dieser Seite bezeichnet diese Redewendung “extreme nerve”. “Nerves of steel” wäre zu naheliegend, gerade bei Bloggern, die noch von “klassischer Mechanismus des menschlichen Gehirns”3 schreiben.
1 D* philosophische Leser*in fragt sich natürlich sofort, ob Kohärenz wirklich definierbar ist und ob logische Argumente zwangsläufig gute sind …
2 Nochmal für den – selbsterteilten – Bildungsauftrag: Sprache bildet nicht ab, Sprache ist nicht unveränderlich. D.h. hier “Feste Redewendung” ist kein Argument, “generisches Maskulinum” ist kein Argument, sprachliche Gewohnheiten sind nicht wichtiger als die mit ihnen reproduzierte Ideologie. Und wem geschlechtsneutrale Formulierungen intellektuell zu anspruchsvoll sind, möge – so herzlich mitmeinen ok oder sowas ohnehin egal sei – generisches Femininum verwenden. Besonders schön ist zuguterletzt das Nachschlagargument, es sei aber eine Frau damit bezeichnet worden – 23-400 (wir definieren 23-450 := “Aber die waren ja mitgemeint).
Nachtrag: Zu geschlechtergerechter Sprache siehe hier (thx, ihdl), hier und (audio, anekdotischer) hier
3 hier
Fortsetzung zu Schunddruck und Meisterwerk
Mit Odradek
Gestern stellte ich den Marx zurück ins Bücherregal. Was passierte? Nun, Engels klopfte ihm freundschaftlich auf den Buchrücken, alle Hegel-Bände drehten sich plötzlich vom Kopf auf die Füße, die Nietzsche-Ausgaben schüttelten sich, Foucault-Bücher gingen auf Distanz und Derrida-Monographien drohten, den Buchrücken (oder gleich das ganze Regal) zu dekonstruieren, ein Althusser-Buch versuchte ihn noch einmal zu lesen und Cultural Studies-Aufsätze probierten ihn umzudrehen, ein Bourdieu-Schmöker stampfte im Morsecode, vehement fragend, ob das jetzt wirklich “Klasse” sei (eine Williams- und eine Thompson-Monographie morsten einstimmig zurück “Nein”), Werke Adornos sprangen drei Regalbretter nach unten in nächste Nähe (auf halber Strecke freundlich der Psychoanalyse-Abteilung zunickend), versuchten dabei die Lenin- und Maobibeln sowie die Brechttexte aus dem Regal zu schubsen. Jene wiederum blieben an Marx hängen, wurden der Form des Buches aber nicht wirklich gerecht (ihn hat ja auch nie jemand gefragt). Adam Smith fiel übrigens hinter das Regel.
Was war passiert? Marx’ Gespenster waren wohl doch ein Poltergeist …