Da ich ja, wie ihr wisst, auf Gegrantel aus dieser Richtung allergisch reagiere, kommt hier (auf die Gefahr hin, mal wieder d* Buhpers die personifizierte Diversity des Blogs zu werden) der Advocatus Dei zu diesem Artikel.
Der feine Unterschied, der seitens Harris’ zwischen Religion und Wissenschaft anscheinend herausgehoben werden soll, ist das Sich-Argumenten-Stellen, nicht mehr und nicht weniger. Im zitierten Beispiel sind ja die 0,126 Teile Wasserstoff (fast) ebenso richtig, da pers sich argumentativ darüber verständigen kann, welche Begriffe verwendet werden (ein Teil Masse oder ein Teil Atom), wie der Messprozess aussehen soll, welche Formeln zur Berechnung verwendet werden etc. Die moderne Chemie kann auch das Modell “Wasser besteht aus kleinen Tetraedern, gefüllt mit Phlogiston und kleinen Häkchen an den Ecken” akzeptieren (übersetzt: Wasser ist ein Oxid und kristallisiert hexagonal aufgrund von Wasserstoffbrückenbindungen) akzeptieren, solange die experimentellen Ergebnisse dadurch adäquat (!) beschrieben werden. (Das ist völlig äquivalent zum Affen als Massepunkt: als mechanisches System ist das völlig akzeptabel; seinen Stoffwechsel beschreiben wir hingegen als thermodynamisches System, sein Sozialverhalten meinetwegen mithilfe psychologischer Modelle, … Aber zu keinem Zeitpunkt wird doch irgendjepersd ernsthaft das System “Affe” mit nur einem dieser Modelle vollständig beschreiben wollen.)
Was die Kritik an (vermeintlichen) (natur-)wissenschaftlichen Mythen betrifft finde ich es auch hier wieder bemerkenswert, wie dabei gebetsmühlenartig auf (Lehr-?!)Bücher verwiesen wird, deren Autoren auf andere verweisen (z. B. auf Kuhn), die sich von denen aber teilweise missverstanden fühlen oder deren Schlussfolgerungen selbst erhebliche Zweifel aufkommen lassen. Und das ausgerechnet von denen, die solche Art Mythen/Ideologien ja eigentlich aufdecken wollen! Aber anscheinend ist auch hier die eigene Ideologie die unmarkierte; deutlich entfernt vom hehren Ziel des “modest witness” (das ja auch schon wieder eine Ideologie repräsentiert).
Anstatt selbst herauszufinden, wie denn Naturwissenschaft tatsächlich betrieben wird (wer z. B. schon einmal in einer Teilchenphysik-Vorlesung saß, wundert sich, wie an dem Standardmodell, trotz seiner bemerkenswerten Vorhersagen und vor allem der Nichtexistenz experimenteller Widerlegungen, kein gutes Haar gelassen wird), wird sich hinter Allgemeinfloskeln versteckt. In einem Forschungsfeld, in dem die zu untersuchenden Dinge nur oberflächlich angekratzt werden (sich z. B. völlig undifferenziert gegen die Verwendung des “Geschlechts” in der Biologie ereifert wird), ist auch Gegrantel gegen Statistikkurse für Psychologiestudent*innen … naja, ich würde es nicht tun.
(Und wenn die zitierten Quellen dann Argumente benutzen wie “Erfahrungen beeinflussen Hirnstrukturen, damit können sich die Gehirne von Männern und Frauen nicht unterscheiden”, kommen mir echt Zweifel.)
Du schreibst “im Wissenschaftsalltag wird häufig bei “Wohlfühlgewißheit” etablierter Mythen methodisch unsauberer gearbeitet als bei kontroversen Themen” – wie passt etwa die jüngste Diskussion über scheinbar überlichtschnelle Neutrinos in dieses Bild? Ein Experiment unter Dutzenden, das ein anderes Resultat liefert, und es erfährt größte Aufmerksamkeit?
Es ist fahrlässig, aus sozial-/kultur-/geisteswissenschaftlicher Perspektive heraus anzunehmen, die in den Naturwissenschaften aufgestellten “Gesetze” seien derselben Beliebigkeit (als Skala gemeint, nicht als Wert auf derselben) unterworfen wie die der erstgenannten Wissenschaften: Wer daran zweifelt, dass das Universum irgendwelchen abstrakten Regelhaftigkeiten unterliegt, an die wir uns durch dadurch, dass wir mit immer allgemeineren “Naturgesetzen” immer mehr Phänomene beschreiben können, nähern, muss sich beispielsweise die Frage gefallen lassen (Odradek kennt sie schon): “Warum stellst du dir zum Aufstehen am Morgen einen Wecker? Wie kannst du einer Maschine vertrauen, deren dir im Detail unbekannte Funktionsweise auf Objekten beruht, die du nicht siehst, dass sie dich aus einem Zustand geistiger Verwirrtheit befreit, und zwar exakt zu einem Zeitpunkt, zu dem ein sehr helles scheibenförmiges Objekt in einem bestimmten Winkel zum Horizont steht?”
Allein die Tatsache, dass wir über “die Naturwissenschaften” reden können, ist Beweis für diese Regelhaftigkeiten. Nehmen wir beispielsweise die Mendel’schen Vererbungsgesetze und die Reinungselektrizität, beides vollkommen unterschiedliche Phänomene, die im 19. Jahrhundert studiert wurden. Heute, 150 Jahre später, nach der konzeptionellen Vereinigung von Elektrizität, Magnetismus und Licht, der quantenphysikalischen Erklärung der Atombindung, der Entdeckung der DNA u.s.w. ist uns klar, dass sich die Mendel’schen Regeln (inklusive Verallgemeinerungen), genau wie die Elektrizität (inklusive Verallgemeinerungen), letztendlich auf Eigenschaften von Atomen bzw. Molekülen zurückführen lassen. Und wie kann da ernsthaft angedeutet werden, naturwissenschaftliche Erkenntnisse seien letztendlich dem Zeitgeist unterworfen, also letztendlich beliebig?
Ja, natürlich können (natur-)wissenschaftliche Erkenntnisse für politische Zwecke instrumentalisiert werden, indem sie zurückgehalten oder verbreitet werden. Insofern ist es sicher von gesellschaftlichen Rahmenbedingungen nicht unabhängig, in welchen Bereichen gerade Theorien verbessert wird (also mehr oder besser Phänomene beschreibt), vielleicht auch in Teilen abgelehnt (“Deutsche Physik”; Evolutionstheorie in Teilen der USA oder im Nahen Osten; Lyssenkoismus; …). Aber diese Problematik ist doch völlig unabhängig von der Frage, ob es eine “absolute Wahrheit” gibt im Sinne einer geschlossenen Theorie, die alle beobachteten Phänomene (naturwissenschaftlich, gesellschaftlich, kulturell, wirtschaftlich, …) beschreiben kann.
Und wieso ist es ausgeschlossen, dass auch von Zeit zu Zeit eine Erkenntnis gewonnen wird, die irgendeine gerade existierende Meinung (bzw. ein Vorurteil) untermauert? Die statistische Wahrscheinlichkeit dafür, dass eine zufällige Aussage “wahr” oder “falsch” (im Sinne einer umfassenden Theorie) ist, ist im Mittel 50:50. Das Fazit “Wir können also festhalten, Ideologie in der Wissenschaft läßt sich dadurch erkennen, daß bereits verbreitete Clichés nur bestätigt und ausdifferenziert werden;” (gemeint war vermutlich “Klischee”) bedeutet also, dass Wissenschaft alle Klischees automatisch widerlegen muss um nicht ideologisch zu sein? Das glaube ich erst, wenn alle Gender-Studies-Professuren der Welt mit Männern besetzt sind 
Was die Neurowissenschaften betrifft “die in den letzten 30 Jahren in Mode gekommen sind” möchte ich auf den nicht unwesentlichen Umstand hinweisen, dass die notwendige Technologie vorher nicht zur Verfügung stand.
Die These, die Naturwissenschaftler Ende des 19. Jahrhunderts (und vorher) hätten geglaubt, schon alles entdeckt zu haben, halte ich für einen (wissenschaftskritischen?) Mythos. Wenn ich mir so die derzeitigen Großbaustellen der NaWi anschaue (LHC, Hirnforschung, Raumfahrt, fiese Fragen seitens der Evangelikalen zum Ursprung des Lebens, …) denke ich auch nicht, dass irgendjemand davon ausgeht, die Wissenschaft würde sich nicht mehr weiterentwickeln. Im Umkehrschluss dürfte niemand davon ausgehen, dass sich in 100 Jahren einige unserer Theorien als überholt erwiesen haben werden. Aber egal ob sich beispielsweise ein Elektron als niedrigster Anregungszustand eines zehndimensionalen Strings oder ein Knoten im “Spin-Schaum der Raumzeit” erweist – es wird immer als das (nahezu?) punktförmige Teilchen mit einfach negativer Ladung und halbzahligem Spin angesehen werden, egal aus welchen tieferen Prinzipien “Ladung” und “Spin” letztendlich resultieren. Wir wissen es nicht, aber wir wissen, dass unser derzeitiges Wissen ausreicht zur Beschreibung fast aller Eigenschaften (außer der Masse) des Elektrons.
Wir können nur mutmaßen, dass beispielsweise Newton ähnlich über die Gravitation, Darwin ähnlich über die Evolutionstheorie oder Wegener über die Kontinentalverschiebung gedacht hat. Aber die Alternative, dass alle davon ausgegangen wären, die “letzte Wahrheit” gefunden zu haben (wieso auch?), erscheint viel unwahrscheinlicher.
Das steckt hinter dem, was ihr als “Fortschrittserzählung” brandmarkt: Das Wissen, dass die aktuellen Theorien mehr/genauer beschreiben als die vorhergehenden, und die Extrapolation, dass sie weniger/ungenauer beschreiben als die der zukünftigen Generationen. Dass sich manchmal die Begriffe ändern und T. S. Kuhn manchmal so fies klingende Wörter zur Beschreibung benutzt, darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass die “alten” Theorien grundsätzlich Speziel-/Grenzfälle der “neuen” Theorien sind und sein müssen. Aber das kann nur erkennen, wer sich auch wirklich mit den untersuchten (Natur-)Wissenschaften beschäftigt, wer wirklich versteht, wovon sie handeln, und nicht “nur” als Teil einer nichtnaturwissenschaftlichen Abhandlung.
Und ich möchte noch einmal betonen, dass die “Rückwärtsrichtung”, also das Lehren “veralteter” Theorien, durchaus als wesentlicher Bestandteil von naturwissenschaftlichen Studiengängen verstanden wird; damit entsteht die – nur für Außenstehende! – paradoxe Situation, dass je nach Situation ein Paradigma (jetzt musste ich das Wort doch benutzen) gewählt oder gar eine Mischform zur Beschreibung eines bestimmten Phänomens benutzt wird. Somit kann vom einem unüberwindlichen Bruch, zu dem etwa der Unterschied zwischen Spezieller Relativitätstheorie und Newton’scher Mechanik hochstilisiert wird, überhaupt nicht die Rede sein.
Insofern gehe ich davon aus, dass auch in 100 Jahren in den Neurowissenschaften gesagt werden wird: “Vor 100 Jahren herrschte die Vorstellung X vor, die sich zwar im Bereich Y als unzureichend erwiesen hat, aber da die vollständige Betrachtung sehr aufwändig ist, wird außer in Y die Theorie X angewendet”.
Ich begreife auch die Kritik an der Alltagsintuition nicht so ganz: wann hört denn Wissenschaft auf, sich aus (experimentellen oder angelesenen) Alltagserfahrungen zu speisen?
Die zweitinteressanteste Art Experiment ist übrigens die, die erstmalig durchgeführt wird, um eine Theorie zu testen, die aufgrund deutlich anderer Experimente aufgestellt wurde. Dass solche Experimente überhaupt die vorhergesagten Ergebnisse liefern (Beispiel) ist außerhalb einer allgemeinen Regelhaftigkeit im Universum völlig unvorstellbar.
Mir ist auch nicht bekannt, dass in irgendwelchen Lehrbüchern versucht würde, Antwort auf die “existenziellen Fragen” zu geben, insofern ist Naturwissenschaft irreligiös und nicht atheistisch; die Antworten werden nicht verdrängt, sondern die Fragen nicht gestellt (warum auch? Wird etwa von den Künsten verlangt, sie zu beantworten? Vom Sport? Vom Schachspiel?), einfach weil die Wissenschaft zugibt, dass sie nicht zuständig ist. Was jeder aus den Erkenntnissen der Wissenschaft für sein eigenes Leben gewinnt, ist etwas anderes.