Invention of Tradition #1 Elbvertiefung

26. April 2013

Spätestens seit Hobsbawm wissen wir, s.g. “Traditionen” v.a. der narrativen Struktur “das war schon immer so und sollte so bleiben” sind meist Folgen der Moderne; daß läßt sich allein daran gut zeigen, daß sie i.d.R. deutlich neuer als meist gedacht sind. Beispiel: Das Dirndl kam Ende des 19. Jahrhunderts auf, - Hankycode-artige Bindungsarten wahrscheinlich noch später – und von der “deutschen” Kartoffel wollen wir gar nicht erst anfangen.

Wenn aber (Erd)Äppel unter die Erfindung von Tradition fallen, wie sehen dann die soziokulturellen Folgen der Elbvertiefung im Obstanbaugebiet des Alten Landes aus? Da wir mit Nahrungsmitteln – nicht nur bei Buchstabensuppe – Zeichen konsumieren, dürfte auch Geschmack etwas Verschiebbares sein. Bald schon werden wir es als traditionelle norddeutsche Spezialität gelten, mindestens einmal die woche ein Gericht zu genießen mit Altländer Salzappel.

Dabei kann die Veränderung doch als Chance gesehen werden: Das Alte Land wird zum neuen Lüneburg. Und klimawandelsbedingt früher oder später auch umgekehrt.


Waffenrecht

7. Januar 2013

Nicht daß sich nicht an gefährlichen Gegenständen Vorsicht lernen lassen kann; aber da Lernen nichts Bewirkbares ist und Waffen nicht nur für die Nutzer*innen gefährlich sind, vielleicht nicht wirklich das Risiko wert. Zumal von sich überzeugte Heißdüsen ein von Teilen des Arbeits- und Aufmerksamkeitsmarktes gefragte Typen sind und ”doing things’ ohnehin zum autoritären Charakter in kapitalistischen Kontexten gehört. “Achtsamkeit” klingt auch zeitgemäßer als “Vorsicht”.

Daß es ein Problem mit Schusswaffen in Deutschland geben muß, ergibt sich aus der Tatsache, daß derartige Probleme gerne auf Jugendkultur oder USA geandert werden. Doch Waffenrecht ist ein Thema, bei dem simpel-verschwörungstheoretische Sicht von Lobbyismus als reine Korruption nicht ganz ziehen: Die Computerspieleindustrie hat einen Umsatz im Milliardenbereich. Schützenvereine eher nicht, Waffenproduzent*innen ihr Kerngeschäft eher in Kriegs-, als Sportwaffen. Insofern vielleicht neben”Cui Bono” Logik Ideologie - Schützenvereine: Lernen Sie schießen, treffen Sie Freunde – mitdenken. Ohne sich diese wiederum isoliert von Interessen oder als Erklärungsrest, wo die eigenen Rationalitätsvorstellungen versagen vorzustellen.

Apropos Ideologie: Es gerüchtet, eine mir vollkommen unbekannte Paretei überlege das Waffenrecht zu liberalisieren. Der Werbeslogan “God created men, samuel colt made them equal” ist auch eine Form von Demokratieverständnis; liquidating democracy. Wir freuen uns auf den Beitrag gegen Überbevölkerung, wenn Kinder durch das Führen von Waffen vor Amokläufen geschützt werden sollen (thx, ihdl).

Letztlich bleibt die alte Weisheit, niemals die Waffe auf Personen/Dinge zu richten, auf die nicht geschossen werden soll. Oder verallgemeinert: Spätestens seit Kernwaffen (auch: “Atomwaffen”, aber welche Waffe ist das nicht?) wird befürchtet, daß das mögliche das Unvermeidliche ist – siehe auch Murphy’s Law. Eine AG zum Thema Waffenrecht müßte also gewagtere Visionen produzieren, als “nur” der freie(re)n Verkauf von solchen Produkten (wobei in diesem Fall Werbung interessanter werden könnte: “Unser USP: USP für USP”), eine Vision vermehrten Waffeneinsatzes. Um solche Visionen zu realisieren, sowie mehr Höflichkeit – zumindest außerhalb des Netzes – zu erreichen, gründet das Treitschke-Institut für geisteswissenschaftliche Nutzenopftimierung und Brandstiftung die “AG kiri sute gomen”


P.S.: Dieses Videos der Vorführung eines Waffenlobbyisten ließ sich leider nicht mehr im Artikel unterbringen


Deutsche Verhältnisse überall

14. Dezember 2012

Häufig sind die Probleme schlimm genug. In vielen Fällen stellen aber die angeblichen Lösungen ein mindestens genausogroßes Problem dar.

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Personenkult #3

24. August 2012

Als Fortsetzung unserer Personenkult-Reihe (#1, #2) und Vorschlägen für Motive auf T-Shirts (hier, hier) und anderen Gegenständen hier noch zwei kleine Ideen:

Federico “Fritz” Elgrande

Guillermo “Billy” D’Alemania


Extremisten

4. Mai 2012

Viele kennen dieses Kuriosum aus der hessischen Landesverfassung: In Art. 21, Abs.1 HV “Bei besonders schweren Verbrechen kann er zum Tode verurteilt werden.”, übrigens scheint die verfassungsgebende Versammlung darin keinen Widerspruch zu Abs.3 “Alle Gefangenen sind menschlich zu behandeln.” gesehen zu haben. Sicherlich, vollstreckt werden kann diese nicht, da das Strafgesetzbuch keine vorsieht und im Grundgesetz steht “Die Todesstrafe ist abgeschafft.” (Art.102 GG) und “Bundesrecht bricht Landesrecht.” (Art. 31 GG)

Doch erwies sich dies jetzt als Fallstrick für die hessische Landesregierung. Alle schworen auf die Landesverfassung, alle bestanden auf eine Extremismusklausel für Staatsbedienstete, worunter sie jetzt als – neben Wolfgang Schäuble mit astronomischer Anzahl an vom Verfassungsgericht kassierter Gesetzesentwürfe – als Feinde der FDgO unter ihre Ausschlußversuche von Radikalen/Extremisten fallen.


Länglicher Kommentar

25. Januar 2012

Fortsetzung zu In die Zukunft schauen

Um nicht drkulturs Artikel das 9fache an Kommtar anzuhängen, mache ich einfach mal einen Artikel daraus:

Zukunft, welche Zukunft? Kulturellepraxis live: “2012 ist gar kein Weltuntergang” – “Es sei denn, ich hätte da noch ein Wörtchen mitzureden [diabolisches Grinsen]“

Beim in-die-Zukunft-schauen immer ganz interessanter Fehler, Quantitative Hochrechnungen mit qualitativen Änderungen gleichzusetzen. Mit geradezu dekonstruktivistischem Humor äußerte sich dazu Heinz von Foerster: Statistisch berechnet erreicht die Weltbevölkerung am 13.11.2026 (natürlich ein Freitag) eine unendliche Anzahl. Wenn Low-Level Wissenschaftstheorien zuträfen, könnten ohnehin Historiker*innen Prognosen stellen (und die weigern sich, da ihr Fach aus Abgrenzung von der Geschichtsphilosophie entstand).

Die Themenauswahl dieser modernen Schamanen ist bezeichnend: Evolution (eine Fortschrittserzählung strapazierend: Die ewig-gestrigen Modernisten, die mit Evolution ihre Vorurteile im Namen der Natur bestätigen wollen – als wäre das nicht schoneinmal schiefgegangen – gegen die ewig-vorgestrigen, die selbst dafür zu blöd sind), Sex1 und Computertechnik.

Und ohne eine gewisse Cyborgaffinitiät verleugnen zu können, sich das Gehirn unmetaphorisch als einen Computer vorzustellen war vielleicht in den 50ern noch nicht peinlich. Von allen möglichen Einwänden nur kurz das poststrukturalistische Gemäkel: Die Grenzen des Computers sind die Grenzen der formalen Logik. Damit ist keine Spockige Emotionsmetaphysik gemeint, sondern daß die Sprachauffassung der Logik und die Idee der “Implementierung” auf Repräsentation angewiesen ist; das sind aber Sprach- und Realitätsauffassungen, die als veraltet gelten können (mist, wieder eine Fortschrittsnarration).

KI, Cyborgs und Körper bleiben ein wahnsinnig spannendes Thema, von daher sei geistig Naschhaften der JDGG-Vortrag von Bernd Robben empfohlen und Hoffnung auf eine Veröffentlichung von Draude & Kluß gemacht.


1 Vgl. Schnurr, Eva-Maria: Typisch Mädchen, typisch Junge; in: Stöcker, Mira (Hrsg.): Das F-Wort : Feminismus ist sexy; Königstein/Taunus 2007; S. [suchsdirselbstraus]: “‘Franzosen haben ein größeres Hirnareal für Sex. Deutsche sind genetisch bedingt besonders schnell darin, Gartenzwer­ge zu erkennen. Und bei Muslimen sorgt ein Hormon für vermehrte Aggressionsschübe – Forscher bringen das mit der erhöhten Neigung zu Terroranschlägen in Verbindung. Schwachsinn? Genau das. Doch stünde oben “Männer” statt Franzosen oder Muslime, “Frauen” statt Deutsche und “Unordnung” statt Gartenzwerge, die Zeilen könnten in jeder Zeitung auftauchen. -Kann sogar sein, dass Franzo­sen besonders charmant sind und Anschläge derzeit vor allem islamischen Tätern anzulasten sind. Niemand jedoch käme auf die Idee, dafür biologische Ursachen zu vermu­ten. Die Kultur! Die Tradition! Die soziale Situation! Die Weltpolitik! Es gibt tausend Gründe, warum Menschen so sind, wie sie sind, so handeln, wie sie handeln. Doch wenn es darum geht, Verhalten oder Eigenschaften von Männern oder Frauen zu erklären, gibt es nur noch eine Deutung: die Biologie.”


Assimilation

23. Januar 2012

Political Ambiguity, Explicit SarcasmDas Treitschke-Institut hat gemeinsam mit einem Think Tank des Trayçke Enstitüsü Diyabakır eine neue Idee entwickelt, die Assimilation der türkischen Zuwandernden in der n-ten Generation (n>>0) in das deutsche Volk1 noch effektiver zu gestalten: Zukünftig sollen Vor- und Nachnamen nur noch in eingedeutschter Form verwendet werden.2 Einige Prominente haben schon angedeutet, mit gutem Beispiel voranzugehen:

  • Glückliche Eigenprovinz [früher: Mesut Özil]
  • Herrscher Eisenkern [früher: Cem Özdemir]
  • Rosenherz (Dunkelwirt) Feld [früher: Gülcan (Karahancı) Kamps]
  • Süße (Ruhmseh) Oger [früher: Nazan (Üngör) Eckes]
  • Starke Gazelle [früher: Bülent Ceylan]
  • der Fels ist brennbar [früher: Kaya Yanar]
  • Tulpe Weißsonne [früher: Lale Akgün]
  • Eroberer Invasion [früher: Fatih Akın]
  • Fließend aus Kekil [früher: Sibel Kekilli]
  • der Frühling ist rot [früher: Bahar Kızıl]

Auch einige Türken mit wirtschaftlichen, politischen oder kulturellen Verbindungen nach Deutschland haben schon angedeutet, dem Beispiel zu folgen:

  • Stadtrichter Baumwoll [früher: Orhan Pamuk]
  • Gottknecht Rose [früher: Abdullah Gül]
  • Respekt Fohlenyip Frühfalke [früher: Recep Tayyip Erdoğan]
  • Auserwähltes Boot [früher: Mustafa Sandal]
  • Wesir [früher: Tarkan]

Im Gegenzug versprachen mehrere deutsche Spitzenpolitiker*innen, sich zum Staatsbesuch in der Türkei auch mit der türkischen Entsprechung ihres Namens ansprechen lassen zu wollen:

  • Melek Farkel [früher: Angela Merkel]
  • Ormanherif Batıdalga [früher: Guido Westerwelle]
  • Ayıcık Leyen’li [früher: Ursula3 von der Leyen]
  • Athalil Gül [früher: Philipp Rösler]
  • Sabine Halkevleri-Şakırdamadağı [früher: Sabine Leutheusser-Schnarrenberger]
  • Zafermasal Cebrail [früher: Sigmar Gabriel]
  • Çiftçiyi Tekmele [früher: Jürgen Trittin]

1 Bekanntlich wird Integration in Milligörüsch (mGö) ausgedrückt, wobei 1 Görüsch bedeutet, dass die deutsche Nationalhymne fehlerfrei gesungen werden kann. Einige Werte sind:

  • Lothar de Maizière (1990): 500 mGö
  • Sarah Connor (2005): 724 mGö
  • kfermion: 976 mGö
  • Wolfgang Bosbach: 1000 mGö
  • Udo Voigt: 2983 mGö

2 Dies soll dazu dienen, die unter türkischstämmigen Deutschen verbreitete Armut einzudämmen.
3 “Ayıcık”= der kleine Bär / die kleine Bärin (das Türkische kennt kein grammatisches Geschlecht). Im Türkischen ist “Bär” ein Schimpfwort, da der Bär als faul und ungeschickt gilt.


Hä!?

15. Januar 2012

An der linken Wand des Saals hängt ein überdimensionales Foto Mumia Abu-Jamals, an der rechten Wand ein Transparent mit der Aufschrift “Klasse gegen Klasse”, über der Bühne ein Transparent mit einem Comic-Mann (hält eine rote Fahne mit Hammer und Sichel) und einer Comic-Frau (hält eine rote Fahne mit Stern), die sich küssen, darunter fünf Podiumsdiskutanten, davor ein Publikum, dass jede Parole “Kapitalismus abschaffen” und jede Repressionshypothese mit frenetischen Applaus abfeiert, und ich sitze dazwischen.

Ist das ein Alptraum? Nein, ich befinde mich auf der Internationalen Rosa-Luxemburg-Konferenz, für die ich vor dem Gebäude eine Freikarte bekommen hatte.

(Ich fühle mich so schmutzig und muss jetzt erstmal duschen, duschen, duschen, duschen, duschen, duschen…)


Postprivacy #5.3

22. Oktober 2011

Ergänzung zu Postprivacy 5

Zur Frage 2.2.2 (“Ändert mehr oder weniger Privatsphäre etwas daran”): Das ist in etwa so ambivalent wie Autentizität; einerseits bedeutet die Abwesenheit von Privatsphäre, daß mehr/alles an Stelle einer öffentlichen Fassade tritt, bei welcher i.d.R. die unmarkierte Norm bis zum Beweis des Gegenteils unterstellt wird; also eine Leerstelle nach dem principle of charity mit “alles OK” gefüllt wird. Damit wird also das gesamte Leben, nicht nur halbwegs klar abgesteckte Bereiche (“Lebenslauf”, “Kleidung”, “Schufa”) der Verwertungslogik unterworfen.

Aber wenn es keine Privatsphäre mehr gibt, kann nahezu niemand eine perfekte Fassade aufrecht erhalten. Optimist*Innen würden hoffen, daß dadurch Vorstellungen von Normalität ins Rutschen geraten. Nunja, zu erwarten wäre zunächst eine Exklusion durch Inklusion (vgl. etwa Homonationalismus [#auf Puar verweisen]), der Bereich des “Normalen” wird einfach ausgeweitet, doch wer dann immernoch außen ist, bekommt noch größere Probleme. Es hilft nur einigen, häufige “Abweichungen” in den Bereich des Legitimen zu holen. Der Grundfehler liegt in der statistischen Denkweise, die Idee einer gesetzten Norm(alität) durch jene einer Normalverteilung – und damit dem Anschein des “Empirischen” – zu ersetzen.[#auf Link verweisen]


Personenkult

25. August 2011

Political Ambiguity, Explicit SarcasmIslamkritiker weihen Be(h)ringstraße ein …