Wirkung

13. Mai 2012

Mit Odradek

Diese Aktion hat übrigens Wirkung gezeigt: Bei mir in der Fußgängerzone haben die Zeugen Jehovas ihre Wacht(turm)-Truppen verdoppelt (auf zwei senile Rentner*innen!).

Indessen muß Gerüchten widersprochen werden, daß sich mittlerweile häufiger Atheisten mit “Warum ich kein Christ bin” oder die härteren mit “Die Gottespest” – danebenstellen; oder daß Odradek auch für solche Situationen gewappnet ist. Doch da offenbar heilige Schriften zu verteilen so massiven Wirbel auszulösen vermag, springt auch die Kulturellepraxis jetzt auf diesen Omnibus auf: Nehmt DIES (oder auf Deutsch)!


Mem

7. Mai 2012

mit Odradek und drkultur

Die Doku-Serie “Abnehmen in Essen” erlangte (vielleicht nur) wegen ihres Titels eine relativ große Aufmerksamkeit. Nun fragen wir uns, ob nicht auch andere Städte, Länder oder sonstige geographische Einheiten mit vergleichbaren Sprüchen für sich werben könnten. Die Kulturelle Praxis schlägt vor:

  • Zittern in Aalen
  • Umherirren im Atlas
  • Duschen in Baden-Baden
  • Krapfen in Berlin
  • Existieren in Bielefeld
  • Sozialdemokratisch in Bismarck
  • Hexadezimal in Bitburg
  • Süße Berge in Bitterfeld
  • Programmieren auf Bug
  • Marx lesen in Chemnitz
  • Geradeausgucken in Chile
  • Trans*personen in Cis (oder “Vorzeichenlos in Cis“)
  • Schwarzsehen in Colorado
  • Verdauen in Darmstadt
  • Überleben in Darwin
  • Platz haben in England
  • Verwässern auf Feuerland
  • Politisch korrekt in Fidschi
  • Asketen in Freudenstadt
  • Händchen halten in Füssen
  • 100% Sehkraft auf Guadeloupe
  • Gunther in Hagen
  • Zelten in Halle
  • Hotdog in Hamburg
  • Schraube locker in Hammerfest
  • Raus aus dem Hartz: Epoxidindustrie im Harz
  • Bier trinken auf Hawaii
  • Singen in Hohentwiel (oder “Fröhlich sein in Singen”)
  • Parthenogenese auf den Jungferninseln
  • Steak in Kassel
  • Klos im Hals in Königsberg
  • Nicht die Bohne in Linz
  • Herz ausschütten in Liverpool
  • Novemberrevolution in Mailand
  • Du in Mainz
  • Frauen in Mannheim
  • Märkte (de)regulieren?! in Milton Keynes
  • Moscheebau in Neumünster
  • Anbraten in Oberkochen
  • unter Bärbel in Oberursel
  • Äquivalenzen an der Oder
  • Drei Kreuze machen auf den Osterinseln
  • Bieber sehen in Ottawa
  • Henry Wagon in Oxford
  • One Night in Paris
  • Prölpsen in Pforzheim
  • Kraftlos in Philadelphia
  • Pferde schlagen auf den Philippinen
  • Einäschern in Phoenix
  • Kratzen am Po
  • Un-fotogen in Posen
  • Per U-Bahn von Pumacahua nach Cabitos
  • Beschreiben in Rom
  • Lolcats in Rottweil
  • Loben auf Rügen
  • Pocken an der Ruhr
  • Polymerisieren in Salzgitter
  • Kanal wechseln in Panama
  • Bitte Freimachen in Porto
  • Gottlos und erfolgreich in Sankt Augustin
  • Critical Whiteness im Schwarzwald
  • Leicht um Schwerin
  • Schlafen in Seattle
  • Verlieren in Siegen
  • Abstumpfen in Solingen
  • Hier essen in Togo
  • Philanthropische Filme drehen in Trier
  • Straight in Uruguay
  • Gewinnen in Waterloo
  • Lotto in Weimar
  • Wattwandern in Wien
  • Hasen in Wolfsburg
  • Salzen in Würzburg
  • Tolkien in Zweibrücken
  • Streicheln in Zwickau

2012

30. April 2012

Trotz aller berechtiger Kritik an Gauck & Merkel:


Hier geht’s zur nicht-animierten Version.


Vorschlag für eine Präambel des Piraten-Parteiprogramms

26. April 2012

PRÄAMBEL

Piratenaktivitäten finden schon seit mindestens 3500 Jahren statt. Überliefert sind sie aus Indien, Ägypten, Mesopotamien und China. Es ist allerdings unklar, ob diese Aktivitäten aus praktischen Erwägungen oder aus reiner Faszination für theoretische Probleme heraus entstanden.
Die Resultate frühen Piratentums sind beispielsweise 3, 22/7, 25/8, (4/3)4. Sie erweisen sich auch heute noch als nützliche Resultate, weshalb die Piratenpartei hier anknüpfen möchte.
Einiges änderte sich im 3. Jahrhundert v.u.Z. Griechische Aktivisten wie Archimedes von Syrakus warben dafür, Piraten durch analytische Methoden zu ersetzen, und waren auch zum Teil erfolgreich. Trotz eines massiven Aufgebots an Menschen und Material konnten sie jedoch, etwa bei der Irrationalitätsfrage, keine bedeutenden Fortschritte erzielen. Damit blieb der Kampf gegen Piraten die sprichwörtliche Quadratur des Kreises.
Während die Piraterei in Europa bis zum 16. Jahrhundert zumindest stagnierte, wurde sie in China und Persien praktisch abgeschafft und durch sogenannte exakte Verfahren ersetzt. Dies griff dann auch auf Europa über, wo sich Piratende und ihre Unterstützer*Innen schier unendlichen Reihen fügen mussten.

Wir Mitglieder der Piratenpartei möchten uns auf die Wurzeln der Piraterei zurückbesinnen. Wir lehnen damit jeden Bezug zu Transzendenz und Irrationalität ab. Wir finden schon den Versuch moralisch verwerflich, unendliche Reihen erzeugen zu wollen, sei es aus Peronen, anderen Lebewesen, Gegenständen oder Zahlen.
Piratende in vielen Ländern dieser Welt wehren sich dagegen, dass herrschende Klassen die Deutungshoheit über immaterielle Güter aufrechterhalten dürfen. Der Einsatz moderner Informationstechnologie führt zu einem Monopol derer, die die entsprechende Rechenkapazität vorweisen können – aber was ist mit den einfachen Leuten auf der Straße: Handwerker*Innen, Ingenieur*Innen, Informatiker*Innen, Mathematiker*Innen, … denen diese Technologien nicht zur Verfügung stehen? Sie sind häufig noch immer auf Piraten angewiesen! Für sie ist etwa die Berechnung von Pi auf fünf Billiarden Stellen nicht nur vollkommen unnütz, sondern wirkt wie eine Perversion der modernen Technik.


Salafisten rufen Koranexemplare zurück

17. April 2012

Hamburg (kp) – Die kostenlose Verteilung von “Allahs Wort in jeden Haushalt in Deutschland, Österreich und der Schweiz” war bereits im vergangenen Herbst angelaufen. Nun riefen die Initiatioren1 der Aktion die Empfänger*Innen dazu auf, das Modell JahweScript 3.0 “Quran aufgrund schwerwiegender inhaltlicher Mängel wieder zurückzugeben. Diese äußerten sich unter anderem in folgenden Behauptungen:

- flache Erde, um/durch/? welche die Sonne kreise (18: 86, 89)
- von allen Lebewesen gäbe es Paare, also Männlein und Weiblein (51:49)
- eingeschränkte Rechte der Frauen gegenüber Männern (z. B. Sure 4)
- Nichtberücksichtigung von Laktoseintoleranz (16:65)
- 2+4+2=6 (41:9-12)
- behauptete Nichtexistenz der ägyptischen Pyramiden (7:137)
- Aufruf zu Abschottung bis Feindseligkeit gegenüber Angehörigen anderer oder keiner Religionen (3:28, 4:89, 4:101, 5:51)
- bei der Berechnung von Erbschaften käme in vielen Fällen am Ende nicht 100% der Erbmasse heraus (4: 11, 12, 176)
- das Essen für Ungläubige in der Hölle sei inkonsistent angegeben (69:36 vs. 88:2-6)

Weiterhin sei unbeabsichtigt unterlassen worden, ein sonst übliches Benutzerhandbuch beizufügen. Dieses sei bei den Vorgängerversionen im Allgemeinen nachgeliefert worden, um den Umgang mit dort vorhandenen, vergleichbaren Bugs zu erleichtern.

Auf das Fehlen der zentralen Komponente allah{} (wobei allah{%VOID}==%UNIVERSE) hin angesprochen, reagierten die Verantwortlichen mit der Aufforderung, das Fehlen dieser Komponente müsse bei einer Reklamation nachgewiesen werden. Außerdem habe schon in den Vorgängerversionen JahweScript 1.0 “TaNaX” sowie JahweScript 2.0 “EuAngelion” die Nichtnachweisbarkeit der entsprechenden Komponenten yhwh[] bzw. TheOS{} zu keinen prinzipiellen Problemen geführt. Lediglich OpenJahwe “Discord” umgehe dieses Problem durch Definition der entsprechenden Funktion eris := NOT eris.

Im nächsten Jahr will die Gruppe 25 Millionen Exemplare von KrishnaScript verteilen, um alternative Konzepte ausgewogen darzustellen.


1 Nach Auswertung mehrerer Artikel, Bilder und Videos dieser Aktion kann eine aktive Teilnahme von nicht-männlich markierten Personen mit 92-prozentiger Sicherheit ausgeschlossen werden. Die Formulierung “Salafist*Innen” hätte allerdings einen gewissen Charme …


Rätsel

11. April 2012

Von den folgenden drei Texten stammen zwei aus der Feder von Stanisław Lem, einer ist real. Aber welcher?

[A] “Alle Piloten am Merkur sind dazu verpflichtet, dem Vorstand Unfälle zu melden, in die sie verwickelt sind. Bitte nicht falsch verstehen: Dies hilft uns lediglich, mit der Feuerwehr und den Behörden guten Kontakt zu halten, da wir für den Flugbetrieb auch dann verantwortlich sind, wenn andere einen Unfall bauen.
Alle Piloten müssen gültige Flugpapiere, die Tagesmitgliedschaften und den Nachweis über eine Einweisung mit sich führen. Der Flugbetrieb ist nur mit zugelassenem Gerät erlaubt. Vereinsmitglieder dürfen dies kontrollieren. Es darf von einer Stunde nach Sonnenaufgang bis 30 Minuten vor Sonnenuntergang geflogen werden. Verschiedene Zonen dürfen nicht oder nur in ausreichender Höhe überflogen werden (Friedhof, Wildgehege, Sendeanlagen). Wenn Schafe auf der Landewiese weiden, muss der Schäfer den Flugbetrieb vorher ausdrücklich gestatten. “

[B] “In Wahrheit hatten mächtige Konsortien und Geheimkartelle die Hand im Spiel. Es ging darum, die Planeten bewohnbar zu machen. Angesichts der Überbevölkerung ein dringendes Anliegen. Es galt riesige Raketenflotten zu bauen, Klimaverhältnisse und die Atmosphäre von Saturn und Uranus zu verändern; …”

[C] “Der zwischen dem Mars und der Erde kreisende Asteroidengürtel ist in einem beklagenswerten Zustand. Die monumentalen Felsenbrüche, einst in ewige Nacht getaucht, werden mit Elektrizität erhellt, und obendrein ist jeder Abhang mit emsig eingeritzten Initialen und Monogrammen übersät.”

Lösung:

Lösung


Bubble Tea

7. April 2012

Aus der Reihe “kfermion entdeckt die Welt

An der Ecke, gleich neben der Schule, hat ein neuer Laden aufgemacht, in welchem ein Getränk namens “Bubble Tea” verkauft wird. Mir persönlich ist es ja suspekt, wenn einem Lebensmittel ein englischer Name aufgezwungen wird, da das den Eindruck erweckt, eine deutsche Bezeichnung wäre entweder treffend oder verharmlosend. Blasentee ist es jedenfalls offenbar nicht, wird er doch vorzugsweise von Teenagern mit Zahnspangen und unvorteilhaft dosiertem Makeup im Gesicht getrunken anstatt von braungekleideten Senioren in den Achtzigern. Aber was ist es dann?

Ich entscheide meine Wissenslücke zu schließen, und gehe mir einen Bubble Tea kaufen; Geschmacksrichtung Waldmeister, “Topping” Mango Boba; Größe Large. Ich bekomme 700 ml grüner Flüssigkeit in einem zugeschweißten Plastikbecher, mit orangefarbenen Kügelchen (Durchmesser ca 8 mm) im unteren Fünftel (also strenngenommen “Bottoming”) und Eiswürfeln darin. Der Spaß kostet 4,10 Euro. “Treuekarte?” fragt der Verkäufer und reicht mit eine Karte mit zehn Stempefeldern, das erste ist ausgefüllt. “Nein, danke.” – “Ach, nicht aus dieser Stadt.” Äh … genau. Er deutet mir noch an, dass ich den Strohhalm, den ich mir nehmen soll, kräftig in die obere Folie des Bechers stoßen muss.

Auf der Folie ist eine niedliche Figur abgebildet, die ich als Manga-Figur bezeichnen würde, wenn die umgebenden Schriftzeichen nicht chinesisch wären. Ich ramme den Strohhalm, Durchmesser 11,5 mm, durch das Herz der Figur direkt in das grüne Gesöff. Es ist einfach kalte Waldmeisterbrause ohne Kohlensäure, möglicherweise tatsächlich mit einem kleinen Anteil an grünem Tee. Obwohl ich das distale Strohhalmende günstig positioniere, verirrt sich nur von Zeit zu Zeit eine “Mango Boba” in meinen Mund. Die Bubbles sind unerwartet weich und entgleiten bei dem Versuch, sie mit den Backenzähnen zu zerbeißen. Sie müssen also an vier Seiten fixiert und zerquetscht werden, wenn pers allerdings die beiden Schneidezähne, Gaumen und Zungenspitze nimmt, besteht das Risiko, den Inhalt der Bubble durch die Lippen auszuspucken. Das ist sehr frustrierend. Die Blasen bestehen aus dünnem Sirup in einer Haut, die sich wie Plastikfolie anfühlt, aber anscheinend verdaulich ist. Während ich gegen die Bubbles kämpfe, mustern mich die Passant*en neugierig. Ich versuche, in etwa dieses Gesicht zu ziehen.

700 ml Waldmeisterflüssigkeit später sind noch immer die meisten Bubbles am Boden des Bechers; sie mit dem Strohhalm einzusaugen ist weitgehend aussichtslos. Ich reiße also die ganze obere Folie ab und schütte mir die Bubbles pur in den Rachen, als erstes kommen natürlich die verbliebenen Eiswürfel. Die Bubbles schmecken fast nach nichts.

Aber ich kann vielleicht den Strohhalm mal gut gebrauchen.


verzweifelter Versuch, einen wirklich nervigen Ohrwurm zu bekämpfen

5. April 2012

Alsbald wandte sich das karmesinfarbene Roß um und machte Anstalten
Sich mithilfe seines Schweifes der Brachycera zu entledigen.
Jenes Insekt jedoch, mit dem für seine Spezies üblichen Witze, entschied
Sich lediglich in einen peripheren Orbit um das Roß zu begeben.

(für die Unbedarften: [1], [2])


Eine Lanze für … #5 die Naturwissenschaft

12. März 2012

Da ich ja, wie ihr wisst, auf Gegrantel aus dieser Richtung allergisch reagiere, kommt hier (auf die Gefahr hin, mal wieder d* Buhpers die personifizierte Diversity des Blogs zu werden) der Advocatus Dei zu diesem Artikel.

Der feine Unterschied, der seitens Harris’ zwischen Religion und Wissenschaft anscheinend herausgehoben werden soll, ist das Sich-Argumenten-Stellen, nicht mehr und nicht weniger. Im zitierten Beispiel sind ja die 0,126 Teile Wasserstoff (fast) ebenso richtig, da pers sich argumentativ darüber verständigen kann, welche Begriffe verwendet werden (ein Teil Masse oder ein Teil Atom), wie der Messprozess aussehen soll, welche Formeln zur Berechnung verwendet werden etc. Die moderne Chemie kann auch das Modell “Wasser besteht aus kleinen Tetraedern, gefüllt mit Phlogiston und kleinen Häkchen an den Ecken” akzeptieren (übersetzt: Wasser ist ein Oxid und kristallisiert hexagonal aufgrund von Wasserstoffbrückenbindungen) akzeptieren, solange die experimentellen Ergebnisse dadurch adäquat (!) beschrieben werden. (Das ist völlig äquivalent zum Affen als Massepunkt: als mechanisches System ist das völlig akzeptabel; seinen Stoffwechsel beschreiben wir hingegen als thermodynamisches System, sein Sozialverhalten meinetwegen mithilfe psychologischer Modelle, … Aber zu keinem Zeitpunkt wird doch irgendjepersd ernsthaft das System “Affe” mit nur einem dieser Modelle vollständig beschreiben wollen.)

Was die Kritik an (vermeintlichen) (natur-)wissenschaftlichen Mythen betrifft finde ich es auch hier wieder bemerkenswert, wie dabei gebetsmühlenartig auf (Lehr-?!)Bücher verwiesen wird, deren Autoren auf andere verweisen (z. B. auf Kuhn), die sich von denen aber teilweise missverstanden fühlen oder deren Schlussfolgerungen selbst erhebliche Zweifel aufkommen lassen. Und das ausgerechnet von denen, die solche Art Mythen/Ideologien ja eigentlich aufdecken wollen! Aber anscheinend ist auch hier die eigene Ideologie die unmarkierte; deutlich entfernt vom hehren Ziel des “modest witness” (das ja auch schon wieder eine Ideologie repräsentiert).
Anstatt selbst herauszufinden, wie denn Naturwissenschaft tatsächlich betrieben wird (wer z. B. schon einmal in einer Teilchenphysik-Vorlesung saß, wundert sich, wie an dem Standardmodell, trotz seiner bemerkenswerten Vorhersagen und vor allem der Nichtexistenz experimenteller Widerlegungen, kein gutes Haar gelassen wird), wird sich hinter Allgemeinfloskeln versteckt. In einem Forschungsfeld, in dem die zu untersuchenden Dinge nur oberflächlich angekratzt werden (sich z. B. völlig undifferenziert gegen die Verwendung des “Geschlechts” in der Biologie ereifert wird), ist auch Gegrantel gegen Statistikkurse für Psychologiestudent*innen … naja, ich würde es nicht tun.
(Und wenn die zitierten Quellen dann Argumente benutzen wie “Erfahrungen beeinflussen Hirnstrukturen, damit können sich die Gehirne von Männern und Frauen nicht unterscheiden”, kommen mir echt Zweifel.)
Du schreibst “im Wissenschaftsalltag wird häufig bei “Wohlfühlgewißheit” etablierter Mythen methodisch unsauberer gearbeitet als bei kontroversen Themen” – wie passt etwa die jüngste Diskussion über scheinbar überlichtschnelle Neutrinos in dieses Bild? Ein Experiment unter Dutzenden, das ein anderes Resultat liefert, und es erfährt größte Aufmerksamkeit?

Es ist fahrlässig, aus sozial-/kultur-/geisteswissenschaftlicher Perspektive heraus anzunehmen, die in den Naturwissenschaften aufgestellten “Gesetze” seien derselben Beliebigkeit (als Skala gemeint, nicht als Wert auf derselben) unterworfen wie die der erstgenannten Wissenschaften: Wer daran zweifelt, dass das Universum irgendwelchen abstrakten Regelhaftigkeiten unterliegt, an die wir uns durch dadurch, dass wir mit immer allgemeineren “Naturgesetzen” immer mehr Phänomene beschreiben können, nähern, muss sich beispielsweise die Frage gefallen lassen (Odradek kennt sie schon): “Warum stellst du dir zum Aufstehen am Morgen einen Wecker? Wie kannst du einer Maschine vertrauen, deren dir im Detail unbekannte Funktionsweise auf Objekten beruht, die du nicht siehst, dass sie dich aus einem Zustand geistiger Verwirrtheit befreit, und zwar exakt zu einem Zeitpunkt, zu dem ein sehr helles scheibenförmiges Objekt in einem bestimmten Winkel zum Horizont steht?”
Allein die Tatsache, dass wir über “die Naturwissenschaften” reden können, ist Beweis für diese Regelhaftigkeiten. Nehmen wir beispielsweise die Mendel’schen Vererbungsgesetze und die Reinungselektrizität, beides vollkommen unterschiedliche Phänomene, die im 19. Jahrhundert studiert wurden. Heute, 150 Jahre später, nach der konzeptionellen Vereinigung von Elektrizität, Magnetismus und Licht, der quantenphysikalischen Erklärung der Atombindung, der Entdeckung der DNA u.s.w. ist uns klar, dass sich die Mendel’schen Regeln (inklusive Verallgemeinerungen), genau wie die Elektrizität (inklusive Verallgemeinerungen), letztendlich auf Eigenschaften von Atomen bzw. Molekülen zurückführen lassen. Und wie kann da ernsthaft angedeutet werden, naturwissenschaftliche Erkenntnisse seien letztendlich dem Zeitgeist unterworfen, also letztendlich beliebig?
Ja, natürlich können (natur-)wissenschaftliche Erkenntnisse für politische Zwecke instrumentalisiert werden, indem sie zurückgehalten oder verbreitet werden. Insofern ist es sicher von gesellschaftlichen Rahmenbedingungen nicht unabhängig, in welchen Bereichen gerade Theorien verbessert wird (also mehr oder besser Phänomene beschreibt), vielleicht auch in Teilen abgelehnt (“Deutsche Physik”; Evolutionstheorie in Teilen der USA oder im Nahen Osten; Lyssenkoismus; …). Aber diese Problematik ist doch völlig unabhängig von der Frage, ob es eine “absolute Wahrheit” gibt im Sinne einer geschlossenen Theorie, die alle beobachteten Phänomene (naturwissenschaftlich, gesellschaftlich, kulturell, wirtschaftlich, …) beschreiben kann.
Und wieso ist es ausgeschlossen, dass auch von Zeit zu Zeit eine Erkenntnis gewonnen wird, die irgendeine gerade existierende Meinung (bzw. ein Vorurteil) untermauert? Die statistische Wahrscheinlichkeit dafür, dass eine zufällige Aussage “wahr” oder “falsch” (im Sinne einer umfassenden Theorie) ist, ist im Mittel 50:50. Das Fazit “Wir können also festhalten, Ideologie in der Wissenschaft läßt sich dadurch erkennen, daß bereits verbreitete Clichés nur bestätigt und ausdifferenziert werden;” (gemeint war vermutlich “Klischee”) bedeutet also, dass Wissenschaft alle Klischees automatisch widerlegen muss um nicht ideologisch zu sein? Das glaube ich erst, wenn alle Gender-Studies-Professuren der Welt mit Männern besetzt sind :-)
Was die Neurowissenschaften betrifft “die in den letzten 30 Jahren in Mode gekommen sind” möchte ich auf den nicht unwesentlichen Umstand hinweisen, dass die notwendige Technologie vorher nicht zur Verfügung stand.

Die These, die Naturwissenschaftler Ende des 19. Jahrhunderts (und vorher) hätten geglaubt, schon alles entdeckt zu haben, halte ich für einen (wissenschaftskritischen?) Mythos. Wenn ich mir so die derzeitigen Großbaustellen der NaWi anschaue (LHC, Hirnforschung, Raumfahrt, fiese Fragen seitens der Evangelikalen zum Ursprung des Lebens, …) denke ich auch nicht, dass irgendjemand davon ausgeht, die Wissenschaft würde sich nicht mehr weiterentwickeln. Im Umkehrschluss dürfte niemand davon ausgehen, dass sich in 100 Jahren einige unserer Theorien als überholt erwiesen haben werden. Aber egal ob sich beispielsweise ein Elektron als niedrigster Anregungszustand eines zehndimensionalen Strings oder ein Knoten im “Spin-Schaum der Raumzeit” erweist – es wird immer als das (nahezu?) punktförmige Teilchen mit einfach negativer Ladung und halbzahligem Spin angesehen werden, egal aus welchen tieferen Prinzipien “Ladung” und “Spin” letztendlich resultieren. Wir wissen es nicht, aber wir wissen, dass unser derzeitiges Wissen ausreicht zur Beschreibung fast aller Eigenschaften (außer der Masse) des Elektrons.
Wir können nur mutmaßen, dass beispielsweise Newton ähnlich über die Gravitation, Darwin ähnlich über die Evolutionstheorie oder Wegener über die Kontinentalverschiebung gedacht hat. Aber die Alternative, dass alle davon ausgegangen wären, die “letzte Wahrheit” gefunden zu haben (wieso auch?), erscheint viel unwahrscheinlicher.
Das steckt hinter dem, was ihr als “Fortschrittserzählung” brandmarkt: Das Wissen, dass die aktuellen Theorien mehr/genauer beschreiben als die vorhergehenden, und die Extrapolation, dass sie weniger/ungenauer beschreiben als die der zukünftigen Generationen. Dass sich manchmal die Begriffe ändern und T. S. Kuhn manchmal so fies klingende Wörter zur Beschreibung benutzt, darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass die “alten” Theorien grundsätzlich Speziel-/Grenzfälle der “neuen” Theorien sind und sein müssen. Aber das kann nur erkennen, wer sich auch wirklich mit den untersuchten (Natur-)Wissenschaften beschäftigt, wer wirklich versteht, wovon sie handeln, und nicht “nur” als Teil einer nichtnaturwissenschaftlichen Abhandlung.

Und ich möchte noch einmal betonen, dass die “Rückwärtsrichtung”, also das Lehren “veralteter” Theorien, durchaus als wesentlicher Bestandteil von naturwissenschaftlichen Studiengängen verstanden wird; damit entsteht die – nur für Außenstehende! – paradoxe Situation, dass je nach Situation ein Paradigma (jetzt musste ich das Wort doch benutzen) gewählt oder gar eine Mischform zur Beschreibung eines bestimmten Phänomens benutzt wird. Somit kann vom einem unüberwindlichen Bruch, zu dem etwa der Unterschied zwischen Spezieller Relativitätstheorie und Newton’scher Mechanik hochstilisiert wird, überhaupt nicht die Rede sein.
Insofern gehe ich davon aus, dass auch in 100 Jahren in den Neurowissenschaften gesagt werden wird: “Vor 100 Jahren herrschte die Vorstellung X vor, die sich zwar im Bereich Y als unzureichend erwiesen hat, aber da die vollständige Betrachtung sehr aufwändig ist, wird außer in Y die Theorie X angewendet”.

Ich begreife auch die Kritik an der Alltagsintuition nicht so ganz: wann hört denn Wissenschaft auf, sich aus (experimentellen oder angelesenen) Alltagserfahrungen zu speisen?

Die zweitinteressanteste Art Experiment ist übrigens die, die erstmalig durchgeführt wird, um eine Theorie zu testen, die aufgrund deutlich anderer Experimente aufgestellt wurde. Dass solche Experimente überhaupt die vorhergesagten Ergebnisse liefern (Beispiel) ist außerhalb einer allgemeinen Regelhaftigkeit im Universum völlig unvorstellbar.

Mir ist auch nicht bekannt, dass in irgendwelchen Lehrbüchern versucht würde, Antwort auf die “existenziellen Fragen” zu geben, insofern ist Naturwissenschaft irreligiös und nicht atheistisch; die Antworten werden nicht verdrängt, sondern die Fragen nicht gestellt (warum auch? Wird etwa von den Künsten verlangt, sie zu beantworten? Vom Sport? Vom Schachspiel?), einfach weil die Wissenschaft zugibt, dass sie nicht zuständig ist. Was jeder aus den Erkenntnissen der Wissenschaft für sein eigenes Leben gewinnt, ist etwas anderes.


Gesucht: Gott

11. März 2012

Vollzeitjob, Vergütung nicht spezifiziert


Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.