Gewerkschaften

28. Mai 2012

Mit drkultur

“Wer nur eine Minderheit vertritt, darf nicht jederzeit den ganzen Betrieb lahmlegen können.” –Hundt

Merkwürdig, daß dies so vertraut wirkt.
Merkwürdig, daß Gestaltung durch dezentrale Politiken oder Vernetzungsfragen so wenig Diskussionsthema hierbei zu sein scheinen.
Merkwürdig, daß niemand mehr dezentralisierte Gewerkschaftsbewegungen erinnert.
Merkwürdig, wie scharf die Rhetorik gegen erfolgreiche Gewerkschaften ausfällt.
Merkwürdig, auf welcher Seite der Barrikade die etablierten Gewerkschaften stehen.
Merkwürdig, daß hier sogar das beknackte Occupy Argument eine angemessene Antwort wäre.
Merkwürdig, daß Repräsentationspolitiken so wenig problematisiert werden
Merkwürdig, daß immernoch nach der “Klasse an sich”1 + 2 gesucht wird


1 Pierre Bourdieu:
“Von der nur auf dem Papier existierenden Klasse zur „realen“ Klasse kommt man nur um den Preis einer politischen Mobilisierungsarbeit: Die „reale“ Klasse, sofern überhaupt jemals eine Klasse „real“ existiert hat, ist immer nur die realisierte, das heißt mobilisierte Klasse, Ergebnis des Klassifizierungskampfs als eines genuin symbolischen (und politischen) Kampfs um die Durchsetzung einer Sicht der sozialen Welt oder besser einer Art und Weise ihrer Konstruktion in der Wahrnehmung und in der Realität und einer Konstruktion der Klassen, in der sie zu unterteilen ist.“ (Bourdieu, Pierre: Praktische Vernunft. Zur Theorie der Handelns. Frankfurt/M: Suhrkamp, 1998, S.25.)

2 (Wir dürfen hier für unser Beispiel ‘Partei’ durch ‘Gewerkschaft’ ersetzen):

“Wenn das Feld der Produktionsverhältnisse das spezifische Terrain der Klassenkonstitution ist, kann die Präsenz der Klassen auf dem politischen Feld nur als eine Repräsentation von Interessen verstanden werden. Durch ihre stellvertretenden Parteien vereinigen sie sich unter der Führung einer Klasse in einem Bündnis gegen einen gemeinsamen Feind.“ (Laclau, Ernesto & Mouffe, Chantal: Hegemonie und radikale Demokratie. Zur Dekonstruktion des Marxismus. Wien: Passagen Verlag, 1991, S.95)

“Sobald jedes politsche Verhältnis als Repräsentationsverhältnis aufgefaßt wird, haben wir es mit einem zunehmenden Substitutionalismus zu tun: die Klasse wird von der Partei (Repräsentation der objektiven Interessen des Proletariats) und der Partei vom Sowjetstaat substituiert (Repräsentation der Weltinteressen der kommunistischen Bewegung).” (ebd., S.103)

Also:

“Die Suche nach der „wahren“ Arbeiterklasse und ihren Grenzen ist ein falsches Problem, und als solches fehlt ihm jede theoretische und politische Relevanz.“ (ebd., S.133)


Humane Tierhaltung

20. Mai 2012

Kurzmeldung:

Massentierhaltung ist pervers! Tierhaltung auf Biohöfen mit genug Auslauf/Platz und dem richtigen Futter – da ‘artgerecht’ – hingegen ist Ok und sollte weiterhin vorangetrieben werden. Dies ergab eine Studie bei der 500 Kühe, 1000 Schweine und 5000 Hühner befragt wurden. Die Interviewten auf Biohöfen gaben an, von Grund auf zufrieden zu sein. Ein Huhn hierzu: “Ich habe die 100 Tage meines Lebens total genossen.” Viele der Befragten betonten immer wieder die humanen Bedingungen auf Biohöfen. Ein Schwein: “Schon seit Adorno wissen wir, dass die Kultierindustrie auf die Aufzucht von Massen aus ist. Hier hingegen sind wir frei und ich wünsche meinen Kollegen in der Massentierhaltung den orwellsch-emanzipatorischen Geist, damit es Ihnen hoffentlich auch bald so gut geht wie uns. Gut es muss ja nicht gleich ein neues System her (wie in der Orwell-Bibel), aber die soziale Tierwirtschaft ist schon ein historisch bedeutender Schritt.”  Eine Kuh eines biodynamischen Hofes erklärte: “Toll finde ich, wie individuell das hier zugeht. Zum Beispiel sprechen uns die Schlachter kurz vor der Schlachtung direkt mit Namen an. Da freue ich mich schon drauf!”


Aus akutellem Anlass: Wulff

18. Februar 2012

Wulff ist zurückgetreten. Das hat die Welt erschüttert:

Tätää! Tätää! Tätää!: Wulffs Rücktritt bringt Jecken und Narren um ihren alljährlichen kleinbürgerlichen Schabernack. Einer davon “Es bringt ja eh nichts, wie schon unser Goethe sagte ‘Den Bösen sind sie los, die Bösen sind geblieben’” Jedenfalls ist der Karneval jetzt ruiniert. Besonders die Meister*Innen kleinbürgerlicher Unterhaltung – Bauchredner*Innen und Stand-Up-Comedians – sind frustriert; der sexistische Flachwitz (PAES!) “Wulff ist wie ein trägerloser Bikini: Keiner weiß was ihn hält und alle hoffen, daß er fällt” muß aus tausenden Büttenreden gestrichen werden.

Weitere Ausfälle?: Die Berliner Bahnen haben für den heutigen Samstag einen Streik angekündigt. U-Bahnen, Busse und Metrotrams fahren nicht, lediglich die S-Bahnen sollen verkehren[!?!]. Aus akutellem Anlass wird aber überlegt, ob die S-Bahn-Station “Bellevue” auch besser nicht angefahren werden sollte. (Falls doch, seien Sie gewarnt: Dort wird u.U. jemand mit gepackten Koffern warten und Sie bitten, seine Fahrkarte zu bezahlen. Auch Vorsicht: Die Person hat keine Immunität! Könnte ansteckend sein.)

To be continued…


Aus aktuellem Anlaß: Schreiber

11. Februar 2012

Schreiber ist endlich weg, gleichwohl aus den falschen Gründen (Obdachlose und Sexarbeiter*innen scheinen kein Grund, aber [lovejoybutton]). Als Nachfolger ist nun Schreiber im Gespräch – seine Kenntnisse in Steuerrecht, sowie seine Verbindungen gaben den Ausschlag. Zum Thema Zomia äußerte er sich aufgeschlossen “ich habe ja immer Koffer bevorzugt, aber die junge Generation muß ihren eigenen Weg finden. Mich würden z.B. Jutebeutel auch nicht stören.”


Aus aktuellem Anlass: Neumann auf der Berlinale

10. Februar 2012

Bundesbeauftragter für Kultur und Medien Bernd Neumann mahnte und erinnerte gestern bei der Eröffnung der Berlinale daran, dass in Ländern wie dem Iran und China, die Kunst mit Füßen getreten werde und es wichtig sei, dass “Flagge gezeigt wird für Menschenrechte und für die Freiheit der Kunst.”

Die Kulturelle Praxis mahnt und erinntert hieran.


Haben US-amerikanische Physiker eine spektakuläre Quanten-Zeitreise-Matrix entwickelt?

21. Januar 2012

Gastbeitrag von Alwin Talmess

wissenschaftlich aussehendes Bild

(kp/Hamburg) Seit Albert Einstein zählt die Relativitätstheorie als Schlüssel zu einem der größten Rätsel der Menschheit. Nun gelang es Forschern am MIT mit einem verblüffenden Experiment, Erkenntnisse aus Hirnforschung und Nanotechnologie zu kombinieren, um mithilfe eines Lasers Antiprotonen in einer Art Wurmloch für mehrere hundert Attosekunden unsichtbar zu machen. “Die Idee, eine derartige Singularität im Labor herzustellen, hatten wir bei der Analyse der Flugdaten kosmischer Tauonen”, erklärt der Leiter der interdisziplinären Arbeitsgruppe, Neil Grasse deTyson. “Diese gelangen von weit entfernten Pulsaren mit annähernd Lichtgeschwindigkeit in unsere Galaxis und damit zu uns auf die Erde.” Die Heisenberg’sche Unschärferelation besage dann, so deTyson weiter, dass sich die enorm energiereichen Leptonen ähnlich wie in der Nähe elektromagnetisch geladener Schwarzer Löcher verhalten. Die Teilchen wurden mit einem 150 Millionen Dollar teuren supraleitenden Deltaband-Plasma-Spektrometer nachgewiesen. Folgende spektakulär aussehende Formel

beweist im Zusammenhang mit dieser Skizze des Experiments

dass die Entropie der Teilchen niedriger ausfällt als es die Boltzmann-Gleichung nahe legt. “Wir müssen uns das ganze so vorstellen wie bei einem Film,” erklärt deTyson, ” dort sehen wir in sekundenbruchteiligen Abfolgen einzelner Bilder, die uns Informationen liefern und uns als kontinuierlich ablaufendes Ereignis erscheinen. Zwischen den einzelnen Bildern ist aber in Wirklichkeit eine Zeitlücke, die wir nicht wahrnehmen. Diese Lücke bietet uns keine Shannon-Information, es passiert nichts. Ähnlich verhält es sich bei unserem erzeugten Effekt. Die von uns nachgewiesenen Teilchen füllen diese künstlich erzeugte Lücke.”

eine berühmte Zeichnung von Da Vinci

Die Teilchen könnten die Antwort auf ewige Fragen der Physik liefern. Die Arbeitsgruppe geht davon aus, dass sie Auslöser des Big Bang gewesen sind. Mit Hilfe verfeinerter technischer Möglichkeiten ließe sich der erzielte Laboreffekt sogar noch vergrößern und praktisch nutzbar machen: “Wir können nicht ausschließen, dass uns diese Technologie in Zukunft helfen wird, die großen Probleme der Menschheit wie Überbevölkerung, AIDS, den Unterschied zwischen Mann und Frau oder den Klimawandel zu lösen”, so deTyson.

Wissenschaftliche Studien hatten schon vorher gezeigt, dass Dunkle Materie den selben statistischen Gesetzmäßigkeiten wie das ideale Kelvon-Thompson-Gas in fraktalen Dimensionen unterliegt. DeTyson: “Dieses unglaubliche Verhalten ließ uns erst sogar vermuten, wir hätten es mit einer außerirdischen Intelligenz zu tun. Es stellte sich aber heraus, dass dieses Verhalten schon Ende des letzten Jahrtausends in der Chaostheorie bekannt war.”

Als kommendes Projekt der Arbeitsgruppe ist die Entwicklung einer Zeitmaschine geplant. Das MIT bietet 10 Mio $ für eine freiwillige Testperson, die ins Jahr 1933 zurückgeschickt wird und es schafft Hitler umzubringen.


Kulturellepraxis aktuell

6. Dezember 2011

Bei drei mindestens drei Hamburger*Innen kam es die letzten Tage unabhängig voneinander und ohne einen ungewöhnlichen Anlaß (nicht mehr geraucht als sonst) zu einem Fehlalarm des Rauchmelders. Mindestens zwei dieser Geräte waren optische Rauchmelder, bei ca. 1/10 ihrer Lebensdauer.

Woran kann dies liegen? Kam irgendwas in die Luft heute Nacht? Wurde die Luft kontaminiert durch Liebe? Oder will Hamburg mal wieder in seinem Schlossneid aufholen und mit der Berliner Luft konkurrieren?


Sammelklage

11. November 2011

Nachdem dem Erfolg von Paramount gegen Apple im Urheberrechtsstreit um das PADD folgt der nächste Schlag: Seepiraten verklagen die Software- und Tonträgerindustrie wegen Mißbrauch ihres Markennamens. Ein Sprecher der internationalen Pirat*innengewerkschaft (GdPi) im Gespräch mit der Kulturellenpraxis (KP):

GdPi: Es ist ein Skandal, über Jahrhunderte haben wir uns veruscht einen gefährlichen Ruf aufzubauen und jetzt wird unser guter Name für sowas harmloses wie unerlaubte Vervielfältigung mißbraucht.
KP: Sie meinen “Raubkopieren”?
GdPi: Kommen Sie mir nicht mit diesem furchtbaren Begriff! Ein Raub impliziert Gewalt oder zumindest dessen Androhung. Das erfodert bedrohliches Auftreten, teure Waffen, eine Bereitschaft zur Aggression. Jetzt wird irgendein Herumgenerde mit dieser Anspruchsvollen Arbeit gleichgesetzt?
KP: Sie sehen ihre Berufsehre durch diesem Sprachgebrauch verletzt
GdPi: Wenn es nur das wäre! Wenn wir Schiffsbesatzungen mit vorgehaltener Waffe bedrohen oder gar Geiseln nehmen, sind wir darauf angewiesen, Angst verbreiten zu können. Das hat zwar schon die romantisierte Darstellung wie Pirates of the Carribbean unterlaufen, aber da fühlten wir uns noch geschmeichelt. Sehen Sie, unsere Geschäftsgrundlage ist v.a. eine psychologische. Statistiken zeigen, von 2003-2008 hat unsere Aktivität zwar gewaltig gelitten, aber die diskursive Präsenz – die sich bis in Versicherungsprämien materialisierte – ist massiv gestiegen
KP: Klingt fast ein wenig nach Aktienmarktgerede
GdPi: Sie haben vollkommen Recht! Eine deutsche Bank – ich sage natürlich nicht welche – plant gerade ein innovatives Finanzprodukt für krisensichere Anlagen. Dort werden Aktien von Waffenherstellern, uns, aber auch s.g. “Sicherheitsfirmen”
KP: Sie meinen Söldner*innen Unternehmen?
GdPi: Genau, also ein Aktienfonds, der in Waffen, Söldner und Piraten investiert …
KP: Sie verkaufen Aktien???
GdPi: Nicht nur das! Wiegesagt, Angst und Schrecken zu verbreiten ist unsere Geschäftsgrundlage – deshalb haben die Kolleg*Innen in Somalia ja solchen Erfolg, sie werden für Moslems gehalten und profitieren damit noch ein wenig von der Islamophobie
KP: Klingt, als hätten Sie längerfristige Geschäftsziele
GdPi: Genau, um längerfristig unser Hauptgeschäft zu stabilisieren, müssen wir unser Angst- und Schreckenspotential innovativ diversifizieren. Das Treitschke-Institut für geisteswissenschaftliche Nutzenoptimierung und Brandstiftung hat uns da beraten. Der neue juristische Flügel war ja Anlaß des Gesprächs, auch im erwähnten Finanzmarktszweig sehen wir auch viel Potential. Besonders stolz sind wir aber auf unser drittes Standbein, den Lobbyismus. Wir versuchen – an alte Traditionen anknüpfend – wieder Kaperbriefe zu bekommen. Handelskriege sind so aufwendig und Militärschiffe kosten ein Vermögen. Die Regierungen müssen einsehen, daß es sich hier um eine Win-Win Situation handelt. Beispiel Deutschland, wenn Griechenland irgendwann so pleite ist, daß sie nichteinmal mehr Rüstungsgüter abnehmen können – was dann? Dann kommt heraus, daß auch Deutschland hochverschuldet ist. Es sei denn, die Nachfrage kann nur durch Privatisierung erhalten werden, skrupel, an wen exportiert wird bestehen ohnehin nicht [1], [2]. Und wir setzen Schiffe auch mal für gefährliche Einsätze ein und sind zusätzlich noch bereit, unsere Gewinne daraus zu investieren
KP: Ökonomistisch denkende Piraten, jetzt bekomme ich es wirklich mit der Angst zu tun …
GdPi: Zugegebenermaßen, wir hinken dem Trend etwas hinterher. Gerüchteweise soll Al’Qaida längst von der Ausbildung von Selbstmordattentäter*innen zu der von Bankern übergegangen sein, da diese mehr Schäden verursachen können; das wurde möglich, nachdem diese psychologische Studie gezeigt hat, daß BWL das Hirn ähnlich erfolgreich wie Religiöser Fundamentalismus vernebelt
KP: Werden Sie Ihre Markenrechts-Klage auch auf die in Europa entstehenden Piratenparteien ausweiten?
GdPi: Nein, das haben wir ersteinmal nicht vor, soviel Anfeindungen, wie die teilweise ausgesetzt sind, scheinen sie z.Zt. mehr Angst und Schrecken zu verbreiten als wir. Keine Ahnung weshalb. Außerdem erinnert deren Frauenbild sosehr an das goldene Zeitalter der Piraterie im 17. Jahrhundert …
KP: Sie spielen auf Thomas Laqueur und die Eingeschlechtertheorie an?
GdPi: Genau. Aber sagen Sie mal, dieser Flachwitz von Piraten, die auf Markenschutz klagen, ist doch so naheliegend, daß es sich um einen alten Hut im Internet handelt
KP: Naja, sowas nennt sich dann irgendwann “Mem”, außerdem fanden wir es irgendwie pomo-nerdig, beim Thema Piraterie eine Art Meta-Piraterie zu begehen.
GdPi: D.h., Sie waren zu faul zum goolgen bei ixquick?
KP: Wir danken für dieses aufschlußreiche Gespräch


Finden Sie den Fehler

23. September 2011

Aktuelle Kamera Tagessschau vom 22.09.: Bericht über Demonstrationen in Griechenland. Es sind eindeutig anarchistische Symbole zu erkennen, u.a. das Squatting Sign. Ein Sprecher kommentiert, daß in Griechenland wieder tausende Entlassungen von Staatsbediensteten protestieren.

Staatstragende Anarchist*Innen?!?


Omnibusthema

20. August 2011

In Zusammenarbeit mit Odradek

Viele große Tageszeitungen – und sogar die Junge Welt – titeln mit brennenden Autos in der Bundeshauptstadt (wir berichteten). Doch das Omnibusthema1 ist heute ein anderes


1 Omnibusthemen definiert (Bourdieu) als: Nivellierung, Banalisierung und Selektion von Informationen um die breite Masse zu erreichen und niemanden zu schockieren. (siehe auch: Bourdieu, Pierre (1998): Über das Fernsehen. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, S.62/63); doch in Fällen wie diesem vermag es schon zu schocken.


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