“Hamburg übernimmt auch gerne die dümmsten Trends aus Berlin”, dachte ich mit Blick auf teure Dauerbaustelle der Elbphilharmonie, unterwegs heimwärts auf die Insel. Bekanntlich leidet Hamburg an Schlossneid. Nahe Landungsbrücken – zwischen Tourihorden und Österreichfahnen – hängen jetzt auch für queerlesende schnell als Lovelocks identifizierbare Vorhängeschlösser. Furchtbare Symbolik.
Ob nun den Lockpickingkompetenten in dieser Stadt normativitätskritisches Unbehagen an soetwas fehlt oder sie Sancznys Argumente so überzeugend fanden, bleibt ungeklärt. Doch keine voreiligen Schlüsse. Handelt es sich hier wirklich um ein hetero- und mono-normatives Ritual?
So kam es zu einer seltenen Verbindung aus der Quantifizierungswut meines Nebenfaches Psychologie und Neugier, durch welche ich mich entschied, statt des Alten Elbtunnels eine Fähre für die Heimfahrt zu nutzen – btw. sehr empfehlenswert – und die Wartezeit zählend zu nutzen.
Die Methode
Positivistischer Methodik ist leider ein Zug ins Affirmative inhärent, also schrieb ich Namen auf den Schlössern wenn möglich eines von zwei Geschlechtern zu. Unleserliche oder (vel) nicht problemlos zuordbare Namen, sowie unbeschriftete Schlösser wurden als “ungeklärt” gelistet.
Das Ergebnis:
Heten: 30
Homo: 2 (jeweils weiblich identifizierten zuschreibbare Namen)
Ungeklärt: 17
Zwei Zusammengefügte Schlösser: 1
Schloss mit vier Namen (teils nicht eindeutig geschlechtlich zuordbar): 1
Die Auswertung:
Es gibt also auch andere kreative Methoden als Lovepicking, hetero- und mono-normative Momente an dieser Unsitte zu durchkreuzen; wobei fragtlich bleibt, wieviele sich diese dinger so genau ansehen. Zu hoffen wäre, daß – u.a. – damit dauerhaft der bereich der denkbaren Beziehungsformen erweitert werden kann.
Doch viel interessanter scheint die Frage, was dennoch unsichtbar bleibt; vielleicht sogar noch unsichtbarer wird. In diesem Fall läßt sich vergleichsweise einfach - auf die Gefahr hin, daß Spatzen und Kanonen aufeinander zu schießen beginnen – ein Beispiel finden: Beziehungslosigkeit. Nur ist das auch wieder so eine üble Gegensatz- und Sammelkategorie, mir fielen spontan Unterteilungen in Asexualität, Incel und Enthaltsamkeit ein, d.h., mir werden noch massenhaft andere entgangen sein; könnte interessant sein, sich darüber zu informieren. Bereitschaft dazuzulernen und hinter den Kollateralschäden der eigenen Bewegungspolitiken aufräumen mag ein viel zu seltener gemachter Anfang sein; aber ist das genug?
D.h., die Frage bleibt: Wie schaffen wir es, nicht nur die Enge eines “uns”(tm) zu konstruieren und für den Lebensstil dieses “uns”(tm) und evtl. unserer Freund*innen/Verbündeten zu kämpfen? Diese Frage nicht loszuwerden nenne ich “queer”.
Verfasst von Odradek