Bubble Tea

7. April 2012

Aus der Reihe “kfermion entdeckt die Welt

An der Ecke, gleich neben der Schule, hat ein neuer Laden aufgemacht, in welchem ein Getränk namens “Bubble Tea” verkauft wird. Mir persönlich ist es ja suspekt, wenn einem Lebensmittel ein englischer Name aufgezwungen wird, da das den Eindruck erweckt, eine deutsche Bezeichnung wäre entweder treffend oder verharmlosend. Blasentee ist es jedenfalls offenbar nicht, wird er doch vorzugsweise von Teenagern mit Zahnspangen und unvorteilhaft dosiertem Makeup im Gesicht getrunken anstatt von braungekleideten Senioren in den Achtzigern. Aber was ist es dann?

Ich entscheide meine Wissenslücke zu schließen, und gehe mir einen Bubble Tea kaufen; Geschmacksrichtung Waldmeister, “Topping” Mango Boba; Größe Large. Ich bekomme 700 ml grüner Flüssigkeit in einem zugeschweißten Plastikbecher, mit orangefarbenen Kügelchen (Durchmesser ca 8 mm) im unteren Fünftel (also strenngenommen “Bottoming”) und Eiswürfeln darin. Der Spaß kostet 4,10 Euro. “Treuekarte?” fragt der Verkäufer und reicht mit eine Karte mit zehn Stempefeldern, das erste ist ausgefüllt. “Nein, danke.” – “Ach, nicht aus dieser Stadt.” Äh … genau. Er deutet mir noch an, dass ich den Strohhalm, den ich mir nehmen soll, kräftig in die obere Folie des Bechers stoßen muss.

Auf der Folie ist eine niedliche Figur abgebildet, die ich als Manga-Figur bezeichnen würde, wenn die umgebenden Schriftzeichen nicht chinesisch wären. Ich ramme den Strohhalm, Durchmesser 11,5 mm, durch das Herz der Figur direkt in das grüne Gesöff. Es ist einfach kalte Waldmeisterbrause ohne Kohlensäure, möglicherweise tatsächlich mit einem kleinen Anteil an grünem Tee. Obwohl ich das distale Strohhalmende günstig positioniere, verirrt sich nur von Zeit zu Zeit eine “Mango Boba” in meinen Mund. Die Bubbles sind unerwartet weich und entgleiten bei dem Versuch, sie mit den Backenzähnen zu zerbeißen. Sie müssen also an vier Seiten fixiert und zerquetscht werden, wenn pers allerdings die beiden Schneidezähne, Gaumen und Zungenspitze nimmt, besteht das Risiko, den Inhalt der Bubble durch die Lippen auszuspucken. Das ist sehr frustrierend. Die Blasen bestehen aus dünnem Sirup in einer Haut, die sich wie Plastikfolie anfühlt, aber anscheinend verdaulich ist. Während ich gegen die Bubbles kämpfe, mustern mich die Passant*en neugierig. Ich versuche, in etwa dieses Gesicht zu ziehen.

700 ml Waldmeisterflüssigkeit später sind noch immer die meisten Bubbles am Boden des Bechers; sie mit dem Strohhalm einzusaugen ist weitgehend aussichtslos. Ich reiße also die ganze obere Folie ab und schütte mir die Bubbles pur in den Rachen, als erstes kommen natürlich die verbliebenen Eiswürfel. Die Bubbles schmecken fast nach nichts.

Aber ich kann vielleicht den Strohhalm mal gut gebrauchen.


Platzordnung

7. Dezember 2011

Fortsetzung zu Schunddruck und Meisterwerk

Mit Odradek

Gestern stellte ich den Marx zurück ins Bücherregal. Was passierte? Nun, Engels klopfte ihm freundschaftlich auf den Buchrücken, alle Hegel-Bände drehten sich plötzlich vom Kopf auf die Füße, die Nietzsche-Ausgaben schüttelten sich, Foucault-Bücher gingen auf Distanz und Derrida-Monographien drohten, den Buchrücken (oder gleich das ganze Regal) zu dekonstruieren, ein Althusser-Buch versuchte ihn noch einmal zu lesen und Cultural Studies-Aufsätze probierten ihn umzudrehen, ein Bourdieu-Schmöker stampfte im Morsecode, vehement fragend, ob das jetzt wirklich “Klasse” sei (eine Williams- und eine Thompson-Monographie morsten einstimmig zurück “Nein”), Werke Adornos sprangen drei Regalbretter nach unten in nächste Nähe (auf halber Strecke freundlich der Psychoanalyse-Abteilung zunickend), versuchten dabei die Lenin- und Maobibeln sowie die Brechttexte aus dem Regal zu schubsen. Jene wiederum blieben an Marx hängen, wurden der Form des Buches aber nicht wirklich gerecht (ihn hat ja auch nie jemand gefragt). Adam Smith fiel übrigens hinter das Regel.

Was war passiert? Marx’ Gespenster waren wohl doch ein Poltergeist …


Critical Boot Studies #2: Märchen

29. Oktober 2011

Beginnen wir die Kritischen Stiefelstudien germanistisch mit dem gestiefelten Kater. Nun ja, fraglos ein ganz grimmiger und sicherlich gleich dem Kapitalisten zur Seite zu ordnen. Er trug zur fortschrittlichen “Entzauberung der Welt” bei, indem er durch einen hinterlistigen Trick einen Magier verspeiste und damit dem armen Müller ein Leben in Reichtum und einen prestigeträchtigen Platz in der patriarchalen Matrix sicherte.
Siebenmeilenstiefel, ein weiteres Märchenmotiv, das die gnadenlose Mobilitätsanforderung der neoliberalen Optimierung des Kapitalismus vorwegnimmt.


News, News, News

19. Oktober 2011

Mit drkultur

Kaum geschieht eine bestimmte Art von medienwürdigen Verbrechen, steht die Täter*Innengruppe schnell fest. Faktenfreies Profiling gewissermaßen (gibt es ein Anderes?). Das beste Beispiel war eine mustergültige Blamage: Bei Breiviks Anschlägen zunächst Islamist*n verdächtigen. Oder Sachbeschädigung – brennende Kraftfahrzeuge, Bahnanschläge (mit zünderlosen Getränkeflaschen) – durch “Linksterrorismus”; unsere Leser*Innen wissen es besser. Zuguterletzt müssen Schulamokläufe grundsätzlich mit Computerspielen, evtl. noch Inet, früher einigen Musikstilen zu tun haben. Nicht zu vergessen homophobe oder sexistische Übergriffe als “migrantisch” zu othern (siehe z.B.).

Wir folgern, wie die ultimative Anschlagsmeldung aussieht:

Computerspielsüchtiger linksextremer Islamistennazi fährt mit brennendem Charlottenburger Auto in einer jüdischen Mädchengrundschule in der Kabuler Innenstadt Amok.


Geschichte der Freistempler

24. Juli 2011

In der Poststelle entdeckte ich heute einen Karton mit der Aufschrift “Freistempler“. Da mir dieses Wort vorher noch nie untergekommen war, ging meine Phantasie (wie üblich) mit mir durch, was ich in dem Karton vielleicht finden würde: Die geheime Chronik der Freistempler? –

Der Orden der Freistempler wurde 1420 oder 1421 als geistlich-humanistischer Bund steinmetzender Ritter gegründet. Er verstand sich als eine allen sozialen Schichten offenstehende ethische Eliteeinheit. Der Anhängern aller Konfessionen offenstehende Orden unterstand direkt dem Jerusalemer Papst und hatte zum Ziel, die Ideale der Aufklärung und der Selbsterkenntnis unter freie Mönche und junge, englischsprachige Briefzusteller zu verbreiten. …


(Er)Lösung

11. Juli 2011

Auch wenn Discordier wissen, Erlösung ist Unsinn, wie Unsinn ist Erlösung ist: Was ist eigentlich der Unterschied zwischen “Lösung” und “Erlösung”?

Viktor Frankl soll auf die Frage, was denn nun der  Sinn des Lebens sei geantwortet haben, dies sei wie die Frage nach dem besten Zug beim Schach …


Porno-Laden

29. Juni 2011

Political Ambiguity, Explicit Sarcasm

Auf die Gefahr hin, dazu beizutragen, die Ermordung Osama bin Ladens zu verniedlichen sowie Islamisten-Klischees zu bedienen, möchte die Kulturelle Praxis den Bericht eines afghanischen Sicherheitsbeamten veröffentlichen, der sich aus ermittlungstechnischen Gründen die bei Osama Bin Laden gefundenen Pornos ansehen musste. Abdal Khan berichtet:
“Zuerst glaubten wir, die US-amerikanische Regierung hätte sich die Geschichte mit den Pornos nur ausgedacht, um Bin Laden nachträglich bei anderen Islamisten zu diskreditieren. Uns wurde aber versichert, dass das nicht der Fall sei.
Der Film fängt eigentlich ganz harmlos an. Eine junge Frau, die als Drittfrau mit ihrem 20 Jahre älteren Cousin verheiratet werden soll, hilft ihrer Mutter bei der täglichen Hausarbeit. Doch als beide – vollständig verhüllt – auf den Markt gehen, sieht das Mädchen plötzlich einen jungen, attraktiven Mann. Er merkt trotz ihrer Vollverschleierung, dass sie ihn beobachtet und schreibt seine Handynummer auf einen Zettel, den er dann “zufällig” fallenlässt. Entegen allen guten Sitten nimmt das Mädchen den Zettel an sich.
Es kommt noch schlimmer: sie ruft ihn tatsächlich an und drückt ihre Gefühle für ihn aus! Der junge Mann schlägt ein Treffen vor. Nach langem Zögern sagt sie zu. Das bisher erzählte nimmt etwa die ersten 10 Minuten des Films in Anspruch.
Die beiden jungen Leute treffen sich heimlich. Die Frau entehrt sich, indem sie in seiner Gegenwart ihren Gesichtsschleier entfernt. Eine Nahaufnahme der Augen des Mannes zeigen seine Erregung, die sich seiner bemächtigt, als er ihr Haar sieht. Er fragt sie, ob sie zusammen ein Lied singen möchten; sie sträubt sich erst, doch dann beugt sie sich seinem Willen. Schließlich nimmt er seinen Turban ab. – Dies war der Zeitpunkt, in dem meine Kollegen und ich uns sicher waren, dass es sich um pornografisches Material handelte! – Mit der Begründung, ihr sei zu warm unter der Bekleidung, legt die Frau auch ihrer Verschleierung ab und sitzt dem Mann nun splitternackt – lediglich in langen Hosen und einem langärmligen Shirt, man sieht deutlich ihre Hände, ihren Hals und ihre Füße – gegenüber. Er setzt sich neben sie, nimmt ihre Hand in seine und erzählt ihr einen Witz, in dem es darum geht, dass Frauen die gleichen Rechte haben wie Männer. Sie lacht.
Plötzlich betritt ihre – offenbar in diese Obszönitäten eingeweihte – Zwillingsschwester das Zimmer. Sie ist ebenso spärlich bekleidet wie ihre Schwester und bringt beiden eine Schale Datteln und anderer getrockneter Früchte. Die drei essen gemeinsam von den Früchten und plaudern. Dann geht die Schwester wieder, wirft den beiden aber noch einen ermunternden Blick zu.
Dann erzählt die junge Frau ihrem Verehrer, dass sie gern lesen und schreiben lernen möchte, da sie nie zur Schule gegangen ist. Er verspricht ihr, ihr beim nächsten Treffen eine Fibel zu schenken.
Der Film endet, indem sie wieder ihre Vollverschleierung anlegt und geht.
Ich habe gehört, dass derartige schmutzige Filme im Westen legal zu bekommen sind und sogar im öffentlichen Fernsehen zu sehen sind – finden Sie das nicht selbst verwerflich?”


Libidonöse Theorien

8. Juni 2011

Mit Beiträgen von kfermion

Aus psychoanalytischer Richtung ausnahmsweise eine bemerkenswerte These gehört, nämlich, daß psychodynamische Triebstrukturen im Verhältnis zu Theorien Ähnlichkeiten mit denen zu Menschen aufweisen. Daß zumindest teilweise ein “libidonöses” Verhältnis zu Theorien besteht kann die Kulturellepraxis nicht bestreiten und bei näherer Betrachtung scheint das Verhältnis zu Theorien tatsächlich den komplizierten Ausgestaltungen des Sexuallebens zu ähneln:

  •   Serielle Monogamie: Jeder akademische Abschnitt eine Theorie. Auch theoretische Seitensprünge werden dabei bisweilen berichtet und im Nachhinein verschleiert
  •   Altes Ehepaar: Gehörten irgendwie schon immer zusammen und entwickeln bisweilen merkwürdig anmutende Kommunikationsformen
  •   Die nervigen Pääärchen: An sich bisweilen nett, aber zusammen unerträglich (kommt besonders häufig im Marxismus vor)
  •   Homosexualität = Postmoderne: Galt früher als pervers, doch auch heute feinden einen einige dafür an; brachte eine ursprünglich vielversprechende Bewegung hervor, in dessen Mainstream sich mittlerweile zuviele Honks tummeln
  •   Polyamory: Interdisziplinarität
  •   Casual Sex: Oberflächliche Beschäftigung ohne allzugroßen Aufwand. Etwas Fruchtbares kommt dabei höchstens versehentlich heraus
  •   Wechselnde heiße Affairen: Gilt teilweise als etwas anrüchig, führt aber bisweilen zu breit gefächerter Erfahrung
  •   Sexarbeit: Für Geld anderer Leute Arbeiten schreiben …
  •   Asexualität: In beiden Fällen recht selten
  •   Theoriestalking: All jene private Weiterentwicklungen von Theorien, die über Jahre in der Schublade namnes “Eigene Ideen” auf ihren großen Tag warten. Dann entwickelt sich die Theorie unter dem Einfluss anderer in eine ganz andere Richtung und pers stellt fest, dass sie sowieso nie erreichbar war. Vgl. Esoterik: Würde gerne, aber wird es nie sein
  •   Friends with Benefits: Zwar irgendwie mit einer Theorie enger assoziert sein, aber keine tiefe Bindung zum Denkkollektiv haben (wird häufiger geheimgehalten); vgl. Groucho-Marxismus
  •   Pornographie: Jedes neue Paper, jede (Mess-)Kurve darin wird eingehend begutachtet, ohne daß es dabei zu eigentlichen Kontakten mit der Materie kommt
  •   Patchwork-Familie: “Ich war mal mit einer/m anderen verlobt”- Dipl.-XXX Dr.-YYY (Einführung der Bachelor-Master-Studiengänge sollte dies verschärfen)
  •   Verhütung: Die Verwendung von (Radier-)Gummis ist sicherer
  •   Queer: Grenzen mehrerer Fachgebiete verwischen; in beiden Fällen paradigmatisch: Trans*(disziplinarität)
  • Travestie: So überzeugend ‘simulieren’, daß es autentischer als das Original wirkt und damit dessen ‘Originalität’ in Frage stellt; vgl. Sokalismus

Und wieder so einer?

12. Mai 2011

(vgl. hier)
Ich sitze also auf einer Bank im Deutsch-Französischen Garten und genieße den wunderbaren Mix aus Deutsch, Französisch, Türkisch und Russisch, der an meine Ohren dringt. Plötzlich kommen drei kurzhaarige Männer um die Dreißig vorbei. Sie sind dunkel gekleidet, der mittlere trägt ein schwarzes T-Shirt mit weißer Schrift darauf – sind das etwa Runen? Na ja, fast: es ist die Pseudo-Runenschrift1, in denen eine bekannte Nazimarke (Tipp) ihren Namen schreibt. Meine schöne kosmopolitische Stimmung an diesem wunderschönen Tag ist dahin – doch Moment … die drei sprechen kroatisch (vielleicht slowenisch) miteinander! Meine Stimmung ist gerettet, als ich mir vorstelle, was für lange Gesichter die Verkäufer(*Innen) gemacht haben müssen, als der Shirtträger (in mutmaßlich gebrochenem Deutsch) das Teil gekauft hat.
Vielleicht sollte das aufgegriffen werden – wozu denn nur deutsche Neonazis bedienen? Hier ein paar Ideen, unter welchen Namen das Label weltweit vermarktet werden kann:
- Italien: Iuppiter Lapisar
- Griechenland: Ζευς Πέτρωμαρ
- Türkei: Kaira Khan Kaya  (Abkürzung passt auch irgendwie)
- Russland: Сварог Петрович Каменев
- Israel (jiddisch): יהוה שטאינאר (Jahwe Štajnar)


1 Bekanntlich sind ja Runen der ungelenke Versuch der Germanen, die lateinische Schrift zu imitieren.


Nuklearer Müll

21. März 2011

Political Ambiguity, Explicit Sarcasm
Nach Plänen, die so geheim sind, daß wir keine Hinweise auf sie finden konnten, plant die Bundesregierung ein kostengünstiges Konzept für zur Endlagerung radioaktiver Stoffe. Der Markt wird es schon richten: Dem Prinzip von Angebot und Nachfrage gemäß wird dieser an Selbstabholer*Innnen verschenkt.

Die Aussichten auf Erfolg stehen nach Recherchen der Kulturellenpraxis allerdings bereits in Frage. Ein Pressesprecher des Dachverbands DVfT (Deutsche Vereinigung fanatischer Terrorist/Innen) dazu: “Vor einigen Jahren hätten wir diese Möglichkeit sehr begrüßt, aber dank der Ausweitung der Zeitarbeit ist es wirklich nicht mehr schwer, an derartiges Material heranzukommen. Spätestens seit Wallraffs ‘Ganz Unten’ weiß auch die Öffentlichkeit ja auch, wiesehr Zeitarbeiter Giftstoffen ungeschützt ausgesetzt werden und bisweilen sogar hohe Strahlendosen abbekommen. Beim Fleiß unser Mitarbeiter – wir sind schließlich Fanatiker, keine Sozialschmarotzer – summiert sich das natürlich gewaltig. So ist es binnen weniger Monate möglich, eine schmutzige Bombe aus Zeitarbeitern – und natürlich auch Innnen – zu produzieren.”


Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.